26.03.2009 · Raymond Chandler, der heute vor fünfzig Jahren starb, hat mit Philip Marlowe den berühmtesten Privatdetektiv geschaffen. Das Schriftstellerduo Volker Klüpfel und Michael Kobr über den Krimi-Revolutionär Chandler, die Aktualität Marlowes und seinen eigenen Helden Kommissar Kluftinger.
Raymond Chandler hat mit seinem Privatdetektiv Philip Marlowe das Genre des Kriminalromans revolutioniert. Mit seinen „hardboiled“ Detektivgeschichten distanzierte er sich vom britischen Krimi, der ihm blutleer und wirklichkeitsfremd erschien. Heute jährt sich zum 50. Mal Chandlers Todestag. Im Zeitalter der neuen Technologien musste sich die Figur des Ermittlers verändern. Heute löst nicht mehr der Privatdetektiv, sondern der Kommissar die Fälle - wie bei dem Allgäuer Krimiduo Volker Klüpfel und Michael Kobr. Für ihre Romane um den Kommissar Kluftinger bekamen sie den Bayerischen Kunstförderpreis, den Weltbild-Leserpreis Corine und den Krimi- und Publikumspreis des Deutschen Buchhandels. Sie erzählen, welchen Einfluss Chandler auf ihr Werk hatte, warum Marlowe geschickter sein musste als die heutigen Ermittler und warum es die heile Welt nicht einmal im Allgäu gibt.
Welche Rolle spielen die Kriminalromane von Raymond Chandler für Sie?
Klüpfel: Chandler hat mit Philip Marlowe den Antitypen des früheren Ermittlers geschaffen. Früher waren die Ermittler die strahlenden Helden, wahnsinnig intelligent und scharfsinnig. Genau so, denke ich, wollten die Leser auch sein. Und dann kam Chandler: Bei ihm war alles dreckig und verworren. Ein Typ, den man sich nicht als Vorbild nehmen würde. Das ist das Gleiche bei Kluftinger, obwohl bei ihm alles in geordneten Verhältnissen läuft. Vielleicht gäbe es ohne Marlowe gar keinen Kluftinger.
Ihre Romane um Kommissar Kluftinger spielen im Allgäu, Chandler wählte Los Angeles als Szenerie. Leben die schlimmeren Straftäter auf dem Land oder in der Stadt?
Kobr: Ich denke, dass dem Land Abgrundtieferes zuzutrauen ist als der Stadt. Ich würde nicht sagen, dass es sehr große Unterschiede gibt, aber auf dem Land ist durch die Idylle die Fallhöhe größer.
Klüpfel: In der Stadt gibt es die meisten Verbrechen. Dort leben die Menschen auf engem Raum, können sich schlechter aus dem Weg gehen, soziale Gegensätze prallen aufeinander. Die bizarrsten Fälle passieren jedoch auf dem Land, in den einsamen Gegenden.
Worin liegt der Reiz des Land-Krimis?
Kobr: Es wird eine perfektere Ordnung durcheinander gebracht als in der Stadt. Der Kontrast ist größer.
Klüpfel: Es ist reizvoll, eine Umgebung zu wählen, die noch traditionelle Strukturen kennt. Dort leben Menschen, die noch ein klares Gut-Böse-Bild im Kopf haben. Die Grenzen sind noch nicht so fließend wie in der Großstadt. Das Allgäu bietet eine tolle Kulisse für einen Kriminalroman. Denn es gibt das schöne Allgäu mit grünen Wiesen und blauem Himmel, aber auch ein ganz anderes, das düstere, neblige, das bergige und zerklüftete Allgäu. Unsere Botschaft ist jedoch nicht, dass das Allgäu in Wirklichkeit ein Sumpf des Verbrechens und der Abgründe ist. Dennoch, ohne ihnen Angst machen zu wollen: Der Mord im Allgäu wurde nicht von uns erfunden. Der Mensch ist des Menschen Wolf. Das ist überall so. Für unsere Szenerie-Wahl war jedoch ausschlaggebend, dass wir im Allgäu aufgewachsen sind und so die Charaktere, die hier leben, besser beschreiben können.
