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Reise durch Japan Betriebsunfall im Maschinentraum

14.04.2011 ·  Die Japaner sind von Technik durchdrungen und empfinden die Katastrophe in Fukushima als Störfall ihres Selbst. Wer das Land in diesen Tagen bereist, sieht die viel gerühmte Gelassenheit auf einmal anders.

Von Dietmar Dath, Tokio
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Wir sind die ersten nichtjapanischen Menschen, die das einjährige Kind sieht. Es staunt zurückhaltend. K., seine Mutter, die in Nagoya lebt, ist eine Freundin von Mareike, meiner Begleiterin. Mareike hat vor einiger Zeit zwei Jahre lang in Japan Kunst studiert und spricht die Landessprache. Ich bin mit ihr hergereist, weil wir seit Monaten vorhatten, hier Leute zu besuchen, persönlich und beruflich. Ob wir - drei Wochen nach dem schwersten Erdbeben der aufgezeichneten japanischen Geschichte und dem schlimmsten Reaktorunglück seit Tschernobyl - wirklich fliegen sollten, war noch Stunden vor dem Frankfurter Check-in ungewiss.

Wenn einem jemand lieb ist, den man lang nicht gesehen hat und der kurz vor einem vereinbarten Treffen einen schrecklichen Unfall erleidet, sagt man dann ab oder fährt man ans Krankenbett? Die leisere, peinlichere Frage gehört in schamhafte Klammern: Was, wenn das Dach aufs Gästebett fällt, die Nahrung vergiftet ist, der Regen strahlt? Wir unterrichten uns bei deutschen Ämtern und japanischen Freunden so gründlich, wie man das bis zum Stichtag kann, dann fällt die Entscheidung, nicht unbeklommen. Wir haben uns mit einigen Mikrogramm Jod versorgt, das soll die Schilddrüsen schützen. Essen aus dem Meer weisen wir in Japan zurück, Milch und blättriges Grünzeug verschmähen wir, Vorsicht lässt uns genügend Angenehmes, von Yakitori-Spießchen in Kyoto bis zu fischsudfreien Okonomiyaki-Pfannkuchen in Hiroshima. Das Wasser, das wir trinken und mit dem wir uns die Zähne putzen, ist aus Gerolstein oder den Vereinigten Staaten, wir kaufen es bei „Lawson“ oder „Seven Eleven“, zwei amerikanoiden „Convenience Stores“, die man hier „Konbini“ nennt.

Man stellt die Bestürzung nicht aus

Nagoya liegt ungefähr auf halber Bahnstrecke zwischen unseren beiden Reisezielen Tokio und Kyoto. K., die sich hier ein Haus bauen und es in europäischem Stil einrichten will, weiß nicht, wie sie ihre Kleine durch die nächste Zeit lotsen soll; niemand sagt es ihr, auch nicht der Ministerpräsident, der im Fernsehen ein von der Sturzflut zerrissenes Haus betrachtet. Er verneigt sich vor denen, die nicht mehr da sind. Betroffenheit und verwandte Distanzlosigkeiten sind nicht vorgesehen.

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© Dath Aus Vorsicht trank Dietmar Dath lieber Mineralwasser aus Deutschland

