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Veröffentlicht: 09.01.2013, 16:40 Uhr

Poetikvorlesung von Michael Lentz Lob der Recycling-Ästhetik

Ein Literat bekennt sich zur Rhetorik: In seiner ersten Frankfurter Vorlesung spricht Michael Lentz über die Sehnsucht nach Regelpoetik in Zeiten der Einflussangst.

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© Helmut Fricke Im Stadium der Selbsterfindung: Michael Lentz in Frankfurt

Was man sich unter dem Genre einer „Poetikvorlesung“ vorzustellen hat, ist heute alles andere als klar - jeder Besuch einer derartigen Veranstaltung ist wie der Griff in eine Wundertüte. Der eine Schriftsteller nimmt den Begriff „Vorlesung“ sehr ernst und liefert lupenreine Wissenschaftsprosa, der andere gibt salopp Auskunft über die Entstehung seiner Werke und schafft dabei im besten Fall ein eigenes Werk - „vom Erzählen erzählen“ nannte der Schweizer Hugo Loetscher das einmal.

Jan Wiele Folgen:

Man kann Poetikvorlesungen über einzelne Adjektive halten oder über „Das Schreiben nach Auschwitz“, kann wie Ernst Jandl vom Öffnen und Schließen des Mundes reden oder wie Christoph Meckel von den Luftgeschäften der Poesie. Gerade in Frankfurt, an diesem Traditionsort der 1959 mit Ingeborg Bachmann begründeten Vorlesungen, darf mit Blick auf die seither gebotene Vielfalt behauptet werden, dass nicht nur das Gedicht „alles kann“, wie Robert Gernhardt demonstrierte, sondern erst recht die Poetikvorlesung - sie kann sich sogar selbst abschaffen wie noch vor zwei Jahren bei Thomas Meinecke, der unter dem vermeintlich postmodern-genialischen Titel „Ich als Text“ auf eigene Mühe verzichtete und stattdessen Rezensionen seiner Werke vorlas.

Hierzu trat die erste Vorlesung des nun eingeladenen Dichters und Erzählers Michael Lentz in maximalen Gegensatz: „Inventio“ war sie betitelt, das Rohmanuskript für diesen ersten Abend umfasste nicht weniger als 35 Seiten. Weitere vier Vorlesungen zu „Dispositio“, „Elocutio“, „Memoria“ und „Actio“ werden folgen, mithin also alle fünf Teile der klassischen Redeerstellung behandelt werden. Das ist an sich schon bemerkenswert, denn in moderner und postmoderner Literaturproduktion steht es um die Bedeutung der Rhetorik nicht zum Besten; seit dem Sturm und Drang darf man fragen, ob nicht das traditionell Kunstvolle geradezu die Negation von Literatur sei.

Eine hüftsteife Person

Michael Lentz bohrte zunächst tief in der Tradition: Seine Vorlesung begann mit einer Ekphrasis einer Renaissancedarstellung der Rhetorik als „gütig dreinblickende, etwas hüftsteife Person, ihre Kleidung ein Stilbruch“. Das war gleich doppelt lustig, weil es nicht vom Dichter selbst, sondern von seinem als Klon verkleideten Kollegen Uli Winters vorgetragen wurde, den wohl viele im Frankfurter Hörsaal zunächst für den echten Lentz hielten. Als der dann wenig später ans Pult trat, wurde allerdings deutlich, dass ihn neben dem markanten blauen Anzug und dem haarlosen Haupt vor allem seine Körpergröße auszeichnet.

Lentz bekannte sich dann als Dichter zur Rhetorik, weil sie die „Sehnsucht des ästhetischen Freelancers nach Regelpoetik“ stille und geistige Einkünfte in geregelte Bahnen lenke. Bei manchen seiner Satzkaskaden schienen dem Poetikdozenten etwas die Pferde durchzugehen; er gab allerdings auch sympathischerweise zu: „Ich bin ordnungsbesessen, kann aber keine Ordnung halten.“

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Wie schwierig es heute für den Dichter geworden ist, seinen Stoff zu finden, legte er an zwei vorzüglich gewählten Exempla dar: An Samuel Becketts EinMann-Stück „Das letzte Band“ zeigte er die rhetorische Selbsterfindung als „steten Wechsel von Selbstschöpfung und Selbstvernichtung“ (Friedrich Schlegel). In Ror Wolfs Kurzprosastück „Plötzlich“ entdeckte Lentz ein „erkenntnistheoretisches Kabinettstückchen“ und analysierte minutiös, wie die inventio darin selbst zum Thema wird: „Plötzlich, nachts, stand ich auf und dachte nichts.“

Gibt es überhaupt noch originelle Stoffe? Der im Zeichen der Postmoderne vieldiskutierten „Einflussangst“ stellte Lentz die beruhigende Erkenntnis gegenüber, dass die Rhetorik von Anfang an eine „Ästhetik des Recycelns“ befördert habe, indem sie auf Nachahmung und das Studium von Exempla zielte. Wie Lentz selbst bewies, schließt das den ingeniösen Umgang mit der Tradition nicht aus. Durch seine Vortragskunst gab er zudem einen Vorgeschmack auf das, was am Tag der actio noch von dem Lautpoeten Lentz zu erwarten sein dürfte.

Quelle: F.A.Z.

 

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