Was sind die Besonderheiten von Marlowe und Kluftinger?
Klüpfel: Im Privatleben ist Kluftinger froh, wenn er daheim auf dem Sofa liegen kann. Marlowe würde wahrscheinlich eher in die Kneipe gehen. Bei den Ermittlungen ist Marlowe sich seiner Wirkung bewusster als Kluftinger. Auf eine gewisse Weise ist er kontrollierter, auch wenn er mal Gewalt einsetzt. Kluftinger ist unbeholfener und tapsiger.
Sind sich die Ermittler auch ähnlich?
Kobr: Sie sind beide Typen, die sich nicht verbiegen lassen und die ihre Wertesysteme leben, auch gegen den gesellschaftlichen Trend. Es sind zwei Dickschädel. Aber Kluftinger ist ein institutioneller Detektiv und daher, aber auch aus Überzeugung, viel mehr an Recht und Gesetz gebunden. Er ist ein größerer Spießer als Marlowe. Er lebt ein ganz normales Familienleben, was Marlowe nicht hatte. Der war eher ein Tramp.
Klüpfel: Beide orientieren sich nicht immer an den Vorschriften, Marlowe sicher viel weniger als Kluftinger. Aber beide haben Konflikte mit Obrigkeiten, sind ihnen gegenüber respektlos.
Kann man als Autor heute noch von Raymond Chandler lernen?
Klüpfel: Bei Chandler ging es nie wirklich darum, wer der Täter war. In seinen Büchern ging es korrupt und durchtrieben zu, alles war schlecht und am Ende waren alle mit Schuld beladen. In der heutigen Wirtschaftskriminalität würde dieses Konzept immer noch greifen. Das Problem ist, dass Marlowe so oft kopiert und variiert wurde. Er ist zu einer Ikone geworden, einem Klischee, über das man nichts mehr erzählen kann.
Kobr: Marlowe musste besser sein als die heutigen Ermittler. Er hatte weniger technische Hilfsmittel und löste seine Fälle mit intuitiver Kraft und Nachdenken. Er musste mehr reflektieren als unser Kluftinger. Lernen kann man von dieser Figur auf jeden Fall.
Musste Marlowe also mehr leisten und geschickter sein als Kluftinger?
Klüpfel: Ich denke schon. Marlowe konnte nicht ins Online-Archiv gehen und sich etwas ausdrucken. Er konnte kein Stichwort im Computer eingeben und warten, bis ihm alle zusammenhängenden Fälle angezeigt wurden. Die Ermittlungen waren näher am Menschen orientiert. Es ist gut, dass es diese Technik gibt, aber um eine Geschichte zu erzählen, ist das zu prosaisch.
Chandler sagte, er sei genauso wie die Gestalten in seinen Büchern. Er war, wie Marlowe, dem Alkohol verfallen. Was hat Kluftinger von Ihnen geerbt?
Kobr: Wir hoffen beide, dass es nicht allzu viel ist. Kulftinger gehört einer anderen Generation an, unserer Vätergeneration. Trotzdem ist er uns in den Grundüberzeugungen nah. Er ist ein ruhiger Typ, sehr besonnen, er lässt sich nicht schnell aus der Ruhe bringen und läuft nicht jedem Trend hinterher.
Klüpfel: Die Figur entspringt unserer Fantasie und ist keine therapeutische Verarbeitung unserer eigenen Schwächen. Aber die Furcht vor Neuem, die Kluftinger hat, wurde jedem Allgäuer in die Wiege gelegt. Wir warten lieber erst einmal ab, beobachten genau und öffnen erst dann unser Herz. Mit dieser Eigenschaft von Kluftinger kann ich mich gut identifizieren.
