http://www.faz.net/-gr0-94qfk

Zum 80. von Paul Maar : Stoff schmeckt gut

Das Sams nennt ihn Papa: Paul Maar Bild: dpa

Diese Welt ist nicht heil, aber durch Sprache kann sie geheilt werden: Zum Achtzigsten des Kinderbuchautors Paul Maar, der uns das Sams geschenkt hat.

          Warum blickt man auf einen Schriftsteller wie Paul Maar zu seinem achtzigsten Geburtstag so ganz anders als auf, sagen wir, Don DeLillo? Es hat natürlich damit zu tun, dass er ein Kinderbuchautor ist. Was aber genau bedeutet das für die Wahrnehmung seiner Person?

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Geschichte, aus der hervorgeht, dass Paul Maar sich zu Beginn seiner Laufbahn selbst mit dieser Zuschreibung schwertat, hat er oft erzählt. Von seinem ersten Verleger Friedrich Oetinger Ende der sechziger Jahre zur Vertragsunterzeichnung nach Hamburg eingeladen, hielt er diesem erst einmal einen zurechtgelegten Vortrag, in dem er darlegte, dass er, Maar, gedenke, bald zur ernsten Literatur überzuwechseln. Der Verleger machte ihm daraufhin klar, dass sie beide nur zusammenarbeiten könnten, wenn er sich der Kinderliteratur mit Haut und Haar verschreibe. Ganz fair war diese Bedingung vielleicht nicht, doch führte sie dazu, dass Oetinger zu einer Zeit, in der es, so Maar, noch kaum gute Kinderbücher gab, eine der innigsten Autor-Leser-Beziehungen stiftete, die die deutsche Literatur gesehen hat.

          Widerstandsgeist und freies Denken

          Sie gründet zum einen darin, dass Kinderbuchautoren ihre Leser naturgemäß länger begleiten, als es Erwachsenenschriftsteller oder selbst die erste Lieblings-Musikgruppe jemals vermögen. Denn diese Verbindung geht über die Kindheit hinaus. Irgendwann lesen auch die eigenen Kinder die von den Eltern gepriesenen Bücher, die Phantasien verbinden sich, etwa beim Vorlesen – und sie tun es sogar mit der des Autors: Kinder schreiben Paul Maar, wie er im Gespräch immer wieder erzählt, viele Briefe, in denen sie ihm Fragen stellen und ihn auf neue Ideen bringen. Maars Leser haben das Gefühl, jederzeit Kontakt zu ihm aufnehmen zu können. Tatsächlich beantwortet er noch heute jeden an ihn gerichteten Brief.

          Auch seine Zeichnungen trugen zur Popularität der Figuren bei: Maar malt Sams.

          Dem Sams, dessen genialer Name sich vom ersten Tag des Wochenendes ableitet, was man in Deutschland niemandem weiter erklären muss, gelingt es auf unnachahmliche Weise, gleich mehrere Generationen gemeinsam zum Lachen zu bringen – nicht auf unterschiedlichen Ebenen, sondern auf derselben. Dass die Figur, nicht Junge noch Mädchen, über die Jahre so gar nicht gealtert ist, verdankt sie zunächst ihren überzeitlichen, phantastischen Zügen. Das Sams kann Wünsche erfüllen, Zeit- und Raumreisen ermöglichen und ist vor allem mit einem derart pausbäckigen Optimismus gesegnet, dass man durch seine „frechen, flinken Äuglein“ die Welt, allen Gefährdungen zum Trotz, immer von ihrer besten Seite sieht.

