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Peter Kurzeck zum Siebzigsten : Lebensplan bis zum Literaturnobelpreis

Geburtstage könnte er viele feiern: Der Frankfurter Schriftsteller Peter Kurzeck wird siebzig Bild: Helmut Fricke

Durch seine Hörbücher wurden auch seine Romane bekannt, sein ehrgeizig angelegtes Erzählvorhaben ist minutiös aufgelistet. Am Ende: der Nobelpreis. Dem Frankfurter Schriftsteller Peter Kurzeck zum Siebzigsten.

          Seinen Geburtstag könnte Peter Kurzeck auch am 16. Juli feiern - dem Tag, als der damals Dreijährige 1946 mit Mutter und älterer Schwester in dem hessischen Ort Staufenberg ankam. Aus der Geburtsstadt Taucha in Böhmen war die Familie vertrieben worden, doch in Staufenberg lernte Kurzeck kennen, was Heimat ist. Er war zu klein, um sich noch an viel aus Böhmen zu erinnern, aber was schon die Vertreibung das Kind gelehrt hatte, war die Erkenntnis, dass auf einen Schlag alles verlorengehen konnte. Deshalb muss man es aufbewahren - in der Erinnerung. Peter Kurzeck hat dieser Rettung sein Leben verschrieben.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Im wahrsten Sine des Wortes, denn kein anderes Erinnerungsprojekt der deutschen Literatur, nicht einmal das kollektive „Echolot“ von Walter Kempowski, ist so ehrgeizig angelegt wie Kurzecks Romanzyklus „Das alte Jahrhundert“. KD Wolff, der Leiter des Stroemfeld Verlags, der seinem treuen Autor jetzt zum Geburtstag einen herrlichen Bildband schenkt („Peter Kurzeck - Der radikale Biograph“), erinnert sich seinerseits daran, wie Kurzeck ihm vor mehr als dreißig Jahren, ganz zu Anfang ihrer Zusammenarbeit, einen Lebensplan überreichte, der das zukünftige Werk auflistete. Weit in die Zukunft hinein reichte das Schreibvorhaben, noch weiter als 2013, auch wenn nach diesem ursprünglichen Plan jetzt bereits deutlich mehr als die vorliegenden fünf Bände hätten fertig sein sollen (wobei ein Mammutwerk wie der 2011 erschienene „Vorabend“ mit seinen tausend Seiten noch nicht vorgesehen war). Und ans Ende der Liste setzte Kurzeck sein Ziel: „Literaturnobelpreis“.

          In leuchtendsten Farben

          Dass er ihn verdient hätte - keine Frage. Aber das hätten diejenigen Autoren, die in ihren Sprachen für eine Epoche Vergleichbares geleistet haben - Proust zum Beispiel oder A.F.Th. van Heijden -, ja auch. Also wird Kurzeck wohl vergeblich hoffen. Zumal er nicht in andere Sprachen übersetzt ist. Wobei in seinen Reminiszenzen ans Staufenberg der vierziger bis siebziger Jahre und an das Frankfurt der Jahrzehnte danach viel mehr Welt steckt als in hochgefeierten Büchern, die ihre Helden rund um die ganze Welt schicken.

          Seinen Geburtstag könnte Kurzeck auch am 19. August feiern - dem Tag, als er 1971 beschloss, seine Festanstellung zu kündigen und seine Zeit fortan dem Schreiben zu widmen. Was er dafür auf sich nahm, kann man aus seinen Büchern nur erahnen, denn Kurzecks Romane, die nur deshalb so heißen, weil man, so der Autor, „jede Szene, auch wenn es die wirklich gegeben hat, um sie für sich selbst gültig erzählen zu können, im Grunde noch einmal neu erfinden muss“, diese Romane also beschwören die Vergangenheit in den leuchtendsten Farben herauf, auch wenn ihr Mittelpunkt, Kurzeck selbst, in den prekärsten Verhältnissen lebte.

          Als wären sie gerade gelebt und nicht nur gelesen

          Es ist diese Liebe zur eigenen Geschichte, die Kurzeck zu einem Erzähler macht, der diese Bezeichnung wie kein Zweiter verdient. Besonders deutlich wurde das in jenem Werk, das seinen Erfolg bei einem breiteren Publikum erst ermöglicht hat, dem vierteiligen Hörbuch „Ein Sommer, der bleibt“ von 2007. Ohne Manuskript erinnert sich Kurzeck da an seine Kindheit in Staufenberg, und aus dem bewegenden Ton dieser Erzählung entsteht eine verbale Rhapsodie. Hat man sie einmal im Ohr, wird man sie beim Lesen seiner Bücher nie mehr aus dem Kopf bekommen, und Besseres kann den dramaturgisch ausgefuchsten Texten nicht passieren. Es ist ein großes Glück, dass der Erfolg dieses Hörbuchs weitere nach dieser Machart angeregt hat.

          Seinen Geburtstag könnte Kurzeck auch am 10. März feiern - dem Tag, als er 1979 beschloss, mit dem Trinken aufzuhören. Erst danach wurde aus dem autobiographisch inspirierten Schreiben ein autobiographisch grundiertes, denn nun gab es kein anderes Stimulans mehr als die Erinnerung. Und auch im Herbst 1983 könnte man einen Tag finden, der Kurzecks Existenz bestimmt hat, doch es wäre ein trauriger, der Tag des Endes einer langjährigen Liebe, der die Tochter Carina entsprang. Von dieser Trennung aus- und nur in Exkursen über diesen Herbst hinausgehend, entfaltet sich das Erzählmassiv des „Alten Jahrhunderts“.

          Aber mit diesen Exkursen, die Kurzeck zu Formen und Umfängen entwickelt hat, von denen selbst Jean Paul nur hätte träumen können, greifen die Bücher aus in die Zeit und holen andere Jahre in die Gegenwart des Lesens. Jahre, die von einer Lebendigkeit sind, als ob sie gerade gelebt und nicht nur gelesen würden. Aber was heißt „nur“? Lesen ist für Kurzeck Leben. Und weil ihm der Tag, an dem er das Lesen begann, nicht mehr in Erinnerung ist, feiert er doch schon an diesem Montag seinen Geburtstag, siebzig Jahre nachdem er auf die Welt kam.

          Quelle: F.A.Z.

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