09.02.2010 · Die junge Autorin Helene Hegemann hat sich von dem Roman „Strobo“ des Bloggers Airen inspirieren lassen. Er lieferte ihr Erlebnisse, die sie selbst nicht haben konnte. Was aber taugt die Vorlage? Und was sagen die Übernahmen über Hegemanns literarische Qualitäten?
Von Andreas KilbIch, das sei ein Anderer, schrieb der Dichter Arthur Rimbaud 1871 an seinen Französischlehrer Georges Izambard, und dass man eigentlich nicht mehr sagen dürfe: „ich denke“, sondern nur noch: „Man denkt mich.“ – „Und Schande über die Ahnungslosen, die über Dinge plappern, von denen sie nicht das Geringste verstehen!“ Da war er sechzehn.
Helene Hegemann ist siebzehn, und sie hat einen Roman geschrieben, der von vielen Dingen sehr viel versteht: vom Leben, vom Dichten, von Drogen, vom Sex, von der Verzweiflung, von der Todessehnsucht und der Mädchenliebe. Sie ist bewundert und gefeiert worden für „Axolotl Roadkill“, aber nun zeigt sich, dass die Sätze ihres Buches nicht ihre eigenen sind, jedenfalls nicht ganz. Dass sie von Erfahrungen berichten, die Helene Hegemann gar nicht selbst gemacht haben kann, weil sie beispielsweise für den bekannten Berliner Techno-Club „Berghain“, in den man erst mit einundzwanzig hineinkommt, zu jung ist. Dass das Ich ihres Romans, zumindest, was diese Erfahrungen betrifft, eine Andere ist, genauer: ein Anderer.
Eine Existenz klassischen Typs
Dieser Andere verbirgt sich hinter dem Pseudonym Airen. Seit längerem schreibt Airen einen Blog über seine Erlebnisse in der Techno-Subkultur der Hauptstadt bei wordpress.com, und im vergangenen Jahr hat er im Berliner SuKuLTur-Kleinverlag seinen ersten Roman veröffentlicht: „Strobo“ (Mit einem Nachwort von BOMEC. Herausgegeben von alle3. 170 S., br., 17,– €). Darin geht es um vieles, von dem auch Hegemann erzählt, um Drogen, Sex, und das bittere Erwachen aus dem Rausch, um Schwulenclubs, Bordelle und nicht zuletzt immer wieder um das „Berghain“. Mittlerweile ist klar, dass Hegemann wesentliche Passagen ihres Buches, die von dem Techno-Club, vom Drogen- und Tablettenkonsum und den damit verbundenen Wahrnehmungen handeln, von Airen übernommen oder sich zumindest anverwandelt hat (siehe FAZ.NET-Spezial: Plagiatsdebatte um Helene Hegemanns „Axolotl Roadkill“). Die Autorin selbst hat das durch eine nachgereichte Danksagung anerkannt.
Aber Airens Buch, das bei seinem Erscheinen nicht den Bruchteil jener öffentlichen Begeisterung erregte, die Helene Hegemann mit ihrem Debütroman ausgelöst hat, handelt nicht nur von Exzessen und Abstürzen. Es erzählt vor allem von einer Existenz, in der man einen ganz klassischen Typus erkennen kann, den Phänotyp des todessüchtigen und lebensuntüchtigen jungen Dichters, wie er seit den Tagen des „Sturm und Drang“ und der Frühromantik durch die abendländische Literatur geistert. Der unglückliche Hölderlin war ein solches Exemplar, und natürlich war es auch Rimbaud, der mit sechzehn aus Charleville zur Pariser Kommune ging, um endlich die „Entriegelung der Sinne“ zu erleben, der eine tragische Affäre mit seinem älteren Dichterkollegen Verlaine erlebte und als Waffenhändler in Ostafrika endete, nachdem er mit zwanzig sein Lebenswerk abgeschlossen hatte.
Im einundzwanzigsten Jahrhundert nährt sich ein derartiges Radikalgenie natürlich nicht mehr von freier Liebe und Absinth, sondern von Whisky, Marihuana, Aufputsch- und Beruhigungsmitteln aller Art, und Airens Buch macht aus der „Polytoxikomanie“, wie es einmal heißt, seines Ich-Erzählers auch keinen Hehl. Aber unter der Kruste aus nächtlichen Räuschen, schnellem und wahllosem Sex mit Männern und Frauen und den darauf folgenden Zusammenbrüchen geht es auch in „Strobo“ um die uralten Fragen eines Künstlerlebens.
Die Ekstase des Ichverlusts
Denn der junge Mann, der bei Airen tagsüber ein Praktikum in einer großen Berliner Unternehmensberatung macht (wie auch der Autor selbst im Jahr 2006) und nachts im „Berghain“ und anderswo durch die Ekstase des Ichverlusts taumelt, wünscht sich insgeheim nichts sehnlicher, als aus seinem Albtraum aufzuwachen. Jemanden lieben zu können, egal ob Frau oder Mann. Ich zu sein, kein Anderer mehr. An einer Stelle des Buches ist vom „Schutzschild der Hoffnungslosigkeit“ die Rede, hinter der sich der Held verschanzt. Wie in allen Genieromanen gibt es am Ende zwei Möglichkeiten: Entweder der Jüngling legt den Schutzschild ab und betritt die Realität, oder er geht hinter ihm zugrunde.
