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Rückfragen an Aravind Adiga : Lieber umsonst bei Einaudi als für viel Geld in Deutschland

  • -Aktualisiert am

Nur Celan bedeutet ihm etwas: Aravind Adiga Bild: REUTERS

Mit seiner Behauptung, Deutschland sei für Intellektuelle bedeutungslos geworden, hat der Booker-Preisträger Aravind Adiga heftige Gegenreaktionen hervorgerufen. Wir haben ihn um Präzisierung seines Standpunkts gebeten. Seine Entgegnung wird die Debatte kaum entschärfen.

          Mit seiner Behauptung, Deutschland sei für ausländische Intellektuelle bedeutungslos geworden, hat Aravind Adiga eine Debatte entfesselt. Wir haben ihn mit den Reaktionen unserer Leser konfrontiert. Seine Entgegnung wird die Gemüter kaum beruhigen.

          Ihre Aussagen machen einen ganz schönen Wind in Deutschland. Uns erreichen offene Briefe, Anrufe, Stellungnahmen im Internet (siehe auch: Der indische Booker-Preisträger Adiga will nicht nach Deutschland). Manche geben Ihnen sogar tendenziell recht, aber natürlich gibt es viel Widerspruch und noch mehr Verwunderung.

          Nun, ich wollte niemanden in Deutschland beleidigen, sondern nur so detailliert wie möglich erklären, warum es für mich keine Freude wäre, nach Deutschland zu kommen.

          Es geht aber auch ein bisschen durcheinander. Sie erwähnen negative persönliche Erfahrungen, dann kommt das Pauschalargument, Deutschland besitze keine Bedeutung für Intellektuelle mehr. Nach Spanien und Holland brechen Sie dann aber auf. Haben diese Länder demnach eine größere geistesgeschichtliche Bedeutung für Sie?

          Spanien, zum Beispiel, ist das Zentrum des lateinamerikanischen Buchmarkts. Auch spanische Schriftsteller haben mich nicht besonders beeinflusst, aber Barcelona ist zugleich das verlagstechnische Zentrum für Kolumbien und Mexiko. Und ich freute mich darauf, Menschen kennen zu lernen, die mit Marquez und Fuentes und den anderen lateinamerikanischen Autoren gearbeitet haben, die in Indien so populär sind.

          Holland, des Weiteren, hat eine Verlagswirtschaft von weltweiter Bedeutung. Mein niederländischer Verleger kaufte die Rechte an meinem Roman noch bevor mein indischer oder mein englischer Verlag zugriffen. Und mein italienischer Verleger, Einaudi, ist einer der bedeutendsten Verleger überhaupt - dort wurde Pasternak publiziert als er in Russland verboten war. Jeder politisch linke Autor möchte von Einaudi verlegt werden.

          Das ist jetzt rein verlegerisch argumentiert. Hat Deutschland auch unter diesem Aspekt keine Chance?

          Das heutige Deutschland hat keine vergleichbare Bedeutung für einen indischen Autor. Das einzige Interesse an einer deutschen Publikation ist ein kommerzielles: Geld. Aber um ehrlich zu sein, schreibe ich nicht aus diesem Grund. Ich würde eher umsonst bei Einaudi publizieren als für viel Geld in Deutschland.

          Das klingt nun aber wieder sehr provokant. Sie bleiben bei Ihrer These?

          Ich begrüße es sehr, wenn Leute ehrlich und direkt sind, was in Indien selten ist. Ich versuche ebenso zu sein. Vielleicht sollte ich seltener mit der Presse reden. Die meisten Schriftsteller der Welt - nur das wollte ich sagen - hätten große Schwierigkeiten, irgendeinen deutschen Autor nach 1945 zu nennen, der sie wirklich beeinflusst hätte. Und es wäre vollkommen falsch, Günter Grass eine enorme weltweite Bedeutung zuzusprechen. Der einzige deutschsprachige Autor nach 1945, der mir wirklich etwas bedeutet - ich vergaß, ihn zu erwähnen - ist der Dichter Celan.

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