          Doch kann man Maar, der als Kind die Fliegerangriffe auf seine Geburtsstadt Schweinfurt im Luftschutzkeller erlebte, der heute in Bamberg und in einer Orangerie im Unterfränkischen lebt und schreibt, nicht zum Autor einer heilen Welt reduzieren. Wie fast alle großen literarischen Kinderbuchfiguren von Lindgrens Pippi Langstrumpf bis zu Rowlings Harry Potter stachelt das Sams seine Leser zum Widerstandsgeist und zum freien Denken an – vielleicht das Wichtigste, was man Kindern überhaupt vermitteln kann. Andererseits ist es nur bedingt ratsam, dass Eltern selbst allzu viel davon in ihrer Erziehung erwecken. Sie brauchen einen verlässlichen Verbündeten wie Paul Maar, der dies, ohne je maßlos zu werden, mit beweglichstem Humor für sie erledigt.

          Sams-Vermehrung: Illustration aus dem Band „Sams im Glück“

          Der Maarsche Widerstandsgeist erschöpft sich nicht darin, dass das Sams so ausgesucht frech ist und kein Blatt vor den Mund nimmt. Er liegt auch in der Sprache selbst. Nimmt man sich nur einmal den ersten Sams-Band von 1973 vor und folgt der betörend zwangsläufigen Prosa, fühlt man sich zuweilen geradezu in ein absurdes Theaterstück versetzt. Das ist kein Zufall. Vor allem Samuel Beckett hat auf den damals siebzehnjährigen Maar entscheidenden Einfluss ausgeübt, der wohl in der Entdeckung bestand, dass in der Sprache und der Kunst, allen existentialistischen Zweifeln zum Trotz, Freiheit liegt. Aus der willkürlichen Silbe „Sams“ folgt bei Maar eine ganze Geschichte. Die Tatsache, dass er bei der Illustration der Sams-Sommersprossen aus Versehen einen vorher in Blau getunkten Pinsel verwendete, führte zur Idee der Wunschpunkte, und ein guter Reim schafft bei Maar im Handumdrehen, in einer Art Kettenreaktion, neue Realitäten. Die Welt erweist sich bei alldem als spielerisch formbar. Sie ist nicht heil, aber durch Sprache heilbar.

          Zu Paul Maars achtzigstem Geburtstag überkommt seine frühen Leser aber auch ein wenig Wehmut. Sie hängt damit zusammen, dass die sich in „Lippels Traum“ so selbstverständlich ausbreitende Lesewelt immer stärker von der tückischen Möglichkeitsmaschine Handy in die Ecke gedrängt wird. Hat das Sams gerade einen Wunschpunkt übrig? Man müsste ihn für die Verbannung der Elektronik aus den Kinderzimmern verwenden.

          In bemerkenswerter Regelmäßigkeit hat Paul Maar, auch in Gedichten, Theaterstücken, Filmen und selbst Videospielen, der Verengung kindlicher Phantasie seine ganze Kreativität entgegengesetzt. Über das Kindertheater hat er einmal gesagt, das Wichtigste sei, dass die Kinder „glücklich“ aus dem Theater gingen. Mit seinen Bildern und Texten hat Paul Maar selbst seinen Lesern ein Glück der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten, die aus der Phantasie und der Sprache erwachsen, unzählige Male beschert. Auch das unterscheidet Kinderbuchautoren von anderen Schriftstellern: Man ist ihnen auf besondere Weise dankbar.

          F.A.Z.-Newsletter Familie
          F.A.Z.-Newsletter „Familie“

          Leben mit Kindern: Die wichtigsten Artikel zu Familienorganisation, Erziehung, Finanzen, Schule, Wohnen und Freizeit. Abonnieren Sie den Newsletter „Familie“.

          Weitere Themen

          Genau richtig

          Kabarett in Höchst : Genau richtig

          Martina Schwarzmanns Kabarett kommt aus dem prallen Leben einer oberbayerischen Landfrau. Das hat etwa nichts mit uns zu tun? Oh doch.

          Topmeldungen

          Falscher Corpsgeist : Im Sog der Dieselbetrüger

          Erst der Ruf, dann der Vorsprung: Die zögerliche Aufarbeitung des Dieselskandals durch VW droht die gesamte deutsche Autoindustrie in den Abgrund zu reißen. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.