http://www.faz.net/-gr0-82ft9
 

Kommentar : Arme Poeten

  • -Aktualisiert am

Die Geschichte ihres Erfolgs gleicht einem Märchen. Leider gehört J. K. Rowling damit zu einer Minderheit. Bild: Reuters

Wie jetzt in einer britischen Studie nachzulesen ist, kann nur einer von zehn Schriftstellern von seinem Beruf leben. Zwischen Wert und Preis von Literatur klafft eine gewaltige Lücke.

          Es war einmal eine junge Frau, die konnte es sich nicht leisten, im Winter ihre winzige Wohnung zu heizen. Da ging sie ins Café, bestellte ein heißes Getränk und schrieb dort den Roman, den sie im Kopf hatte. Gut zehn Jahre später war die Frau so reich wie die englische Königin. Doch nicht nur wegen märchenhaften Karrieren wie jener von J.K. Rowling gilt der Beruf des Schriftstellers vielen noch immer als ruhmreicher Traumjob – ungeachtet des gern verdrängten Umstands, dass Schriftsteller, um vom Schreiben leben zu können, möglichst häufig ein neues Werk, am besten Romane, veröffentlichen müssen, um dann durch möglichst viele Lesungen jenen Unterhalt zu verdienen, den dann das Schreiben des nächsten Buches aufzehrt, immer in der Hoffnung, mit einem Preis oder Stipendium bedacht zu werden, die ein wenig Spielraum in die enge Kalkulation von Produkt und Ertrag bringen können.

          Unter der Niedriglohngrenze

          In Großbritannien, wo eine Umfrage die Schriftstellerei jüngst zum erstrebenswertesten aller Berufe kürte, hat die Beschäftigung soeben gewaltig an Nimbus verloren. Wie eine von der Londoner Queen Mary University veröffentlichte Studie zeigt, kann nur einer von zehn Schriftstellern mit einem Einkommen von mindestens sechzigtausend Pfund im Jahr anständig von seiner Arbeit leben. „The Business of Being an Author“ vergleicht die Einkommen von fast 2500 Autoren im Jahr 2013 und fächert die Zahlen nach Geschlecht, Genre, Standorten und anderen Kriterien auf.

          Die Ergebnisse sind ernüchternd: Das Durchschnittseinkommen britischer Autoren liegt bei elftausend Pfund und damit unterhalb der Niedriglohngrenze. Siebzehn Prozent der Schriftsteller hatten im fraglichen Jahr überhaupt kein Einkommen, obwohl 98 Prozent der Befragten in den vorangegangenen Jahren Bücher veröffentlicht hatten.

          „Nationale Schande“

          Nicht nur zwischen den Geschlechtern – Autorinnen verdienen im Schnitt noch weniger als ihre männlichen Kollegen –, auch zwischen den Genres gibt es markante Unterschiede: Relativ am besten geht es den Belletristikautoren mit einem durchschnittlichen Nettojahreseinkommen von 28.809 Pfund, gefolgt von Kinderbuchautoren mit 25.614 Pfund. Sachbuchautoren verdienen im Schnitt 14.135 Pfund, Reisebuchverfasser 8539 und wissenschaftliche Publizisten 3826 Pfund. Letztere erhalten außerdem praktisch nie Vorschüsse auf ein Werk und verzichten am häufigsten auf ihr Copyright.

          Nun ist das Entsetzen groß. Der erfolgreiche Kinderbuchschriftsteller Philip Pullman, Präsident der Autorenvereinigung, bezeichnete die Ergebnisse der Studie als „nationale Schande“ und forderte „finanzielle Gerechtigkeit“. Solange nicht das bedingungslose Grundeinkommen für Dichter eingeführt wird, bleibt der Wert der Literatur wie gehabt höher als ihr Preis.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          „Alle diese Frauen sind Helden“ Video-Seite öffnen

          Fotoprojekt „Atlas of Beauty“ : „Alle diese Frauen sind Helden“

          Eine rumänische Fotografin Mihaela Noroc reist um die ganze Welt, um weibliche Schönheit einzufangen. Sie veröffentlicht ihre Fotos aus mehr als 50 Ländern in ihrem „Atlas of Beauty“ und zeigt sie vom 16.11.2017 – 21.01.2018. auch in einer Ausstellung in Berlin.

          Topmeldungen

          La République en marche : Das Ende der großen Euphorie

          In der Bewegung En marche wächst der Unmut. Parteimitglieder beklagen autoritäre Strukturen und drohen mit dem Austritt. Auf dem Parteitag in Lyon will Präsident Macron die Wogen glätten. Kann das gelingen?

          Naher Osten : Droht ein Krieg gegen Israel?

          In einem Bericht kommen pensionierte Generäle zu dem Schluss, dass ein neuer Waffengang zwischen der Hizbullah und Israel nur noch eine Frage der Zeit sei. Darin wird die Schiitenmiliz als der „mächtigste nichtstaatliche bewaffnete Akteur in der Welt“ bezeichnet.

          Jamaika-Gespräche : FDP wirft der Union Haushaltstricks vor

          Auch wenn die Finanzen nicht allein die Reise nach Jamaika verzögern: Für den Soli-Abbau bleibt das Geld der Knackpunkt. Wie viel Spielraum gibt es wirklich?

          Machtkampf in der CSU : Aigner will offenbar Seehofer ablösen

          Die bayerische Wirtschaftsministerin Ilse Aigner hat offenbar Ambitionen auf das Amt des Ministerpräsidenten. Das könnte für Konflikte mit Markus Söder sorgen. Doch der ist nicht ihr einziger Rivale.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.