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Autorin Jenny Diski im Porträt : Formen der Verdammnis

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Eine großartige Beobachterin innerer und äußerer Erregungen: die englische Autorin Jenny Diski, geboren 1947. Bild: CAMERA PRESS/Nick Sinclair

Neben diesem Kaschmirplaid von einem Roman wirkt „Fifty Shades of Grey“ wie ein verfilzter Wischmopp: Auch nach dreißig Jahren liest sich Jenny Diskis neu aufgelegtes Werk „Schläge und Küsse“ über eine sadomasochistische Affäre taufrisch.

          Es gibt viele Gründe, sich mit Jenny Diski zu beschäftigen. Zunächst einmal ist sie eine der unzimperlichsten, klügsten Autorinnen Großbritanniens, wie zahlreiche Romane und Aufsätze, allen voran aber ihre Kolumnen für die „London Review of Books“, beweisen. Ebendort, in diesem Tagebuch in Essayform, findet man seit einigen Wochen faszinierende Einträge darüber, wie Diski 1963 als Fünfzehnjährige bei der Schriftstellerin Doris Lessing Unterschlupf fand, die eher aus Neugier denn aus Neigung an die Stelle von Diskis abwesender leiblicher Mutter trat. Erste literarische Spuren dieser traumatischen Kindheit zwischen zeternden Eltern und frühen Anfällen von Depressionen finden sich bereits in „Nothing Natural“, Jenny Diskis 1986 erschienenem Debütroman über eine sadomasochistische Affäre.

          Dieser Roman wiederum liest sich auch heute, nach fast dreißig Jahren, noch taufrisch - weshalb der Verlag Klett-Cotta ihn just in diesen Tagen unter dem Titel „Schläge & Küsse“ in deutscher Übersetzung wieder aufgelegt hat. „Fifty Shades of Grey“ nimmt sich daneben aus wie ein verfilzter Wischmopp neben einem Kaschmirplaid. Kaschmir wiederum gehört zu jenen Dingen, die Jenny Diski von ihrer Einkaufsliste gestrichen hat, nachdem ihr im September eröffnet wurde, dass der Tumor in ihrer Lunge inoperabel sei und sie noch zwei bis drei Jahre zu leben habe - mit etwas Glück. Aber der Reihe nach.

          Auf Schlittschuhen in die Antarktis

          In den späten achtziger und neunziger Jahren hatte Jenny Diski eine kleine Karriere in den deutschsprachigen Feuilletons. „Küsse & Schläge“ wurde rezipiert als die kluge Darstellung von Sexualität und Gewalt, die es ist; mit „Regenwald“ (1990) folgte eine ökologisch grundierte Variation des Unterwerfungs-Themas. In „Mutterkind“ (1992) erlebte man einen hirngeschädigten Säugling als bizarr eloquentes Erzähler-Ich. In „Esthers Traum“ (1995) beschäftigte Diski sich mit ihren jüdischen Wurzeln. 1999 erschien mit „Das blaue Herz des Eises“ die deutsche Fassung ihrer fesselnden Autobiographie „Skating to Antarctica“, in der sie skizzenhafte Erinnerungen an ihre unglückliche Kindheit mit dem Bericht über eine Reise in die Antarktis kurzschließt. Danach - Stille. Obwohl dieses letzte ihr bis dahin erfolgreichstes Buch war, taucht Diskis Name danach hierzulande kaum mehr auf. Jahrelang war keines ihrer Bücher mehr auf Deutsch lieferbar.

          Dabei hat Jenny Diski natürlich weitergeschrieben. Für sie gehören Leben und Schreiben derart untrennbar zusammen, dass selbst die Krebsdiagnose sie nicht beirren kann: „Die Sache ist die“, sagt sie zu einem Kollegen vom „Observer“, „ich bin wahrscheinlich ein idealer Kandidat für diese Krebssache. Im Ernst! Schließlich tue ich nichts lieber, als auf dem Sofa zu sitzen und vor mich hin zu schreiben.“ Außerdem sei sie von Natur aus eigenbrötlerisch und gehe nur ungern aus. Zu ihrem verdutzten Arzt sagt sie: „Dann fangen wir wohl besser an, Meth zu kochen“ - eine Anspielung auf „Breaking Bad“, von der sie nicht sicher ist, ob der Mediziner sie nicht versteht oder aber schon viel zu oft gehört hat. Wieder daheim, macht sie sich an die Kolumne „A Diagnosis“, und jenseits von nun plötzlich relevanten Fragen wie der, ob die Batterien der Fernsehfernbedienung länger durchhalten als sie, und einem für Diski typischen, stets mitreflektierten Bewusstsein, sich zwar persönlich in einer neuen, aber kulturell überaus vertrauten Situation zu befinden, ist der furchtlos Schreibenden rasch klar, wohin die Reise geht: in die Vergangenheit.

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