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„Witiko“ von Adalbert Stifter : Gefühle würden nur stören

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Adalbert Stifter hat gute Bücher geschrieben. Welche das sind, darüber lässt sich streiten. Bild: Picture-Alliance

Warum bloß gilt Adalbert Stifters „Witiko“ als so bedeutendes Werk der Literaturgeschichte? Die Lektüre zeigt: Seine Figuren sind leere Hüllen, und die Sprache ist nicht mehr parodierbar.

          Wenn ich nach den Gründen suche, weshalb ich nie Adalbert Stifters „Witiko“ gelesen hatte, fällt mir immer nur „Der Nachsommer“ ein. Den „Nachsommer“ habe ich oft gelesen. Ach, wie gern würde ich jetzt über dies wunderbare Buch schreiben: seine stillen Sensationen, herrlichen Längen und unauslotbaren Abgründe! Ich habe schon als Student nicht begriffen, wie es möglich sein kann, den „Nachsommer“ langweilig zu finden, denn dieser Roman handelt doch in jeder Zeile von Problemen, die mich bereits damals elementar betrafen und auch heute noch betreffen, etwa davon, welchen Aufwands und welcher Bewusstheit es bedarf, um ein halbwegs geglücktes Leben führen zu können, wie leicht es auf der anderen Seite sein kann, sein Glück und seine Bestimmung zu verfehlen, und wie notwendig wir deshalb der Kunst bedürfen, um einen Ausgleich und eine Korrektur für unsere Daseinsverfehlungen zu gewinnen.

          Und dann die unvergesslichen Szenen dieser großen Erzählung: der an einem Bach liegende tote Hirsch zu Beginn, dessen Anblick dem von Mitleid erfüllten jugendlichen Wanderer die Menschen, seine „Mörder“, „widerwärtig“ macht, die im Gewitterlicht sich verlebendigende Marmorstatue im Zentrum des Rosenhauses, die mit einer stummen Geste besiegelte Katastrophe einer Liebe: „Ich griff mit der bloßen Hand in die Zweige der Rosen, drückte, daß mir leichter würde, die Dornen derselben in die Hand, und ließ das Blut an ihr nieder rinnen.“ Die äußerlich so beruhigte Welt dieses Romans durchzieht ein emotionales Grundbeben von gewaltiger Intensität.


          Feuilleton-Serie: Das Erste Mal
          Canetti hatte sich den „King Lear“ fürs hohe Alter aufgespart. Thomas Mann musste siebzig werden, bis er Gottfried Kellers „Grünen Heinrich“ entdeckte. Musils „Mann ohne Eigenschaften“ hat fast niemand ordnungsgemäß beendet. Jeder Autor und Kritiker hat ein paar Leichen im Lektürekeller: große Werke der Weltliteratur, deren Inhalt und Bedeutung er grosso modo kennt, die er aber aus irgendwelchen Gründen noch nie gelesen hat.

          Man wird bei literarischen Gesprächen darüber hinwegspielen und Hemmungen haben, es offen einzugestehen. Aber es gibt niemanden, der nicht seine Lücken im Kanon hätte und dem nicht ein, zwei berühmte Klassiker entgangen wären; realistisch gesprochen, wohl eher ein, zwei Dutzend. Mit zunehmendem Alter wachsen die Verpflichtungen, und es schwindet die freie Lesezeit. Aber genau das ist bedauerlich. Denn wäre nicht gerade der frische Blick erfahrener, empfindsamer und gewiefter Leser auf einen vielleicht nur noch als Legende überlebenden Klassiker aufschlussreich? Muss man den Kanon, wenn er nicht Staub ansetzen soll, nicht ab und zu durchlüften?

          Wir haben namhafte Autorinnen und Autoren gebeten, eine Luke in jenen Keller zu öffnen und berühmte Bücher einer späten Erstlektüre zu unterziehen. Was werden wir zu hören bekommen? „Hamlet“ ist doch eigentlich stark überschätzt, „Don Quijote“ so ungenießbar wie Dantes „Paradiso“, „Moby Dick“ langweilig und „Krieg und Frieden“ wirklich nicht schlecht – wird jemand solche Urteile wagen? Wir hoffen, der scharfe neue Blick wird manchen Staub aufwirbeln. Und manche neue Begeisterung entzünden.

          „Der Nachsommer“, den Adalbert Stifter 1857 im Alter von 52 Jahren veröffentlichte, erschien mir jedenfalls immer als dessen Opus ultimum. Natürlich habe ich auch viel von dem gelesen, was Stifter danach veröffentlichte, die „Nachkommenschaften“ vor allem, dies kostbare Satyrspiel zum ernsten Drama des „Nachsommer“. Aber den „Witiko“? Den las ich schon deshalb nicht, weil es mir gewissermaßen überflüssig, ja geradezu unstatthaft erschien, dass Stifter nach dem „Nachsommer“, diesem über den Abgrund der Seele gespannten Kosmos der geordneten Bezüge, noch einen großen Roman geschrieben hat. Ich neige in diesem Fall dazu, meine persönliche Erfahrung zu verallgemeinern: Stifters „Witiko“ mag der seltene Fall eines großen Romans sein, bei dem die Liebe und die Verehrung der Leser für dessen Vorgänger sie davor zurückscheuen lassen, ihn sich anzueignen. Und sie sind damit keineswegs im Unrecht.

          Ich darf das sagen, denn ich habe Stifters „Witiko“ jetzt endlich gelesen. Es hat geraume Zeit gedauert, denn „Witiko“, 1865 bis 1867 in drei Bänden erschienen, ist mit seinen rund tausend Seiten nicht nur um einiges länger als der „Nachsommer“, sondern man muss den Roman, den Stifter wie dessen Vorgänger bescheiden eine Erzählung nennt, überdies langsam lesen, so langsam ungefähr, wie Witiko zum Befremden manches ihm begegnenden Ritters die Geschichtslandschaft dieses Buches durchreitet: „im Schritt“ nämlich. Die Notwendigkeit langsamer Lektüre hat ihren Grund darin, dass der Plot, die Handlung im äußeren Sinne, in diesem im zwölften Jahrhundert spielenden Roman von geradezu provozierend nachgeordneter Bedeutung ist. Welche ästhetische Herausforderung sich damit verbindet, wird jeder ermessen können, dem die spannenden Handlungen der historischen Romane des neunzehnten Jahrhunderts von Walter Scott bis Felix Dahn vor Augen stehen. Zwar werden auch im „Witiko“ einige Schlachten geschlagen, aber eine aus der Handlung erwachsende Spannung kommt auch hierbei niemals auf.

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