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Paul Auster zum Siebzigsten : Wenn die Welt zerbricht

Paul Auster, einer der größten zeitgenössischen Schriftsteller Amerikas, wird an diesem Freitag siebzig Jahre alt. Bild: dpa

Ich ist drei andere: Pünktlich zum Geburtstag von Paul Auster erscheint sein neuer Roman „4 3 2 1“. In diesem umfangreichsten Buch, das er geschrieben hat, erreicht Auster den Gipfel seiner Erzählkunst.

          Zunächst zum Titel. „4 3 2 1“ - was soll das sein? Eine Telefonnummer, eine Postleitzahl, ein Countdown, der Teil eines Abzählreims? Aber Telefonnummern sind länger, Postleitzahlen in den Vereinigten Staaten sehen anders aus, zum klassischen Countdown fehlt die Null, also ist es wohl doch der Abzählreim. Und ja, so ist der Titel zu verstehen: nach dem Muster einer Reihe von Personen, die durch allerlei Unglücksfälle immer weniger werden, bis am Ende nur noch eine übrig bleibt. Genau so verhält es sich in Paul Austers neuem Roman. Nur dass dieses Buch eine Ausgangskonstellation aufweist, mit der man nicht rechnet: Es handelt sich bei den vier darin erzählten Lebensläufen um die gleiche Person: Archie Ferguson, geboren am 3. März 1947, genau einen Monat nach seinem Autor. Der also an diesem 3. Februar seinen siebzigsten Geburtstag feiert.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Solche Bezugnahmen auf sich selbst haben in Paul Austers Romanen Tradition. Diese ist sogar eher dezent. Gleich im ersten Roman, seiner „New York Trilogie“, im Original 1987, auf Deutsch 1989 erschienen, heißt ein Protagonist Paul Auster. Andere aus späteren Büchern haben zumindest denselben Vornamen oder tragen Nachnamen, die sich als Anagramme von „Auster“ erweisen. Archie Ferguson ist auf den ersten Blick nicht so leicht mit seinem Autor in eins zu setzen. Auf den zweiten aber umso besser.

          Spuren des wahren Auster

          In einem über zwei Jahre, von 2011 bis 2013, fortgeführten Gespräch über sein Werk mit der dänischen Literaturwissenschaftlerin Inge Birgitte Siegumfeldt, das jetzt pünktlich wie „4 3 2 1“ zum morgigen Ehrentag erschienen ist - in den Vereinigten Staaten und Deutschland gleichzeitig -, wehrt Auster alle Vermischungen von Realität und Fiktion bezüglich seine Schaffens ab: „Meine Romane sind fiktiv, meine autobiographischen Texte sind nicht fiktiv.“ Das ist eine Tautologie, aber dass ein so versierter Schriftsteller wie Auster sie äußert, zeigt, wie sehr ihn die seit Beginn seiner Karriere anhaltende Suche nach Spuren des wahren Paul Auster in dessen Romanfiguren ärgert. Weil sie ablenkt von Handlung und Form.

          Paul Auster „4 3 2 1“. Roman. Aus dem Englischen von Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Singelmann und Nikolaus Stingl. Rowohlt Verlag. Reinbek 2017. 1259 S., geb., 29,95 Euro.

          Nur sind beide extrem abhängig vom Ausmaß autobiographischer Bezüge. Bei der Handlung ist das evident, und bei der Form ist Auster umso avancierter, je mehr an eigenen Erfahrungen im Erzählten steckt. Dass er prägende Jahre im Paris der mittleren sechziger und frühen siebziger Jahre verbrachte, als sich der Poststrukturalismus entwickelte, merkt man seinem höchst kalkulierten Schreiben an. Dass man es oft als postmodern bezeichnet, ärgert Auster übrigens auch.

          Die Parallelen zum eigenen Leben liegen offen

          „4 3 2 1“ ist kein postmoderner Roman, denn erzählt wird hier auf konventionelle Weise, streng chronologisch, sachlich, aus klar identifizierbarer Perspektive, ohne jede phantastische oder rhetorische Brechung. Und doch ist das Buch vielfach gebrochen trotz dieses schnörkellosen Erzählstils, denn der wird auf jene vier Leben des Archie Ferguson angewandt, die nicht nur im Buchtitel zum Ausdruck kommen, sondern auch in der Durchnumerierung der Kapitel. Sieben Teile hat der Roman, und in jedem gibt es vier Unterabschnitte, von 1.1, 1.2, 1.3 und 1.4 bis 7.1, 7.2, 7.3 und 7.4. Wenn ein Archie Ferguson gestorben ist, bleibt in den weiteren Teilen des Buchs nicht mehr von ihm übrig als eine leere Seite mit der Kapitelnummer. Zugleich jedoch bleiben diese Archies über den Einschnitt einer solch annähernden Vakatseite präsent: Hier wäre jeweils Platz für weitere Entwicklungen gewesen, die die vier Fergusons biographisch und intellektuell noch weiter voneinander entfernt hätten, obwohl ihre Leben verwandte Konstellationen und Interessen aufweisen. Diese Verwandtschaften teilen sie wiederum mit ihrem Autor.

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