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Reaktionen aus Rumänien Herta Müller ist eine deutsche Schriftstellerin

10.10.2009 ·  Wie bewertet man in Rumänien den Literaturnobelpreis für Herta Müller? Ein Gespräch mit Beatrice Ungar, der Chefredakteurin der „Hermannstädter Zeitung“, über Neider, Identität und Vergangenheitsbewältigung.

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Wie bewertet man in Rumänien den Literaturnobelpreis für Herta Müller? Ein Gespräch mit Beatrice Ungar, der Chefredakteurin der „Hermannstädter Zeitung“, über Neider, Identität und Vergangenheitsbewältigung.

Frau Ungar, wie haben die Rumänen auf den Literaturnobelpreis reagiert?

„Glückwunsch, Herta! Der Literaturnobelpreis ist nach Rumänien gegangen. Die in Rumänien geborene Autorin hat den Literaturnobelpreis erhalten.“ So stand es in der gesamten Presse.

Wie bewertet man in Rumänien den Literaturnobelpreis für Herta Müller? Ein Gespräch mit Beatrice Ungar, der Chefredakteurin der „Hermannstädter Zeitung“, über Neider, Identität und Vergangenheitsbewältigung.

Was sagt das über die Vergangenheitsbewältigung, wenn man Herta Müller, die so intensiv über das totalitäre Erbe und das Schicksal der Minderheiten geschrieben hat, als eigene Autorin empfindet?

Das ist nichts Neues. Über Herta Müller ist immer so geschrieben worden. Sie ist hierzulande ja auch bekannt, nach 1990 hat sie viele Interviews im Fernsehen und im Radio gegeben und oft in rumänischen Zeitungen geschrieben. Man hat sich da nicht distanziert, im Gegenteil. Sie hatte ja auch hier debütiert, „Niederungen“ ist zuerst 1982 in Rumänien erschienen.

Was verbinden Sie mit Herta Müller?

Mein Vater ist für die Buchläden in Hermannstadt zuständig gewesen, er war der Einzige, der „Niederungen“ bestellt hat, zweitausend Exemplare. Und zu Ceausescus Zeiten konnten Bücher eben nur gedruckt werden, wenn sie auch bestellt wurden. Wenn ich eine so gute Nase gehabt hätte wie er, hätte ich ein paar Exemplare behalten, ich könnte jetzt Millionen scheffeln. Der Nobelpreis ist auf jeden Fall eine Freude für uns, und wir sind auch stolz.

Wenn Sie „wir“ sagen, ist das dann die Gemeinde der Deutschen in Rumänien?

Das ist der Mainstream. Natürlich halten auch hier manche Amos Oz für den größeren Autor. Aber Frau Merkel hat das richtig erkannt: Zum zwanzigsten Jahrestag des Mauerfalls ist es ein wunderbares Signal, wenn eine Autorin den Preis erhält, die über Verfolgung, Folter und die kommunistische Diktatur schreibt.

Man findet in den Internetforen der Rumäniendeutschen auch kritische Stimmen. Der Vorwurf schwingt mit, Herta Müller habe vom System profitiert.

Es gibt natürlich Fragen, auf die wir noch Antworten erwarten. Günstlinge des Systems waren nur zwei: Nikolai und Elena Ceausescu, alle anderen mussten kuschen. Aber Herta Müller? Profitiert hat sie insofern, dass sie zu einer Zeit, als viele noch nicht einmal von einem Pass träumen konnten, ausreisen durfte. Aber da ist Neid im Spiel. Es sind auch nur die kleineren Stimmen, die so etwas sagen.

Wird jetzt bei Ihnen gefeiert?

Herta Müller ist erst am Samstag in Hermannstadt gewesen, um beim Poesiefestival zu Ehren von Oskar Pastior zu lesen. Das hat bis Mitternacht gedauert. Etwa achtzig Leute waren da, für Lyrik eine gute Zahl. Sie hat auch aus dem Roman „Atemschaukel“ vorgelesen, der noch nicht auf Rumänisch übersetzt ist. Ob eine Party geplant ist, weiß ich nicht.

Zusammenfassend ist die Reaktion bei Ihnen also: Wie schön, dass der Nobelpreis erstmals nach Rumänien geht.

In der Literatur gab es noch keinen, das stimmt. George Emil Palade hat ihn für Biochemie bekommen, aber das ist schon lange her.

Könnte jetzt die Diskussion über den Status der Siebenbürger Sachsen oder Banater Schwaben nochmals aufleben?

Für mich ist das keine Frage. Herta Müller ist eine deutsche Schriftstellerin, ganz gleich, woher sie kommt. Sie schreibt deutsch, es ist ihre Muttersprache, so wie es auch meine ist. Ich sehe mich als Deutsche in Rumänien. Wenn man rumänisch-deutsch sagt, klingt das ein wenig seltsam. Welcher Teil von mir ist rumänisch, welcher deutsch? Gestern habe ich mich amüsiert, was im deutschen Fernsehen für interessante Zuordnungen kamen, also: Rumäniendeutsche, Deutschrumänin, Angehörige der deutschen Minderheit. Jemand hat nur „Berliner Autorin“ gesagt, das fand ich am besten, denn die Berliner freuen sich ja auch. Wir sind Deutsche im Rumänien, das ist inzwischen amtlich. Es gibt Deutsche in Rumänien, so wie es Deutsche in Argentinien oder in Grönland oder wo auch immer gibt. In meinem Pass steht „rumänischer Staatsbürger“. Identität ist dann wiederum eine andere Frage. Aber wie hat es Michael Lentz gestern gesagt: Wenn man einen Nobelpreis bekommt, wird man gleich salonfähiger.

Die Fragen stellte Tobias Rüther.

Quelle: F.A.Z.
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