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Paul Maar im Gespräch Woher kommen die Sams-Eier, Herr Maar?

In einer Orangerie nahe Bamberg schreibt Paul Maar seine Kinderbücher. Wir haben ihn dort getroffen und gefragt, wie es nach dem neuen Film mit dem Sams weitergeht.

© Burkhard Neie / xix Vergrößern Ein Geschichtenerzähler wäre immer aus ihm geworden: Paul Maar

Mitten im Unterfränkischen, dort, wo die Telefonnummern noch dreistellig sind, schreibt Paul Maar seine Kinderbücher in einer früheren Orangerie am Rand eines Schlossgutes. Wir treffen ihn in einem lichten Raum beim Tee, dem er einen Schuss Cognac beifügt. Oft fällt er in seinen Antworten überraschend in die Gegenwartsform, bei Pointen strahlen seine blauen Augen noch immer wie die eines Jungen.

Wir befinden uns gerade vierzig Kilometer von Ihrem Geburtsort Schweinfurt entfernt, Ihr Wohnort Bamberg ist nah. Brauchen Sie diese räumliche Nähe zu Ihrer Kindheit, um Kinderbücher zu schreiben?

Eigentlich nicht. Es ist ja nicht so, dass ich immer gern an meine Kindheit zurückdenke. Sie war nicht immer so heiter. Mit Bamberg ist es etwas anderes, von dort stammte meine früh verstorbene Mutter. In den Ferien durfte ich als Kind oft zu einer Tante. Da schien immer die Sonne, ich musste keine Hausaufgaben machen, die Tante spendiert ein Eis, es ist entspannt und warm und schön. Dieses Grundgefühl ist geblieben bei mir. Als meine Kinder die Schule verlassen hatten, bin ich Ende der achtziger Jahre aus Baden-Württemberg zurückgekehrt.

Was inspiriert Sie an diesem Ort hier?

Die absolute Ruhe. An der Stelle des jetzigen Gebäudes soll es früher mal eine alte keltische Kultstätte gegeben haben, einen Brunnen. Vielleicht fällt einem deshalb hier so viel ein. (lacht) Man hat auch keinen Netzempfang und es gibt kein Fernsehen. Nichts lenkt einen ab.

Wie sah Ihre nicht so sonnige Kindheit in Schweinfurt aus?

In meinen ersten Jahren war Kriegszeit. Schweinfurt wurde wegen der vielen Industrie stark bombardiert. Meine frühe Kindheit hat sich für mich so dargestellt: Ich liege angezogen im Bett, damit ich mich bei einem Fliegeralarm nicht erst noch ankleiden muss. Meine Stiefmutter kommt hereingerannt, reißt mich hoch und rennt mit mir hinunter in den Keller. Meine Oma väterlicherseits hinkt mit ihrem steifen Bein mühsam hinterher. Kaum sitzen wir unten und haben die eiserne Luftschutztür geschlossen, fängt das Haus an zu vibrieren, der Putz fällt von den Wänden. Das Licht flackert einmal kurz und verlöscht dann. Meine neue Mutter zündet mit zitternden Fingern eine Kerze an. Ich spüre ihre Angst und werde umso ängstlicher. Als unser Haus in den letzten Kriegsjahren von einer Bombe getroffen wurde, sind wir zu ihren Eltern gezogen, in ein fränkisches Dorf, gleich am Main. Mein Großvater, er hatte ein Gasthaus und war Büttner, war ein warmherziger Mann, der, wie ich es einmal genannt habe, das Rädchen an meinem inneren Kühlschrank von minus fünf Grad auf Auftauen gestellt hat. Er hat mich angenommen, wie ich war, mit all meinen kleinen Ticks. Ich war schon etwas traumatisiert damals, er hat mich wieder aufgebaut.

Ihre Lebensgeschichte ist typisch für die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Ihre Mutter stirbt nach Ihrer Geburt, der Vater ist im Krieg, später in Kriegsgefangenschaft. Er erzieht Sie nach seiner Rückkehr hart und sieht es nicht gern, wenn Sie lesen.

Er war Handwerker, Stuckateur, arbeitete von morgens um sechs bis abends um zehn und konnte es nicht akzeptieren, einen Jungen mit Brille und gebeugtem Rücken zu haben, der im Sessel sitzt und liest. Er fragte dann: „Hast du eigentlich nichts zu tun? Nimm mal den Besen und kehr den Hof.“

Was wäre, ohne diese Prägung, fünfzig Jahre später aus Ihnen geworden?

Ich wäre auch heute Geschichtenerzähler geworden, das liegt einfach in mir drin.

Was dachten Sie, als Sie zum ersten Mal „Harry Potter“ lasen? Den Ort unter der Treppe hatten Sie ja in den achtziger Jahren in „Lippels Traum“ vorweggenommen. Hier der unterdrückte Träumer und Leser, dort der unterdrückte Zauberer.

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