K. erzählt von ihrem Bruder. Der arbeitet auf dem Bau und fährt „zurzeit“ - niemand weiß, welche Frist die vage Wendung meint - alle paar Tage für eine Weile nach Miyagi, ins Gebiet nördlich von Fukushima. Sein Auto packt er dafür mit Nahrungsmitteln voll, dann isst, schläft und wohnt er darin, genau wie andere von auswärts, die zum Räumen und Bauen berufen sind. Jeden Tag - wir sehen öfter nach, als uns gut tut - melden deutschsprachige Online-Medien Vorfälle und Stimmungen, die zu finden sein sollen, wo wir herumlaufen. Wir entdecken sie nicht. Die Bevölkerung Tokios, heißt es zum Beispiel am Freitag - ein Nachbeben hat eben vier Menschen getötet, darunter eine Intensivpatientin, deren Beatmungsgerät beim Stromausfall versagte -, sei mit den Nerven am Ende. Wir finden niemanden, der mit den Nerven am Ende ist. Wenn man beim Abendessen nicht weiß, ob das Tellerklappern von der Stadtbahn oder aus dem Erdinnern kommt, ist das lästig, aber denen, die weniger verloren haben als die Opfer in der Tsunamiregion, fällt es nicht ein, sich projektiv auf deren Stufe zu hysterisieren. Der im Westen neuerdings wieder breit ausgewalzte Exotismus vom ebenso stoischen wie genierlichen Japanergemüt verfehlt die Wirklichkeit indes nicht minder. Wir erleben nichts, das sich emblematisch genug verallgemeinern ließe, um die Klischeegier westlicher Mediengläubiger zu stillen.

Einer Greisin fällt beim Einsteigen in die Tokioter Stadtbahn ihre Brille in den Spalt zwischen Zug und Plattform. Sie verlässt mit anderen, die ihr helfen wollen, eine Station später den Waggon und fährt zurück, um mit dem Gehstock nach der Sehhilfe zu fischen. Man ist also durchaus bestürzt hier, über solche Privatmisshelligkeiten wie übers Großunheil der tektonischen Erschütterungen, Strahlungswerte und widersprüchlichen Verlautbarungen der Ämter oder Firmen. Aber man stellt die Bestürzung nicht aus.

Reiswein unter blütenfrischen Bäumen

Das Tokioter Energiemuseum der Firma Tepco, die zwei Kreuzungen von unserer ersten Unterkunft entfernt ihre Arbeiter Straßenleitungen den Notbedürfnissen anpassen lässt, während andere ihrer Arbeiter in Lebensgefahr die Fukushima-Ruine zu versiegeln suchen, ist geschlossen. Von der elektronischen Anzeigentafel im Bahnabteil erfährt man, welche Züge wegen Erdbebenfolgen nicht fahren. Auf den Flutopfer-Sammelbüchsen im Konbini liest man die Losung: „Allen ihre Würde“. Wo diese Haltung täglich Tat wird, empfiehlt sich Fremden nicht aufdringliche Hilfsfuchtelei, sondern Verbindlichkeit.

Sie wird erwidert: Seit 1968 schreibt das Bürgermeisteramt von Hiroshima jedem Staatsoberhaupt eines Landes, das einen Atomtest durchführen lässt, einen Brief, in dem steht, dass man in Hiroshima über die Begriffstutzigkeit der Mächtigen enttäuscht ist. Der letzte ging an Barack Obama, der versprochen hatte, sich für eine Welt ohne Atomwaffen so stark zu machen wie bisher kein amerikanischer Präsident, Ende 2010 jedoch einen massiven Waffenversuch zuließ. Der gegenwärtige Bürgermeister von Hiroshima verleiht in dem Schreiben in aller Form seiner äußersten Ungehaltenheit darüber Ausdruck, dass Obamas hochmögende Gesinnung genauso wenig wert ist wie die anderer Entscheidungsträger des Atomzeitalters. Eine Kopie des Briefs hängt im Bombenopfergedächtnismuseum, das unweit der Kuppel des ausgebrannten Handelsgebäudes errichtet wurde, beim Hypozentrum der explodierenden Todessonne, wo alle verbrannten und verdampften, die an jenem 6. August dort arbeiteten. Die Kuppel ist ein Mahnmal, Genbaku Domu, man kann hier Hello-Kitty-Kugelschreiber und anderen Nippes kaufen, auf dem sie abgebildet ist. Im Park ringsum hat die Kirschblütenzeit angefangen. Familien - darunter sehr zeitgemäße, die nur aus Frauen bestehen - sitzen unter den leuchtenden, schnupperblütenfrischen Bäumen, trinken Reiswein, machen Witze.

