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Schlüsselroman : Die ganze Wahrheit über Suhrkamp

  • -Aktualisiert am

Die Schlüsselfigur heißt bei Gstrein Dagmar: Ulla Unseld-Berkéwicz, hier bei der Vorstellung ihres Buchs „Überlebnis” Bild: dpa

Ein Literaturskandal mit Ansage: Der Schriftsteller Norbert Gstrein präsentiert in Berlin vorab seinen Schlüsselroman über die Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz. Dahinter steckt Kalkül - aber geht es auf?

          „Dann müssen wir wohl doch darüber sprechen, worum es geht“, sagt Norbert Gstrein irgendwann, nachdem die Sparringspartner seiner Buchvorstellung in der Reihe „Studio LCB“ etwa eine halbe Stunde lang um die Namen „Suhrkamp“ oder „Ulla Berkéwicz“ herumgeredet hatten wie um einen sehr, sehr heißen Brei, an dem sich keiner die Zunge verbrennen wollte. Sein neuer Roman, der ironisch-provokativ „Die ganze Wahrheit“ heißt, schildere eine „Konstellation“, die „an eine Konstellation im Suhrkamp Verlag erinnert“. Da habe es keinen Sinn, „Versteck zu spielen“ oder zu sagen: „Das ist mir unterlaufen.“ Also Klartext bitte!

          Zuvor hatten der Moderator Hubert Winkels und die Kritiker Kristina Maidt-Zinke und Rainer Moritz ausführlich von der „Anti-Wahrheitsprosa“ der früheren Werke Gstreins, von seiner radikalen Skepsis und seinem Dekonstruktivismus gesprochen - so, als wollte man dem Autor eine feste Theoriebrücke bauen, um sein neues Buch als autonomes Werk der Fiktion gegen jede Skandalisierung zu wappnen. Doch diese Strategie, auf die Maxim Biller und sein Verlag im Streit um den Roman „Esra“ konsequent setzten, will Gstrein offenbar nicht wählen.

          Die Witwe neigt zum Theatralischen

          Sein Roman „Die ganze Wahrheit“, der erst am 16. August, also in zwei Monaten, im Hanser Verlag erscheinen soll, erzählt von der zu Okkultismus und zum Theatralischen neigenden Witwe eines bekannten Verlegers, die über das Sterben ihres deutlich älteren Mannes ein Buch geschrieben hat. Ich-Erzähler des Romans ist ein ehemaliger Lektor des Verlags, der sich wegen dieses schwülstig-verlogenen Erinnerungswerks mit seiner Verlegerin überworfen hat und nun selbst in einem Gegenbuch die Ereignisse aus seiner Sicht schildern will.

          Verstecken hat keinen Sinn: Schriftsteller Norbert Gstrein
          Verstecken hat keinen Sinn: Schriftsteller Norbert Gstrein : Bild: picture-alliance / dpa

          Der alte Verleger heißt Heinrich Glück, die Witwe heißt Dagmar und ist blond, der Verlag sitzt in Wien und ist kein Flaggschiff der intellektuellen Kultur, sondern ein erlesener Kleinverlag. Viele äußerliche Fakten hat Gstrein also gegenüber dem realen Vorbild geändert. Dennoch wird niemand, der auch nur oberflächlich mit der Suhrkamp-Story vertraut ist, den Roman anders denn als Schlüsselroman lesen können. Gleich der Anfang, den Gstrein mit kalter und harter Diktion las, winkt mit dem Zaunpfahl, wenn der Erzähler darüber nachsinnt, aus Schutz vor Klagen des berüchtigten Verlagsjuristen Details in seinem Buch zu ändern, etwa den Verlagssitz von Wien nach Berlin zu verlegen.

          Schwarze Magie, Heiler, Wahrsager

          Norbert Gstrein weiß, was er tut. Er war seit seinem Debüt „Einer“ von 1988 Autor des Suhrkamp Verlags und hatte ein auch persönlich enges Verhältnis zu Unseld. Erst vor wenigen Jahren wechselte er zu Hanser (dessen Verleger Michael Krüger übrigens auch Suhrkamp-Autor ist). „Der Winter im Süden“ erschien dort 2008, demselben Jahr, in dem Ulla Berkéwicz „Überlebnis“ veröffentlichte, ihr Unseld-Erinnerungsbuch, dessen fiktionalisiertes Pendant nun eine zentrale Rolle bei Gstrein einnimmt.

          Wenn man sagt, Gstrein sei mit der Materie vertraut, dann meint das nicht nur die recherchierbaren Fakten, sondern mehr noch die Gerüchte, Mythen und Legenden, die sich um die Gestalt der Verlegerin winden: den immer wieder kolportierten Hang zur schwarzen Magie, die Beschäftigung von Heilern und Wahrsagern, ihr gnostisches Weltbild, das für sie selbst eine heilsgeschichtliche Rolle vorsieht, ihre Paranoia. Fiktionen sind, mit anderen Worten, längst ein unlösbarer Teil der „ganzen Wahrheit“ über Suhrkamp. Gstrein machte in Berlin den guten Witz, dass seine Geschichte deswegen in einem Kleinverlag spielt, weil es ja völlig unwahrscheinlich klinge, dass in einem Verlag von der Größe und dem Rang Suhrkamps okkulte Praktiken regierten. In der Fiktion sind eben Halbwahrheiten das Medium der Erkenntnis.

          „Prosa mit schwerem Wirklichkeitsgewicht“

          Gstrein hat sich in seinem Werk immer wieder mit dem Verhältnis von Realität und Literatur auseinandergesetzt. Sein Roman „Das Handwerk des Tötens“ von 2003 lehnte sich an das Schicksal des „Stern“-Reporters Gabriel Grüner an, der in den letzten Tagen des Kosovo-Krieges erschossen wurde. Damals musste sich Gstrein gegen Angriffe aus dem Umfeld Grüners wehren und schrieb daraufhin die Streitschrift „Wem gehört eine Geschichte?“ Den Fall „Esra“, dessen Urteile heute den Rahmen jeder literarischen Verarbeitung realer Personen definieren, wird Gstrein genau verfolgt haben. „Die ganze Wahrheit“ ist auch ein Kommentar dazu. Es geht daher an der Sache vorbei, wenn man wie Rainer Moritz fordert, den Roman ganz unabhängig von seinen Vorbildern zu lesen. Das Verhältnis des Erzählens zur Wirklichkeit ist gerade sein Thema.

          Welches Kalkül steckt dahinter, wenn Norbert Gstrein sein Buch vorab als „Prosa mit schwerem Wirklichkeitsgewicht“ selbst in die Debatte bringt? Hofft er vielleicht gar, dass Suhrkamp auf diesen Köder beißt und das Erscheinen zu verhindern sucht? Juristisch will Gstrein sich allseits abgesichert haben. Was er erwarte, wurde er zum Schluss gefragt. Dass er am Leben bleibe, sagte er, „und nicht verzaubert oder verhext werde“. Was bringt der Sommer? Einen Literaturskandal mit Ansage.

          Quelle: F.A.Z.

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