Mitten im Unterfränkischen, dort, wo die Telefonnummern noch dreistellig sind, schreibt Paul Maar seine Kinderbücher in einer früheren Orangerie am Rand eines Schlossgutes. Wir treffen ihn in einem lichten Raum beim Tee, dem er einen Schuss Cognac beifügt. Oft fällt er in seinen Antworten überraschend in die Gegenwartsform, bei Pointen strahlen seine blauen Augen noch immer wie die eines Jungen.
Wir befinden uns gerade vierzig Kilometer von Ihrem Geburtsort Schweinfurt entfernt, Ihr Wohnort Bamberg ist nah. Brauchen Sie diese räumliche Nähe zu Ihrer Kindheit, um Kinderbücher zu schreiben?
Eigentlich nicht. Es ist ja nicht so, dass ich immer gern an meine Kindheit zurückdenke. Sie war nicht immer so heiter. Mit Bamberg ist es etwas anderes, von dort stammte meine früh verstorbene Mutter. In den Ferien durfte ich als Kind oft zu einer Tante. Da schien immer die Sonne, ich musste keine Hausaufgaben machen, die Tante spendiert ein Eis, es ist entspannt und warm und schön. Dieses Grundgefühl ist geblieben bei mir. Als meine Kinder die Schule verlassen hatten, bin ich Ende der achtziger Jahre aus Baden-Württemberg zurückgekehrt.
Was inspiriert Sie an diesem Ort hier?
Die absolute Ruhe. An der Stelle des jetzigen Gebäudes soll es früher mal eine alte keltische Kultstätte gegeben haben, einen Brunnen. Vielleicht fällt einem deshalb hier so viel ein. (lacht) Man hat auch keinen Netzempfang und es gibt kein Fernsehen. Nichts lenkt einen ab.
Wie sah Ihre nicht so sonnige Kindheit in Schweinfurt aus?
In meinen ersten Jahren war Kriegszeit. Schweinfurt wurde wegen der vielen Industrie stark bombardiert. Meine frühe Kindheit hat sich für mich so dargestellt: Ich liege angezogen im Bett, damit ich mich bei einem Fliegeralarm nicht erst noch ankleiden muss. Meine Stiefmutter kommt hereingerannt, reißt mich hoch und rennt mit mir hinunter in den Keller. Meine Oma väterlicherseits hinkt mit ihrem steifen Bein mühsam hinterher. Kaum sitzen wir unten und haben die eiserne Luftschutztür geschlossen, fängt das Haus an zu vibrieren, der Putz fällt von den Wänden. Das Licht flackert einmal kurz und verlöscht dann. Meine neue Mutter zündet mit zitternden Fingern eine Kerze an. Ich spüre ihre Angst und werde umso ängstlicher. Als unser Haus in den letzten Kriegsjahren von einer Bombe getroffen wurde, sind wir zu ihren Eltern gezogen, in ein fränkisches Dorf, gleich am Main. Mein Großvater, er hatte ein Gasthaus und war Büttner, war ein warmherziger Mann, der, wie ich es einmal genannt habe, das Rädchen an meinem inneren Kühlschrank von minus fünf Grad auf Auftauen gestellt hat. Er hat mich angenommen, wie ich war, mit all meinen kleinen Ticks. Ich war schon etwas traumatisiert damals, er hat mich wieder aufgebaut.
Ihre Lebensgeschichte ist typisch für die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Ihre Mutter stirbt nach Ihrer Geburt, der Vater ist im Krieg, später in Kriegsgefangenschaft. Er erzieht Sie nach seiner Rückkehr hart und sieht es nicht gern, wenn Sie lesen.
Er war Handwerker, Stuckateur, arbeitete von morgens um sechs bis abends um zehn und konnte es nicht akzeptieren, einen Jungen mit Brille und gebeugtem Rücken zu haben, der im Sessel sitzt und liest. Er fragte dann: „Hast du eigentlich nichts zu tun? Nimm mal den Besen und kehr den Hof.“
Was wäre, ohne diese Prägung, fünfzig Jahre später aus Ihnen geworden?
Ich wäre auch heute Geschichtenerzähler geworden, das liegt einfach in mir drin.
Was dachten Sie, als Sie zum ersten Mal „Harry Potter“ lasen? Den Ort unter der Treppe hatten Sie ja in den achtziger Jahren in „Lippels Traum“ vorweggenommen. Hier der unterdrückte Träumer und Leser, dort der unterdrückte Zauberer.
Die Atmosphäre von „Harry Potter“ ähnelt am Beginn schon ein wenig der in „Lippels Traum“, mein Buch war aber bitte schön früher. Ich habe recht spät angefangen, „Harry Potter“ zu lesen - und konnte nicht mehr ablassen davon. Rowling kann sehr gut plotten, es ist faszinierend, wie sie ihre Geheimnisse verbirgt. Man muss sich hüten, dass man nicht unabsichtlich ihren Stil übernimmt.