Dass sich Helene Hegemann bei Airen (sowie bei Salinger, Kerouac, Rolf Dieter Brinkmann, Rimbaud und anderen poètes maudits) bedient hat, ist klar. Interessant ist, was sie aus dem Gefundenen und Gelesenen macht. Denn die siebzehnjährige Dichterin ist zwar an Jahren jung, aber in professioneller Hinsicht eine Veteranin. Sie steht am Ende einer langen Tradition des Jungseins in der Literatur. Und sie bedient sich aus dieser Tradition, wo sie nur kann. Sie zapft fremde Erfahrungen an, sie sammelt und exzerpiert, sie durchforscht das Internet nach Texten zu ihrem Thema. Sie zitiert sogar, wenn es ihr passt, den Kirchenvater Eusebius von Cäsarea: „Wehe dem, der die Hölle jetzt für lächerlich hält und die Hölle erst an sich selbst erfahren muss, ehe er an sie glaubt.“
Entscheidend ist, was herausströmt
Das Einzige, was die kluge Dichterin Hegemann versäumt hat, ist der Nachweis der Quellen, aus denen ihre Selbsterfahrungsprosa strömt. Und damit sind wir am neuralgischen Punkt der Plagiatsdebatte um „Axolotl Roadkill“. Denn natürlich hätte sich Helene Hegemanns Roman nicht halb so gut am Markt und in den Feuilletons plazieren können, wenn er nur als Talentprobe einer formbewussten, literarisch versierten Debütantin aufgetreten wäre. Nein, dieses Buch musste der Notschrei eines blutjungen Originalgenies sein, ein poetisches Protokoll aus den wildesten Ecken des Hauptstadtlebens. Aber weder Helene Hegemann noch der Mann, der sich Airen nennt, hat die Gattung neu erfunden. Sie zitiert ihn, und er zitiert Benn, Burroughs und Jünger, ebenfalls ohne Fußnote.
Dennoch hat Hegemann vor Airen einen entscheidenden Vorsprung. Keinen altersmäßigen, sondern einen literarischen. „Strobo“ ist eine gleichmäßig dahinfließende Litanei, deren Grellheiten auf die Dauer etwas Lähmendes haben. „Axolotl Roadkill“ dagegen erzählt eine Geschichte. Die Figur, die Hegemann entwirft, gewinnt mit jeder Seite an Kontur, während Airens Jüngling verschwommen bleibt – auch wenn seine Erfahrungen echt sind und die der Hegemann-Heldin abgekupfert. Denn in der Literatur geht es nicht um das Leben, das in die Bücher fließt. Sondern um das, was aus ihnen herausströmt.
Fremde Federn
Die siebzehnjährige Berliner Autorin Helene Hegemann hat sich angesichts der Vorwürfe, in ihrem Roman „Axolotl Roadkill“ allzu deutliche Anleihen bei dem Blog des „Strobo“-Autors Airen genommen zu haben, für ihr „egoistisches und gedankenloses Verhalten“ entschuldigt: „Obwohl ich meinen Text und mein Prinzip voll und ganz verteidige, entschuldige ich mich dafür, nicht von vorneherein alle Menschen entsprechend erwähnt zu haben, deren Gedanken und Texte mir geholfen haben.“
Der Berliner SuKuLTuR Verlag, bei dem Airens Roman „Strobo“ erschienen ist, hat sich derweil mit einer eigenen Erklärung in die Debatte eingeschaltet. Es gehe hier keineswegs „um Remix-, Sample- und Zitatkultur, ein postmodernes Vexierspiel und intertextuelle Verweise“. Man habe es hier nicht mit einem Roman von Thomas Meinecke oder Italo Calvino zu tun. Auch Rainald Goetz protokolliere Gespräche mit Freunden, aber er schreibe sie nicht aus anderen Büchern ab.
„Natürlich muss Helene Hegemann nicht Heroin nehmen, um über das Heroinnehmen zu schreiben“, heißt es in der Erklärung. „Wenn man einen Roman über das Mittelalter schreibt, muss man auch nicht ins Mittelalter reisen. Aber man darf nicht einfach aus anderen Mittelalterromanen abschreiben. Und dabei spielt es auch keine Rolle, ob man aus einem Blog oder einem Buch oder von einer CD-Hülle abgeschrieben hat. Wir nennen das ,sich mit fremden Federn schmücken‘. Die Federn gehören dem Schriftsteller Airen.“ Dieser wiederum teilt mit, er stünde derzeit für Interviews nicht zur Verfügung. F.A.Z.