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Neue Gesamtausgabe von Celan : Von der Stehkneipe zur Schneekneipe

Der deutschsprachige Künstler aus Rumänien, Paul Celan (1920-1970), wurde durch seine Gedichtsammlung „Mohn und Gedächtnis“ bekannt. Bild: Picture-Alliance

Die neue Gesamtausgabe der Gedichte Paul Celans verbindet den Epochenzusammenhang mit der Werkwelt – eine Lehrstunde über fremdartige Kunst, Kitsch und das Unsagbare.

          Bevor die Menschen vernünftig wurden, war das Gedicht noch Gebet oder Zauberspruch: Das ist einer von den frommen Sätzen, mit denen die Neuzeit so tut, als könnte sie das, was ihre Vorzeit glauben musste, jetzt sorglos aufgeklärt als Kunst genießen. Wohin aber, wenn nicht in eine okkulte Liturgie, gehören Wendungen wie „durchs Schüttelsieb schick ich den Traum“ oder „der Tod ist eine Blume, die blüht ein einzig Mal“? Im Ritenraum der Logenbruderschaft mag man so etwas sagen, in der Kirche auch, im Tempel. Der Widerwille gegen jeden von funktionalen Mitteilungskonventionen allzu weit abgerückten ästhetischen Modernismus (nicht nur der politisch motivierte wie beim bekannten Nazi-Affekt gegen „entartete Kunst“) macht es sich da bekanntlich einfach: Solche Sätze, findet er, gehören ins Irrenhaus. Gehören sie aber, wenn man so ungnädig und phantasielos wie dieser Widerwille denn doch nicht sein will, stattdessen in den Literaturkanon?

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Der ausgezeichnete Kommentar einer neuen Gesamtausgabe der Gedichte Paul Celans macht über einige Texte mit Titeln wie „Redewände“, „Verwaist“ oder „Kleide die Worthöhlen aus“ traurige Angaben: „Entstehung: Paris, Psychiatrische Universitätsklinik, 2.5.1967.“ An manchen Tagen waren es gleich mehrere Gedichte, die an diesem Ort entstanden.

          Gemüts- und Geisteskrankheiten sind in der Neuzeit nicht untypisch für Lyrikschaffende: Ezra Pound, Antipode Celans in vielerlei Dimensionen, sperrte man ins Sanatorium für beschädigte Seelen, weil man den Amerikaner sonst als Hetzer gegen den Westen und die Juden hätte wegen Hoch- und Landesverrat hinrichten müssen. Friedrich Hölderlin wütete im Wahn gegen die „Kamalattasprache“ der modernen Freiheit zum Klartext. Das Genie der Unica Zürn floh vor der Künstlerinnenrolle in die Klinik und vor der Klinik in die Künstlerinnenrolle, bis sie ihr Leben selbst beendete. Es gibt offenbar gar nicht so selten obsessiv sprachnahe Naturen, die nicht mitreden wollen oder können, wenn die Gegenwart sich selbstgefällig Vernunft bescheinigt.

          „Was ich dir sage, kann man nicht sagen“

          Wer diese Menschen mit Foucault, Deleuze und Guattari aus der medizinischen Verwaltung befreien will, treibt, weil sie auch außerhalb der strengen Institutionen leiden, Wunschdenken auf einem Niveau, das tief unter ihrer Not liegt: Verständnis und Wohlwollen nützen ihnen gar nichts, denn ihre Arbeit und ihre Existenz handeln von etwas tatsächlich schwer Verständlichem, das subjektives Wohl und Wehe gleichermaßen übersteigt. Aufs Versprechen der Befreiung (etwa aus einer Anstalt) und die Frage, wo sie wohl lieber wären, müssten sie antworten wie Celan, wenn der im Gedicht „Ich höre, die Axt hat geblüht“ über einen Ort, der ihn lockt oder ängstigt (ganz klar ist das nicht), nur sagt, er höre, jener Ort sei „unnennbar“.

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