Die Vergangenheit der Zukunft

In der Buchhandlung drei Blöcke weiter lasse ich mir dabei helfen, Originalausgaben einiger Bücher japanischer Science-Fiction-Autoren herauszusuchen, die ich daheim deutschen Verlagen empfehlen will. Die japanische Technikphantastik gehört seit ungefähr dreißig Jahren zu den besten, klügsten Nationalliteraturen dieses Genres; das erkennt man sogar, wenn man sie, wie ich, nur in englischen Übersetzungen lesen kann: Hiroshi Yamamatos „Ai no Monogatari“ über die „letzten hundert Jahre des Menschengeschlechtes und dessen Zusammenleben mit den selbstgeschaffenen Apparaten zwischen 1940 und 2040“, Masaki Yamadas Urbanutopie „Afurodite“ oder die weltgesundheitspolitische Satire „Harmony“ von Project Itoh leisten taumelauslösende Zuspitzungen des Zeitbewusstseins, das in diesem Land äußerster Modernität und schluchtartig schroffer Tiefengeschichtlichkeit vorherrscht. Diese Autoren untersuchen nicht allein die paradoxe Gegenwart, sondern auch die Vergangenheit der Zukunft und menschlicher Vorstellungen von ihr.

Spielzeug-Secondhandläden und Paperback-Antiquariate, wie man sie am Tokioter Bahnhof Nakano findet, sind analog hierzu lebendige Mediatheken futuristischer Nostalgie, von der selbst Marinetti schwindlig geworden wäre. Die westlichen Größen der Gattung von Asimov bis Wells - in Kyoto finden wir sogar ein japanisches Taschenbuch von Thea von Harbous „Metropolis“ - sind, weiß der hilfreiche Buchhändler, ebenso problemlos lieferbar wie die landeseigenen Klassiker von Leuten wie Taku Mayumura, dessen deutscher Auswahlband „Der lange Weg zurück zur Erde“ von 1983 neu aufzulegen auch kein Fehler wäre.

Angst vor Nachbeben

Mareikes ehemaliger Professor S., der uns im Gassenlabyrinth von Kyoto zum Essen und Reisweintrinken ausführt, liefert eine anstrengungslose Demonstration der Präsenz dieser Art von Literatur im Bewusstsein einheimischer Intellektueller, als ich ihm von der Plagiatsaffäre um den zurückgetretenen deutschen Verteidigungsminister erzähle. Studierende, die es mit dem geistigen Eigentum nicht so genau nähmen, gebe es, sagt er, auch in Japan, das Problem sei aber nicht, dass die Leute Kopien machten, sondern dass sie längst selbst Kopien seien, die sich dabei aber wie Originale fühlten - „es ist wie in diesem Science-Fiction-Roman von Richard Morgan, ,Altered Carbon', nicht?“

Er fragt das mit derselben Geläufigkeit, mit der in Deutschland auf Christian Kracht oder Jonathan Franzen verwiesen würde. Das Manövrieren im Spekulativen und Artifiziellen lenkt in Japan allerdings nicht nur kulturelle Referenzordnungen, sondern auch die Alltagsaufmerksamkeit: Stationen des öffentlichen Nahverkehrs zum Beispiel haben eigene Erkennungsmelodien; nach ein paar Tagen kann man sich blind zwischen ihnen bewegen (die Musik für die Station Ebisu ist das Harry-Lime-Thema aus dem „Dritten Mann“; Synkretismus und Eklektik prägen in der Hauptstadt jede wache Minute, von den Boutiquen in Harajuku bis zum Meiji-Schrein).

Ausländer sehen wir in diesen leicht zu durchquerenden Räumen wenige; selbst die koreanische Künstlerin und Sprachlehrerin, die mit Mareike studiert hat und deren Freund beim Privatfernsehen arbeitet (wo man von staatlichem Stromnepotismus mehr weiß, als die Normaltokioter ahnen) berichtet, dass man ihr von zu Hause aus Druck macht, sie solle heimkehren. Man hat Angst vor Erfahrungen, wie wir beiden Deutschen sie zum Glück kaum machen: Mein erstes Nachbeben in Tokio halte ich, beim Nachmittagsschlaf, erschöpft vom Reisen, für eine polternde Nachbarin, das zweite, nächtliche, schwerste während unserer Zeit im Land, kriegen wir erst am nächsten Morgen mit, weil wir uns gerade diese Nacht für einen Ausflug nach Süden ausgesucht haben.

