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Schriftsteller Jaroslav Kalfař : Ein Märtyrer, der keiner sein will

Jaroslav Kalfař zu Besuch im Letná-Park Bild: Verlag

Jaroslav Kalfař war fünfzehn, als er von Tschechien nach Amerika ging. Sein erster Roman erzählt vom Weltall und von Vergangenheit, die nicht vergeht. Eine Begegnung in Prag.

          Als Jaroslav Kalfař vor vier Jahren seinen Roman über den Weltraumfahrer Jakub begann, ließ er sich einen Astronauten auf den rechten Arm tätowieren: Eigentlich ist da nur der knollige Anzug, die Frontseite des Helms ist nichts als eine glänzende Fläche, ein Gesicht sucht man dort vergebens.

          Der Roman ist nun erschienen, im Frühjahr im amerikanischen Original und auf Tschechisch, dieser Tage auch auf Deutsch im Tropen-Verlag. Er heißt „Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt“, und wer das für bare Münze nimmt, wird enttäuscht. Kurz ist das Buch nicht gerade, zudem setzt seine Handlung im April 2018 ein, ist also eher Science-Fiction als Historienschreibung, und die dort geschilderte böhmische Raumfahrt hat mit der realen nicht viel zu tun: Anstelle des tschechischen Weltraumpioniers Vladimir Remek, der 1978 tatsächlich ins All flog und heute Botschafter seines Landes in Moskau ist, wird hier ein junger Physiker namens Jakub Procházka mit der Rakete „JanHus1“ in Richtung einer kosmischen Staubwolke geschossen, um Proben zu entnehmen und wieder zur Erde zu bringen. Er ist allein, bis ihm in den Tiefen des Raumschiffs ein Außerirdischer begegnet, dessen Gestalt entfernt an eine Spinne erinnert. Der Astronaut tauft den Gefährten „Hanuš“, nach dem Konstrukteur der astronomischen Uhr im Prager Rathausturm. Und spätestens an diesem Punkt wird klar, dass es dem Autor ebenso wie seiner Figur viel mehr um das geht, was hinter ihnen liegt, als um die kosmische Wolke, um Prag mehr als um das All und bei aller Zukunftsmusik vor allem um die tschechische Gesellschaft der vergangenen dreißig Jahre.

          Dafür habe er sich in Tschechien einiges anhören müssen, sagt Jaroslav Kalfař an diesem Sommertag, als er durch Prag zu den Schauplätzen des Romans führt. Schließlich hatte er das Land bereits 2003 verlassen, mit fünfzehn Jahren, um seiner Mutter in die Vereinigten Staaten zu folgen, und galt daher manchem nicht mehr als richtiger Tscheche. Tatsächlich, sagt Kalfař, habe er bei seiner Ankunft in Amerika kein Wort Englisch gesprochen. Überall neigten Menschen dazu, einen Fremden, der unter ihnen lebt und ihre Sprache nicht spricht, für etwas einfältig zu halten, sagt er, besonders die Amerikaner. Sein Englisch habe er dann vor dem Fernseher mit den „Simpsons“ gelernt. Und sich, obwohl er schon als Kind auf Tschechisch Fantasygeschichten verfasste, verzweifelt bemüht, in der Sprache der neuen Heimat ganz neu anzufangen, um „wie ein richtiger amerikanischer Autor“ zu schreiben. Seit kurzem hat er zur tschechischen auch die amerikanische Staatsbürgerschaft.

          Geschichte als Bündel von Möglichkeiten

          Der Letná-Park erhebt sich auf einem Hügel hoch über der Moldau. Auf einem kleinen Vorsprung zeigt Kalfař, wo er unten, zu Füßen der Prager Burg, das Kartoffelfeld situiert hat, auf dem im Roman die Rakete startet – eigentlich ist dort das Parlamentsgebäude. In unserem Rücken liegt der Sockel, von dem aus früher ein riesiger Stalin auf die Stadt blickte, der entsorgte alte Heros, während die Nation mit dem Raumfahrer einen neuen auf den Schild hebt. Später werden wir am Altstädter Ring vor dem monumentalen Denkmal für den Reformations-Märtyrer Jan Hus stehen, den Namenspatron der Rakete und Symbol der tschechischen Unabhängigkeit. Im Roman malt sich der Raumfahrer aus, dass Hus sein Todesurteil überlebt habe und ein Doppelgänger verbrannt worden sei, während der Reformator sein stilles Glück in den Armen einer Frau gefunden habe. Ist er, unwillig, sein Leben zu opfern, damit als Held diskreditiert?

          Es sind Stellen wie diese, die überdeutlich machen, wie sehr Kalfař Geschichte als Bündel von Möglichkeiten begreift, die er für seinen Roman hin- und herwendet und aus denen er für seine Zwecke wählt. Auch dafür sei er kritisiert worden, erzählt er: „Die Tschechen sind sehr sensibel, wenn es um ihre Geschichte geht“, gerade weil es so viele Versuche gegeben habe, diese eigenständige Geschichte auszuradieren: „Die Österreicher und die Deutschen haben unsere Bücher verbrannt, die Russen haben sie verboten.“ Manchmal bleibt da nur der Protest durch Renitenz. Kalfařs Mutter etwa, erzählt ihr Sohn, spreche eigentlich perfekt Russisch. Aber wenn man sie in dieser Sprache anrede, antworte sie absichtlich gebrochen.

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