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Russischer Erfolgsautor Unsere Mumien tragen Prada

09.05.2010 ·  Im Totenreich der Clubs: Der Moskauer Bestsellerautor Sergej Minajew taucht ein ins teure und leere Leben der russischen Wirtschaftsnoblesse und kritisiert ihre Dekadenz und Prasserei aufs Allerzynischste.

Von Kerstin Holm, Moskau
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Sergej Minajew ist der Renaissance-Mensch des modernen Moskau. Der Zeithistoriker machte in den neunziger Jahren bei einer Weinimportfirma Karriere, tauchte ein ins Reich der teuren Klubs und Luxusmarken und schrieb, nachdem er Christian Krachts „Faserland“ gelesen hatte, einen Bestseller über die Härte und Leere seines erfolgreichen Lebens. Unter dem Titel „Duchless“, einer anglo-russischen Worterfindung für geistlos, erzählt er von Scheintätigkeiten hochbezahlter Manager, pseudoschüchternen Sexbomben, die einen Sponsor, und armen Intellektuellen, die eine Ersatzbefriedigung suchen.

Minajew fehlt der brüchige Lyrismus seines Vorbilds Kracht. Mit ruppiger, leicht konsumierbarer Sprache führt er einen kapitalismuskritischen Rundumschlag. Seit dem vom Publikum verschlungenen Erstling, der in Deutschland soeben unter „Seelenkalt“ erschienen ist, schreibt er jährlich mindestens einen neuen Schmöker über das Lügengeschäft von Politik und Medien, in dem er selbst parallel zum Helden geworden ist: Denn Minajew, über den anspruchsvolle Kritiker und eifersüchtige Glamourköniginnen die Nase rümpfen, moderiert die Fernsehtalkshow „Ehrlicher Montag“ und eine Radiosendung. Er gründete einen Verlag, der den letzten Roman von Christian Kracht auf Russisch herausbrachte. Und all das, ohne seinem Spirituosengeschäft untreu zu werden.

Sergej Minajew empfängt im Lobby-Café des Glaspalastes der Moskauer Stadtregierung, in dem die Firma ihr Hauptquartier hat. Hier arbeitet die Führungsriege einer vierhundert Mann starken Belegschaft, die mit einer Filiale in Petersburg und Ablegern in den wichtigen Provinzzentren den russischen Genussmittelmarkt mitregiert. Wie der Konzern, bei dem der Held von „Seelenkalt“ zum mittleren Management gehört, nur dass er statt Alkoholika Importkonserven vertreibt. Der Roman entwirft eine archetypische Betriebsgeschichte. Ein Russe, der bei der Mafia verschuldet ist, zieht einen gierigen französischen Investor nach Moskau, wo Bürokraten ihn von seinen dubiosen Partnern erlösen und selbst in die Zange nehmen. Es ist Minajews selbsterklärte literarische Mission, dem modernen Wirtschaftsleben alle moralischen Hüllen herunterzureißen. Das gesamte sogenannte Business sei, heißt es an einer Schlüsselstelle, in Wahrheit ein geschlossener Kreislauf quasisexueller Indienstnahmen. Man befriedigt seinen Boss und lässt sich von den eigenen Untergebenen befriedigen. Der Boss besorgt es dem Generaldirektor in Paris, der Generaldirektor den Aktionären und die wiederum den Verbrauchern, wobei unklar bleibt, wer den größten Lustgewinn hat.

Die Leere hinter dem Nobelkostüm

Vielleicht Minajew, seit er mit allem so schön abrechnet. Der fünfunddreißig Jahre alte Mann mit weichen Gesichtszügen und einem Dreitagebart bestellt Perrier und zitiert Oscar Wilde mit den Worten, er genieße es, Teil der Prozesse seiner Zeit zu sein. Für ältere Russen seien vielleicht noch Meinungsfreiheit und Menschenrechte wichtig, so Minajew, der als Kind Jungpionier war und in den Komsomol eintreten wollte. Doch seine Generation sei vor allem von McDonald’s und MTV erzogen worden, verkündet er lächelnd, und bete den Gott der Massenmedien an.