Komparsen des Katastrophenkinos

Erdbeben und Strahlung“, sagt mir ein mit hanseatischem Akzent sprechender Betriebswirtschaftler, der hier für eine große deutsche Firma arbeitet, „sind nicht die Hauptsorge der ausländischen Business Community. Sie sind nervös geworden, als wegen Tepco von Verstaatlichung geredet wurde. Dass die Touristen wegbleiben, trifft die Wirtschaft kurzfristig“ - in der Tat, wir hören viele Klagen, von Hotelgewerbe bis zu Kultureinrichtungen -, „aber wenn sie hier ihre Probleme zu autoritär lösen, dann haut das fremde Geld ab, dann wird's duster.“

Ja, Maßnahmen, die ergriffen werden, dem Übel zu wehren, können neue Übel schaffen. Unsere Apparate verändern uns. In Deutschland glaubt man meist an die Reinheit der Menschennatur, im Gegensatz zur unsauberen Technik, so dass da selbst der vernünftige Wunsch nach Einstellung des Nuklearunfugs nur Gehör findet, wenn dieses Spiel mitgespielt wird. In Japan hingegen stammt die Einsicht, dass Menschennatur und Instrumentenwesen einander durchdringen, nicht erst aus der Neuzeit.

Am Samstagmittag sehen wir uns im Nationalen Noh-Theater ein mittelalterliches Kyogen-Schauspiel an, die Schnurre vom „fehlgeschlagenen Sichelselbstmord“: Ein Bauer, den seine Frau unter der Fuchtel hat, versucht, ihr zu entrinnen, indem er sich mit seinem Ernte-Instrument entleibt. Der Versuch misslingt, denn „diese Hände sind elende Feiglinge!“ Mir fallen Hände ein, die Verträge unterzeichnet haben, wonach Atomkraftwerke auf Erdbebenbruchlinien gebaut werden durften. Nach dem Ende des Dramas stehe ich in Shinjuku und denke an die Schilderungen dieses Ortes bei Hiroshi Yamamoto; daran, wie es hier aussehen mag, wenn die Menschen fort sind und delikate, aber robuste Maschinen, geschützt gegen Strahlung wie gegen Erdstöße, Japans Sitten fortführen: „Die verlassenen Gebäude sahen aus, als wollten sie jeden Moment zusammenfallen.“ Die Menschen darin aber weigern sich nach wie vor hartnäckig, bloße Komparsen des Katastrophenkinos zu werden.

Die Zukunft kennt keiner

Unsere letzte Nacht in Tokio verbringen wir im dreiunddreißigsten Stockwerk eines Turms. Die Wand am Fußende der Betten ist aus Glas, wir sehen unten zahllose Lichter und wissen, dass Tausende mehr aus Spargründen nicht leuchten dürfen. Musik von anderthalb Wochen, die trotz Sorgen sehr schön waren, klingt im inneren Ohr nach - Tempelstimmen aus Kyoto, Gitarrenpop von Yusyo Futei Mushoku („I wanna be your Beatles“), dreckige Synthesizer durchgeknallter Underground-8-Bit-Bastler.

Unter uns glüht und blinkt eine Welt, die grobe Apparate gebaut haben und die vielleicht einmal von den zarten Maschinen in Besitz genommen werden wird, deren Gestalten Yamamoto träumt. Die tatsächliche Zukunft kennt keiner, Menschen müssen sich mit Aussichten begnügen. Was aber bedeutet „Aussichten“ in einer Welt, in der hell erleuchtete Türme jeden Moment in bereits verdunkelte stürzen könnten?

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