Anders als Marlowe muss Kluftinger sich das Rampenlicht mit den neuen Technologien teilen. Kratzt das am Stolz des Ermittlers?
Kobr: Ein bisschen schon. Wir haben es aber gut, weil sich Kluftinger der neuen Technologie verwehrt. Wir möchten die klassische Ermittlungsarbeit zeigen. Wir müssen einen Kunstgriff finden, warum diese Technologien nicht anwendbar sind. Kluftinger sieht nicht ein, warum man bewährte Methoden ändern sollte. Er weiß zum Beispiel, dass das Internet nützlich ist, aber er will sich selber nicht damit beschäftigen.
Klüpfel: Der genetische Fingerabdruck zum Beispiel ist für den Ermittler natürlich eine Erleichterung. Aus schriftstellerischer Hinsicht ist er aber ein Desaster. Für den Leser soll die Spannung erhalten bleiben und wenn ein Fall mithilfe dieses Abdrucks nach zwanzig Seiten gelöst ist, ist das sehr unbefriedigend.
Nützt oder schadet die neue Technologie den Tätern?
Kobr: Der Schaden ist für sie größer als der Nutzen. Durch Handys können die Täter beispielsweise besser kommunizieren, aber auch überall geortet werden.
Hätte Chandler seinen Marlowe heute noch genauso entwickeln können wie damals?
Klüpfel: Ich denke, Marlowe könnte heute noch genauso funktionieren. Jemand, der seinen Trenchcoat anzieht, hinaus geht und das Recht in die Hand nimmt, sich nicht auf das Handy und den Computer verlässt, sondern selbst die treibende Kraft ist - so eine Figur wäre in ihrer rotzigen und destruktiven Art erfrischend.
Chandler war bei seinem ersten Roman 51 Jahre alt, hatte in England, Deutschland und den Vereinigten Staaten gelebt, hat im Ersten Weltkrieg gekämpft und ist Vorstandsmitglied einiger Ölkonzerne gewesen. Welche Rolle spielen extreme Lebenserfahrungen für das eigene Werk?
Kobr: Das können wir schwer beurteilen, weil wir so wenige extreme Erfahrungen gemacht haben. Aber die eigene Lebenserfahrung spielt eine wichtige Rolle. Wir haben das Glück, dass wir viel einbringen können, weil wir unsere Romane in unserer Heimatregion spielen lassen. Wir kennen die Charaktere, die wir beschreiben. Wir beschreiben keine bestimmten Personen, aber setzen die Charaktere aus gesammelten Eigenschaften zusammen, die wir in unserem Umfeld, der Elterngeneration und bei uns selbst beobachten. Ich glaube, dass es mit zunehmender Lebenserfahrung immer besser gelingt, Figuren zu entwerfen. Aber es sind eher die alltäglichen Lebenserfahrung, die einfließen. Wahrscheinlich ist Kluftinger deshalb auch so ein alltäglicher Typ.
Gibt es Personen, die sich in Ihren Charakteren wieder gefunden haben?
Klüpfel: Die Menschen entdecken Kluftinger immer nur in anderen, nie in sich selbst. Jeder kennt jemanden, der wie Kluftinger ist.
Marlowe war Chandlers Kind der Weltwirtschaftskrise. Wird die jetzige Krise auch Thema in ihrem neuen Roman sein?
Klüpfel: Ja, aber es wird kein Wirtschaftskrimi. Es wird mit einfließen. Wir wollen keine anachronistischen Krimis schreiben, auch wenn Kluftinger altmodisch daher kommt. Es gibt bei uns immer Anklänge an die aktuellen Themenlage.
Welche Reaktionen bekommen Sie in Ihren Lesungen?
Klüpfel: Letztes Wochenende kam ein älterer Herr zu uns und sagte: „Ich habe auch ein Buch geschrieben, aber einen Krimi.“ Als wir dann sagten, dass wir ja auch einen geschrieben haben, sagte er nur: „Nein nein, einen ernsthaften.“ Es ist immer wieder amüsant.