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Pornographie bei Arno Schmidt : Kunst oder Verbrechen?

  • -Aktualisiert am

Recherchereise: Arno Schmidt 1953 auf dem Dümmer. Bild: Arno-Schmidt-Stiftung

Vor sechzig Jahren geriet Arno Schmidt ins Visier der deutschen Justiz: Sein Roman „Seelandschaft mit Pocahontas“ stand im Verdacht, Pornographie und Gotteslästerung zu verbreiten. Ein Gastbeitrag.

          Wenn Sie heute schrieben: hier an dieser Stelle: den ,Werther‘; die Epigramme und Elegien; Prometheus auf Italienischer Reise: Sie stünden längst vor Gericht! Als Defaitist; als Erotiker; wegen Gotteslästerung; Beleidigung politischer Persönlichkeiten!“ Unverblümt gibt der Ich-Erzähler aus Arno Schmidts „Goethe und Einer seiner Bewunderer“ (1957) seinem Weimarer Gast zu verstehen, dass in der Adenauer-Ära auch in puncto Zensur und Indizierung ein rauher Wind wehe.

          Schmidt wusste, wovon sein Erzähler spricht. Zwei Jahre zuvor war sein Kurzroman „Seelandschaft mit Pocahontas“ erschienen, der nicht nur ihm selbst, sondern auch Alfred Andersch, dem Herausgeber der Zeitschrift, in der dieser Text erstmals abgedruckt worden war, sowie dem Luchterhand Verlag eine Strafanzeige wegen Gotteslästerung nach Paragraph 166 StGB und Pornographie beziehungsweise Verbreitung „unzüchtiger Schriften“ (wie es damals im Paragraphen 184 StGB hieß) eingebracht hatte.

          Defätismus und „Beleidigung politischer Persönlichkeiten“ wurden damals zwar nicht moniert. Trotzdem haben auch diese beiden Vorwürfe etwas mit den juristischen Querelen um die „Seelandschaft“ zu tun: Schmidts neuen Verleger Ernst Krawehl machte die Affäre offensichtlich hellhörig, so dass er den Roman „Das steinerne Herz“ nur unter bestimmten Auflagen publizieren wollte. In Rücksprache mit einem Anwalt unterbreitete er Schmidt im Herbst 1955 eine ganze Liste mit Änderungsvorschlägen, die vor allem Äußerungen des Ich-Erzählers zu Adenauers Wiederbewaffnungspolitik betrafen.

          Ein noch weitgehend unbeschriebenes Blatt

          Zähneknirschend, aber immer noch mit schwarzem Humor gesegnet, gab Schmidt nach einigem Hin und Her in den meisten Punkten schließlich sein Einverständnis: „Ich bin durchaus gefaßt, nach dem Erscheinen, von der CDU zur Mitarbeit aufgefordert zu werden.“ Indem dann „Goethe und Einer seiner Bewunderer“ 1957 in „Texte und Zeichen“ erscheint, also just in der Zeitschrift, deren erste Nummer zwei Jahre zuvor programmatisch mit der „Seelandschaft“ eingeläutet worden war, setzen Andersch und Schmidt auch ein literaturpolitisches Zeichen: Den längeren Atem wird am Ende die Literatur haben.

          Wie aber lief der Rechtshandel genau ab? Welche Werk- und Autorkonzeptionen standen dabei auf dem Spiel? Das sind Fragen, die auch von aktuellem Belang sind, wie ein von der Zürcher Slavistin Sylvia Sasse und ihren Mitarbeitern Sandra Frimmel und Matthias Meindl durchgeführtes Forschungs- und Buchprojekt zu Literatur und Kunst vor Gericht eindrücklich zeigt, in dessen Rahmen sich auch die vorliegenden Überlegungen einschreiben.

          Zumindest im nachhinein liest sich die eine oder andere Rezension als Prolog zum eigentlichen Rechtsverfahren. So befindet Karl Korn - damals Herausgeber dieser Zeitung und modernistischer Literatur gegenüber ansonsten recht aufgeschlossen -, Schmidts Kurzroman laufe bei aller stilistischen „Schärfe“ im Grunde auf „eine dumme, geile und also provinzielle Affaire“ hinaus, „in der es unter fadenscheinigen Vorwänden auf nichts weiter als aufs Rammeln ankommt“. Diese einseitige Lesart begründet er nicht zuletzt über den Namen der Protagonistin, den er pseudoetymologisch mit „weniger Scham“ übersetzt - vierzig Jahre vor dem Disney-Film war das historische Indianermädchen Pocahontas in der Alten Welt offensichtlich ein noch weitgehend unbeschriebenes Blatt.

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