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Rezeption in Israel : Jonathan Littell zwischen Athen und Jerusalem

Macht sich weiter rar: Jonathan Littell Bild: AFP

Mit seinem 2006 erschienenen Roman „Die Wohlgesinnten“ sorgte Jonathan Littell für anhaltende Diskussionen in der europäischen Literaturszene. Mit Spannung wurde die Reaktion Israels auf die Übersetzung ins Hebräische erwartet, die jetzt vorliegt.

          Littell in Jerusalem: Die Übersetzung des Romans „Die Wohlgesinnten“ ins Hebräische war wohl der mit am meisten Spannung erwartete Augenblick seiner Rezeption. Vor gut einem Jahr erschien das Werk mit dem SS-Offizier Max Aue als Ich-Erzähler, der nichts bereut, in Jerusalem. Die Reaktionen der Presse waren geprägt von Faszination und Ekel; letztlich fielen sie aber ähnlich aus wie in anderen Länden. In Israel aber ist Jonathan Littell gerade die bislang größte Ehrbezeugung zuteilgeworden: An der Hebräischen Universität von Jerusalem wurde soeben ein großes Kolloquium über sein Werk und seinen Beitrag zur Literatur der Schoa veranstaltet.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Zäsur in der Schoa-Literatur

          Prominente Literaturwissenschaftler aus Europa und den Vereinigten Staaten waren zu dieser Veranstaltung in englischer und in französischer Sprache eingeladen worden; mehrere Teilnehmer kamen aus Deutschland. Wolfgang Asholt von der Universität Osnabrück bezog sich auf die intensive deutsche Rezeption bereits der französischen Erstausgabe. Er erwähnte den „Reading Room“ dieser Zeitung und den Vorabdruck der Übersetzung: „Littell steht für eine neue Tendenz in der Literatur der Schoa, aber auch für eine Erneuerung des historischen Romans in Frankreich“, für die der Romanist Asholt Jean Rouaud als Beispiel nennt. Kritischer als die hymnischen Rezensionen der französischen Presse fielen zahlreiche Beiträge französischer Literaturwissenschaftler in Jerusalem aus, die zum Teil ins Internet gestellt wurden.

          Preisverleihung in Athen

          Zur Vergabe des Goncourt-Preises, der Jonathan Littells große Popularität in Frankreich besiegelte, war der in Barcelona lebende Schriftsteller genauso wenig nach Paris gereist wie jetzt nach Athen, wo ihm ebenfalls ein Literaturpreis verliehen wurde. In einem offenen Brief an die „Jury of the Athens Prize of Literature“ entschuldigte er sich für sein Fernbleiben. Über die Tatsache, dass er ausgerechnet in Griechenland geehrt werde, zeigt sich Jonathan Littell besonders erfreut, hat er sich doch an der griechischen Tragödie orientiert. Zu den Zeiten von Aischylos sei die Literatur eine öffentliche Angelegenheit gewesen, die jeden Bürger der Polis anging. Inzwischen sei der Bruch zwischen Politik und Poetik eine Tatsache, die man begrüßen oder kritisieren mag: „Es ist einfach so.“ Davon, so Littell, sei er schon vor dem Schreiben der „Wohlgesinnten“ überzeugt gewesen. Die Rezeption aber habe ihn in dieser Überzeugung noch bestärkt. Schreiben könne heute nur noch eine reine Privatsache sein.

          Quelle: F.A.Z.

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