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Mittelalter-Dichter Rutebeuf : Geiz ist doch völlig ohne Reiz

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Dieses Buch, den „Roman des Rois“, empfing der französische König Philipp III. gern. Bei den Dichtungen des Untertanen Rutebeuf dürfte es anders gewesen sein. Bild: akg-images

Der Pariser Dichter Rutebeuf polemisierte im dreizehnten Jahrhundert gegen Geldgier und Geiz, gegen die Heuchler und Wahrheitsverdreher. Doch er verhehlte dabei seine eigenen Süchte und Dämonen nicht.

          Eigentlich ist das ein Dichter, den es in jener Epoche gar nicht geben dürfte. Die Erben der Troubadours und deren Berufskollegen, die deutschen Minnesänger, beschworen verzückt den Frühlingsanfang und die neu erblühende Liebe, er aber hielt sich selbst und seiner Zeit erbarmungslos den Spiegel vor. Die Liebe scheint für ihn überflüssig zu sein, sie ist ein Luxusprodukt der höfischen Kreise, ein Thema, dem er sich mit bissigem Underdog-Bewusstsein verweigert. An der Stelle der Liebe klafft eine trotzige Lücke. Mögen die anderen von Frühlingsanfang und Liebe faseln – bei Rutebeuf herrscht „Eiszeit“, die Kälte einer mitleidlosen Welt: „Wenn Bäume bald ihr Kleid verlieren / Und Blätter schon am Ast erfrieren, / Kann nichts mehr bleiben – / Muss ich von meiner Armut schreiben, / Die mich verfolgt mit Kesseltreiben / Zur Winterzeit“ (in „Winterpech“, 1256).

          Rutebeuf ist eine außergewöhnliche Erscheinung unter den französischen Dichtern des dreizehnten Jahrhunderts, ein urbaner Poet völlig neuen Typs im Mittelalter. Erstaunlich die Vielfalt seiner Themen und Genres: von der autobiographischen Beichte voller lyrischer Bilder zur herben Gesellschaftssatire, von allegorischer Hof- und Königskritik zum religiösen Theaterstück und zum Heiligenleben, vom derben Schwank und karnevaleskem Unsinn zum inbrünstigen „Ave Maria“. Kein anderer Dichter im dreizehnten Jahrhundert hatte eine so phänomenale literarische Bandbreite.

          Weder sein genaues Geburts- noch sein Todesdatum sind bekannt: Geboren um 1230, gestorben um 1285, war er stark mit der Stadt Paris verbunden, in die er – wahrscheinlich aus der Champagne stammend – als Student kam. Paris war damals bereits glänzendes Macht- und Kulturzentrum. Seine Lebenszeit verlief unter den Königen Ludwig IX. (alias Ludwig der Heilige, König von Frankreich 1226 bis 1270) und dessen Sohn Philipp III. der Kühne (1270 bis 1285).

          Radikal subjektiv und gleichzeitig humanistisch

          Seine Werke entstanden von der Mitte des Jahrhunderts an, die meisten im Zeitraum von 1256 bis 1277. Zweihundert Jahre vor dem spätmittelalterlichen Poeten und Vagabunden François Villon, mit zuweilen ähnlichen, aber eigenen Akzenten, dichtet Rutebeuf als radikal subjektiver Dichter von seinem schwierigen Leben, von einer Welt in der Krise. Doch Vorsicht: Rutebeuf ist kein Krimineller wie Villon, der sich in seinen Gedichten bereits am Galgen hängen sah. Er pocht auf Moralität, gesunden Menschenverstand, humanitäre Standards und die unabweisbare Wahrheit.

          Sein Name ist vermutlich ein Pseudonym, „Rutebeuf“ bedeutet wörtlich „rüder/roher Ochse“. Fünfzehn Mal kommt dieser Name in seinem Gesamtwerk vor, als sei er eine Signatur. Das wenig schmeichelhafte Pseudonym meint vielleicht schlicht: Ich bin der Ungehobelte, Ungeschliffene. Rutebeuf ist der erste „freie Autor“ der Weltliteratur und wie alle freien Autoren gefangen im unfreien Überlebenskampf dessen, der nichts anderes kann als schreiben und dichten. Unbegabt für manuelle Arbeiten („Kein Handarbeiter bin ich – schlau / Ich wohne nirgendwo oder genau / Wo Armut haust“), keinerlei Handwerk beherrschend, nur eben mit Sprache begabt.

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