Was könnte dabei abfärben von ihr auf Sie?
Für mich bestünde die Gefahr, dass ich zu stark in Richtung Fantasy gehe. Wobei Fantasy das Erzählen auch leichter macht. Man denkt sich eine Welt aus, legt neue Regeln fest, und ob da jetzt Ritter mit Laserschwertern auf Kamelen oder Drachen kämpfen, ist völlig egal, es muss nur in sich stimmen. Mit Stirnrunzeln betrachte ich die Alleinherrschaft, die Fantasy in den letzten zehn Jahren in den Verlagen angetreten hat. Man kann ja heute kaum noch die Vorschauen der Kinder- und Jugendbuchverlage voneinander unterscheiden. Alle Umschläge sind dunkel, und überall ist vorne ein Totenkopf drauf, ein Ritter, ein Drache oder ein magischer Ring.
Was ist in Ihrer Phantastik anders?
Ich gehe immer von der Wirklichkeit aus, erst dann kommt das phantastische Wesen hinzu. Meine Geschichten sind oft wie ein Fluss, in dem an einer Engstelle plötzlich ein Zweig hängen bleibt. Er braucht einen Schubs, um weiter schwimmen zu können. Den bekommt er oft durch meine phantastischen Figuren.
Das ist, glaube ich, das Besondere an Ihrer Literatur - wie organisch sich eine phantastische Figur wie das Sams in die Wirklichkeit einfügt.
Das hat mich selbst überrascht. Die Hauptfigur meines ersten Bands war ja der Herr Taschenbier. Mein Vorbild stammt aus Kindertagen, es war der Buchhalter meines Vaters, der in unserem Haus sein kleines Büro hatte. Ich bin ihm täglich begegnet. Er war still, er war angepasst, und wenn mein Vater jähzornig wurde und ihm vorwarf, er hätte eine Rechnung verschlampt, die sich später auf seinem eigenen Schreibtisch wiederfand, selbst da hat er nicht widersprochen. Ich hätte ihn als Kind gern geheilt. Aber das konnte ich nicht, erst als erwachsener Erzähler ging das. Ich habe dem Herrn Taschenbier ein Wesen an die Seite gestellt, das all das verkörpert, was Taschenbier nicht in sich zulässt. Es bringt ihn dazu, irgendwann ein freierer Mensch zu sein. Das Sams als Alter Ego habe ich aber nur während der ersten drei Bände durchhalten können. Es wurde eine eigenständige Persönlichkeit, der ich mich irgendwann selbst nicht mehr entziehen konnte.
Sie haben einmal beschrieben, wie das Sams zu seinen blauen Punkten kam. Sie hatten nach einem Telefonat vergessen, Ihren Pinsel auszuwaschen, und als Sie zu den Sommersprossen ansetzten, färbten die sich blau.
Ja, ich hatte zuvor den blauen Taucheranzug gemalt. Zu Wunschpunkten wurden die Sommersprossen aber erst, nachdem ich eine Nacht darüber geschlafen hatte. Man muss als Autor spüren: Hier kommt eine Idee von außen, die ich einbauen kann.
Schreiben Autoren, die auch illustrieren, anders? Sie müssen ihre Ideen ja stärker an der Wirklichkeit, am Machbaren messen.
Ja, das kann sein, darüber müsste ich nachdenken.
Seit dem dritten Sams-Buch sagen Sie, dies sei endgültig der letzte Band gewesen. Wie kam es zu dem jüngsten?
Das war ungewöhnlich. Christine Urspruch, die in den ersten beiden Filmen das Sams gespielt hatte, sagte: „Nie mehr Sams!“ Es sei entsetzlich mühsam, mit diesem dicken Thermopane-Taucheranzug herumzulaufen. Außerdem musste sie morgens schon um sechs Uhr in die Maske, während die Kollegen erst um halb neun am Set erschienen. Wir, der Produzent und Koautor Uli Limmer und ich, mussten uns mit ihrer Entscheidung abfinden. Wir haben dann „Lippels Traum“ gemacht und „Herr Bello“. Bei einer Lippel-Aufführung während der Berliner Filmfestspiele kam Christine Urspruch dann aber wieder auf uns zu und sagte: „Übrigens, wenn ihr Lust hättet, mal wieder einen Sams-Film zu machen - ich wäre sofort dabei.“ Ihre Tochter, inzwischen sieben Jahre alt, hatte das Sams für sich entdeckt und war wahnsinnig stolz, dass ihre Mutter es gespielt hatte. Ulrich Limmer und ich haben uns darauf gleich zusammengesetzt und überlegt, wie ein neuer Sams-Film aussehen könnte. Da kam uns die Idee, dass sich Herr Taschenbier in ein Sams verwandeln könnte. Die Jekyll-und-Hyde-Situation gefiel uns, es begann in uns zu arbeiten, wir zogen uns nach Italien zurück, und nach acht Tagen hatten wir ein fünfzehnseitiges Exposé mit teils schon dialogisierten Szenen. Daraus hat Ulrich Limmer dann das Drehbuch geschrieben, und ich habe daraus ein Kinderbuch gemacht.
