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Paulo Coelho wird 70 : Der letzte Hippie von Rang

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Hand aufs Herz: Paulo Coelho hat schon so einige Bücher verkauft. Respekt! Bild: dpa/Guido Montani

Paulo Coelho ist ein erzcooler Typ mit einem seltsamen Hobby. 215 Millionen Bücher hat er verkauft. Heute wird der brasilianische Bestsellerautor siebzig Jahre alt. Eine Geburtstagsglosse.

          Er ist einfach ein erzcooler Typ, Paulo Coelho, ein Wahnsinniger ohne Furcht und Adel, der letzte Hippie von Rang. Das muss man erst einmal bringen, bei der stets stocksteifen Eröffnung der Frankfurter Buchmesse vor einer ganzen Halle voller Angsthasen in höchsten Tönen die digitale Piraterie zu loben. Von Youporn lernen heiße siegen lernen, verkündete Coelho vor neun Jahren neben einem schnappatmenden Gottfried Honnefelder, damals Vorsteher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, und dann beschrieb Coelho, wie er selbst die Seite „Pirate Coelho“ aufgesetzt habe: alles umsonst, alles illegal. Und trotzdem, nein: gerade deshalb seien seine Verkaufszahlen immer weiter gestiegen.

          Der adrette Mann, der heute siebzig Jahre alt wird, badet in Millionen. Um zu einem solchen Tausendsassa zu werden, braucht es vielleicht eine Lebensgeschichte wie diese: als Jesuitenschüler in Rio de Janeiro vom Gleis fallen, im drogenbunten Hokuspokusnebel gegen die bürgerliche Welt der Eltern rebellieren und von diesen zur Strafe in die Psychiatrie gesteckt werden, sich als Songtexter für eine brasilianische Esoterik-Rockband mit der brasilianischen Militärdiktatur anlegen und auch dies überstehen, wohl nicht zuletzt deshalb, weil die Folterknechte Coelho für viel zu verstrahlt hielten, um wirklich mit der Guerrilla-Bewegung verbunden zu sein. Wichtig war es auch, medienwirksam im ehemaligen Konzentrationslager Dachau von einer Vision ereilt zu werden, die ihn zum katholischen Glauben zurückführte – oder was er dafür hält. Wer ohne Vision ist, dem mag es eher wie Engelpornographie vorkommen.

          Umringt von der Presse und seinen Fans: Paulo Coelho.

          Heute bloggt sich Coelho die Finger wund und tut mit seiner Stiftung viel Gutes für die Unterschicht in Brasilien. Seit 2001 ist er Träger des Kultur-Bambis der Burdarepublik Deutschland. Höher geht es nicht. Ein erzcooler Typ eben – wenn da nur dieses irritierende Hobby nicht wäre, das Bücherschreiben. Immer wenn Paulo Coelho über eine weiße Feder stolpert, und Schwäne gibt es ja in jedem City-Teich, erfolgt der nächste Weltbestseller. Diese bestehen aus der unendlichen Variation weniger Ingredienzien: am Materialismus verzweifelnde schöne Frauen und Männer, Sex, Mystik und Schamanismus als Türöffner in höhere Regionen (Jackpot: Schamanensex), Tränen, Lebenswende, Kalendersprüche.

          Und obwohl wir dem durchaus nicht am Materialismus, sondern am schwachen Euro-Wechselkurs verzweifelnden Schweizer Diogenes Verlag, der im deutschen Sprachraum die Rechte am Wolkenkuckuckswerk Coelhos besitzt, seine Cash-Kuh gönnen, wollen wir doch auf den jüngsten Eintrag auf der „Paulo Coelho Writer Official Site“ hinweisen. Er lautet ganz offiziell: „Begona Miguel vom Huelgas-Kloster sagt: ‚San Juan de La Cruz lehrt uns, dass Schweigen seine eigene Musik hat; es ist die Stille, die uns befähigt, uns selbst und die Dinge um uns herum zu sehen.“ Na eben. Der Rest sei Schweigen – und 215 Millionen verkaufte Bücher.

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