Als Spitzenergebnis dieser epochalen Degeneration schildert er in „Seelenkalt“ das Totenreich der Nobelnachtklubs. Bei deren Stammgästen, die Clubveteran Minajew Mumien nennt, haben Drogen und Diäten die Körper, Trendmagazine und Unterhaltungsshows die Gehirne ausgetrocknet. Unter Prada-Kleidern, Brioni-Anzügen, Chanel-Brillen gähnt die Leere. Die suggestive Gespensterszene ist wie eine Hommage an die Werbe- und Konsum-Fatamorganas von Viktor Pelewin, als dessen Erbe Minajew bezeichnet wurde, freilich ohne dessen intellektuelle Distanz und Ironie zu erreichen.

Denn Sergej Minajew, der sich vorauseilend konformistisch über das von ihm gezeichnete Bild seiner Generation definiert, hat keine andere Welt. Mit genüsslichem Widerwillen schildert sein Romanheld das Geschwätz unappetitlicher Freunde, die keine sind, zu denen er aber immer wieder zurückkehrt, aufdringliche Mädchen, die um Geschenke heischen, verlogene, feige Geschäftspartner. Am Ende überwirft er sich mit allen. Nur den „guten“ Pop- und Modelabels bleibt er treu. Die Markenabhängigkeit von Minajews Figur wirkt authentisch. Je mehr transnationale Konzerne kleinere Konkurrenten aufsaugen, desto näher kommen wir einem neuen, sich natürlich zu philanthropischen Werten bekennenden Totalitarismus, fürchtet er. Für Russland, dessen historische Mission es eigentlich sei, der Welt vorzuführen, wie man es nicht machen soll, sei die eigene Unzivilisiertheit dagegen der beste Schutz.

Zynische Maske eine Romantikers?

Dem modischen Fortschrittsskeptiker wurde vorgehalten, er bediene kreml-nahe Auftraggeber. Unsinn, behauptet Minajew, das seien Halluzinationen der russischen Neidkultur. Doch als Moderator beim staatlichen Fernsehkanal NTW, der zuvor die oft regierungskritische, vom Schriftsteller Wladimir Solowjow geleitete Vorgängersendung „An die Barriere“ absetzte, moderiert Minajew im Habitus zwar offensiv, in der Sache aber immer konziliant. Er findet das nicht ehrenrührig. Die Staatsführung sei für ihn wie ein Busfahrer, sagt der Autor. Wer mit deren Kurs nicht einverstanden sei, solle aussteigen oder versuchen, selbst zu steuern. Ständige Störmanöver würden vor allem die Fahrsicherheit beeinträchtigen.

Den Vorwurf, er sei Zyniker, steckt Minajew ein. Zynismus sei bekanntlich die Maske der Romantiker, sagt er beinahe stolz. Wie auch die des Helden von „Seelenkalt“, der sich am Schluss des Buches in seine Kindheit zurücksehnt, als er noch nicht gegen die Welt Krieg führen musste. Damals hielten die Eltern auch jede Vorstellung vom Tod von ihm fern. Dieser begegnete dem Jungen, als er einmal mit seiner Großmutter spazieren ging, in Gestalt eines überfahrenen Hundes, der in leb- und sinnloser Drohgebärde die Zähne fletschte. Daran erinnert sich der Held, als er auf einer vermüllten Waldlichtung eine tote Ratte liegen sieht, mit aufgerissenem Maul und wie ein Tiger zum Sprung geduckt. Die aggressiven Vertreter des Moskauer Mikrokosmos mit ihrer permanenten, skrupellosen Fressgier seien wie Ratten, schießt es ihm durch den Kopf. Hemmungslos fressen wir unsere Lebenswelt auf, bis wir uns gegenseitig verschlingen und so irgendwann selbst ausrotten. Und wer weiß, ob an unsere Stelle vernünftigere Wesen treten.

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Jahrgang 1958, Feuilletonkorrespondentin in Moskau.

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