Daher auch die erheblichen Unterschiede zwischen Buch und Film.
Ja, ich war erst bei der dritten Drehbuchfassung wieder mit dabei.
Ein großer Vertrauensvorschuss gegenüber Ulrich Limmer - Ihre Figuren so aus der Hand zu geben.
Wir haben den gleichen Humor und wissen, dass wir uns aufeinander verlassen können. Manchmal wird man ja als Autor gerügt: „Ist das nicht sehr kommerziell gedacht, dass Sie jetzt auch noch ein Hörspiel und einen Film aus dem Buch machen?“ Aber so sehe ich das überhaupt nicht. Ich muss als Autor des 21. Jahrhunderts doch die medialen Möglichkeiten meiner Zeit nutzen. Ich habe auch ein interaktives Computerspiel mit dem Sams entwickelt. Es hat mir einfach Spaß gemacht. Ich fand, es ist besser, die Kinder spielen etwas Witziges als blutrünstiges Zeug.
Was Sie erzählen, erinnert an einen flämischen Malerfürsten, der die groben Striche zieht, und die Schüler malen das Ganze dann aus.
Wobei ich Wert darauf lege, dass ich meine Theaterstücke und Kinderopern alle selbst geschrieben habe. Film ist eine Ausnahmesituation, Film ist sowieso immer eine Crew-Arbeit. Ich muss meine Kreativität da nicht so heraushängen lassen.
Hätten Sie das vor zehn oder zwanzig Jahren auch schon so gesehen?
Früher sicher nicht, ich habe ja zwanzig Filmangebote für das Sams abgewiesen. Dann kam Ulrich Limmer, der mit „Schtonk!“ für den Oscar nominiert worden war. Er sagte: Wir nehmen den besten Maskenbildner, den es überhaupt gibt, Waldemar Pokromski, der hat gerade einen Oscar bekommen. Die Musik macht Nicola Piovani, der hat für „Das Leben ist schön“ einen Oscar bekommen. Und ich dachte: Na ja, zwei Oscar-Preisträger sind schon eine gute Voraussetzung. (lacht) Als ich dann noch ein Mitspracherecht bei der Wahl der Schauspieler und des Regisseurs eingeräumt bekam, war ich einverstanden. Das Drehbuch haben Limmer und ich dann aber zusammen geschrieben; er kannte meine Bücher fast besser als ich.
Wie geht es weiter mit dem Sams?
Überhaupt nicht. Diesmal bin ich ganz sicher. Es sind jetzt sieben Bände, das ist eine gute Zahl, wie bei „Harry Potter“. Rowling wusste genau, wann sie Schluss macht. Sieben Wochentage, sieben Zwerge ...
Hätte das Sams es nicht verdient, die Liebe kennenzulernen?
Das schreiben mir auch oft die Kinder: Gibt es denn nicht eine Samsine? Dann frage ich zurück: Woher wisst ihr, dass das Sams ein Männchen ist?
Aber im neuen Buch gibt es doch Eier, aus denen ein kleines Sams schlüpft. Geht das ganz ungeschlechtlich vor sich?
Auch das bin ich schon von einem Kind gefragt worden und habe geantwortet: Ein Sams legt im Laufe seines Lebens ein Ei, es ist ungefähr hühnereigroß. Es wird in die Sonne gelegt und wächst und wächst. Wenn jetzt drei verschiedene Samse darauf spucken, ist es befruchtet. Und irgendwann platzt es auf, und ein neues Sams springt heraus.
Paul Maar wird am 13. Dezember 1937 in Schweinfurt geboren. Seine Mutter stirbt, als er drei Monate alt ist.
Maar studiert Malerei an der Kunstakademie Stuttgart und arbeitet sechs Jahre lang als Kunsterzieher. Seine Frau ist die Schwester des Hollywood-Kameramanns Michael Ballhaus.
Nach seinem Debüt mit „Der tätowierte Hund“ erscheint 1973 der erste Sams-Band, „Eine Woche voller Samstage“, dem bis in das Jahr 2011 sechs weitere folgen.
Für seine mehr als fünfzig Bücher, seine Theaterstücke und Filme erhält Paul Maar zahlreiche Preise. Vierzehn Schulen sind nach ihm benannt. Die Sams-Bücher haben sich bis heute mehr als 4,5 Millionen Mal verkauft und wurden in zwanzig Sprachen übersetzt; drei Millionen Zuschauer sahen die ersten beiden Sams-Kinofilme.
Gerade ist der dritte Film, „Sams im Glück“, angelaufen. Seine Fortsetzung des ebenfalls verfilmten Buchs „Lippels Traum“ hat Paul Maar soeben abgeschlossen.
Schönes Interview !
Dennis Gartner (peritrast)
- 09.04.2012, 13:41 Uhr