Reisen, philosophisch und existentialistisch gesprochen, heißt aufzubrechen, einen Anfang zu setzen, ein Erster zu sein. Alles ist auf diesen Beginn gestellt; noch hat sich die Welt nicht ins Verlässliche, objektiv Gesicherte verfestigt, oder anders gesagt: Genau in dem Maße, wie sie stabil und schon im Voraus gedeutet ist, muss man sich von ihr lösen. Alles ist Handlung, Aktion; auf nichts anderes kann der Reisende bauen als auf seine eigenen Fähigkeiten, und jeder Moment kann der sein, in dem man sie mobilisieren muss.
Das gilt selbst dann, wenn man sich, wie Paul Theroux bei seiner ersten großen Expedition ins Unbekannte, in eine Institution einklinken kann. Denn das Versprechen des Abenteuers, so hat er einmal gesagt, ist inzwischen selbst warenförmig geworden und eigentlich nur noch das Synonym für eine vom Reiseunternehmer durchgeplante Safari: Ein „Deutschland mit Palmen“. Erst mit Arbeiten und Pflichten in fernen Ländern, mit dem Erlernen der Sprachen, entwindet man sich dem bloßen Tourismus, man lernt die Fremde von innen kennen. Der Reisende ist kein Urlauber.
Bitter war sein Blick auf Afrika
In Falle von Theroux war es das amerikanische „Peace Corps“, das Präsident Kennedy 1961 ins Leben gerufen hatte: Eine Mischung aus Entwicklungsdienst und Propagandaeinrichtung; nötig, um im Kalten Krieg den Sowjets und den Chinesen in der Dritten Welt etwas entgegensetzen zu können. Theroux, der einer Generation angehört, für die das Überschreiten von Grenzen ein Glaubensbekenntnis war, ging im Dienste des „Peace Corps“ nach Uganda, er wurde Lehrer im italienischen Urbino, dann in Malawi, er kehrte nach Uganda zurück, um an der Universität von Kampala zu unterrichten, und lebte schließlich, von Ende der sechziger bis Anfang der siebziger Jahre, in Singapur. Bitter war dann aber der Blick, den er 2003 nach einer Reise „von Kairo zum Kap“ auf den Kontinent warf, der ihm in jungen Jahren das Glück bedeutet hatte: Seine frühere Schule in Malawi - nun ein Geisterhaus mit zerbrochenen Fenstern und einer Bibliothek ohne ein Buch.
Man kann auch einen neuen Anfang machen, indem man das Paradox wagt und ganz ins Unzeitgemäße zurücktritt. Der Zauber, den die globalisierte, durch Flugzeuge problemlos verbundene Welt vergebens verspricht, stellt sich sofort ein, wenn man beim Reisen eine eigene Askese entwickelt. So ist Theroux einmal mit dem Zug durch ganz Asien gefahren, und wer sein Gesamtwerk studiert, wird, über die Bücher verteilt, ein einziges großes Loblied der Bahnreisen finden: Man ist geborgen, es wird einem nicht schlecht, man muss keine Sicherheitskontrollen passieren. „Abenteuer Eisenbahn. Auf Schienen um die halbe Welt“ erschien schon 1984.
Gewidmete Bücher im Antiquariat gefunden
In Medford, Massachusetts wurde Paul Theroux geboren; er wuchs mit sechs Geschwistern auf, wurde Messdiener und Pfadfinder. Aber wer ist man dann, wenn man reist? Hat Theroux den großartigen Witz seiner Schilderungen benutzt, um dieser Frage auszuweichen? So jedenfalls hat er es selbst einmal gedeutet, und erst viel später, in postmodern verspiegelter, halb autobiographischer, halb fiktionaler Weise, in „imaginären Memoiren“ unter dem Titel „Mein anderes Leben“ (2003) die Krise seiner Ehe beschrieben.
Der Reisende ist einer, der verlässt. Aber Theroux wurde auch verlassen - so jedenfalls empfand er es, als er mehrere Exemplare seiner Bücher, die er mit handschriftlichen Widmungen dem Nobelpreisträger V. S. Naipaul gesandt hatte, seinem großen Freund und Mentor noch aus gemeinsamen afrikanischen Tagen, eines Tages im Antiquariatskatalog wiederfand. Aus dieser Erfahrung wurde einer der bösesten Scherze des neueren anglophonen Literaturbetriebs, „Sir Vidia's Shadow“ erschien 1998.
Ob die Satire, mal heiter, mal bitterer, den Theroux im Blut liegt? Jedenfalls hat sich auch sein älterer Bruder Alexander in diesem Feld hervorgetan; bis zur Manier viel sprachverliebter als Paul, aber weniger erfolgreich. Ging es bei Pauls Abrechnung um einen Freund, so bei Alexander um eine Geliebte. Am heutigen Sonntag wird Paul Theroux siebzig.