09.01.2010 · Vehement weist die Autorin Sibylle Lewitscharoff zurück, dass ihre Papier-Objekte Kunst seien. Jetzt sind sie in einer Marbacher Ausstellung zu sehen. Die Arbeiten eröffnen einen faszinierenden Blick auf klassische Dichtungen - und den Anspruch der Autorin.
Von Hubert SpiegelVon Kunst will sie nicht sprechen, keinesfalls, da werde sie ganz erbittert. „Mit Kunst hat das nicht das Geringste zu tun“, sagt Sibylle Lewitscharoff und lässt ihren Blick zufrieden über fünf seltsame Objekte schweifen, die sie auf der großen Tischplatte in ihrer Berliner Wohnung aufgebaut hat, während ein kritisches Auge dem sechsten Werk gilt, das noch im Regal seiner Vollendung harrt. „Das ist keine Kunst. Das ist ornamentales Fleißwirken.“
Viele Wochen lang hat die Schriftstellerin an ihren Papierobjekten gearbeitet, oft ganze Nächte hindurch bis in die frühen Morgenstunden, mit Federmesser und Klebstoff, mit Phantasie und psychologisch-analytischem Einfühlungsvermögen, konzentriert und ausdauernd, aber ohne jede Anstrengung: „Ich bin so vergnügt mit mir, wenn ich das mache. Das ist ein harmloses Vergnügen – das kann ich vom Schreiben nicht sagen.“
Jesulein im Schubkarren
Aber ganz so harmlos und kunstfern ist die Sache natürlich nicht, denn der handwerkliche Anspruch ist hoch, das ästhetische Empfinden fein und der literarische Anspielungsreichtum enorm. Sibylle Lewitscharoffs Objekte sind Kindheitsszenarien deutscher Dichter. Es sind Kulissen, Illustrationen, Prospekte und Miniaturbühnen für fünf literarische Kindheitskonstruktionen, von Schiller und Goethe über die Geschwister Brentano und Karl Philipp Moritz bis zu Gottfried Keller.
Unsere Kindheit gehöre zu uns wie die Fasern unserer Haut und unseres Herzens, glaubt Sibylle Lewitscharoff, aber zugleich blickten wir auf sie zurück wie auf eine Chimäre. Ihre Arbeiten sind der Versuch, diese Chimäre ins szenische Objekt zu bannen: kleine Papiermodelle fürs große Dichterkindertheater.
Man müsste ein Däumling sein, um in diesen Dichterpuppenstuben umhergehen zu können. Dann könnte man zum Goethe-Denkmal aufblicken, sich mit Gottfried Kellers Meretlein aus dem „Grünen Heinrich“ im Wald fürchten, mit Clemens und Bettine Brentano auf dem Kindheitsdachboden hocken oder mit Karl Philipp Moritz das Jesulein im Schubkarren durch die Welt kutschieren. Oder man hockte sich still ins Schillergehäus, eine klassische Guckkastenbühne, so leergefegt wie die Kindheit des Dichters, dessen Werke Welten umspannten, aber den Kontinent der Kindheit nie ins Auge fassten.
Sie sei „überäugig“, sagt Lewitscharoff
Schiller, so hat es seine Schwester berichtet, gab als Knirps liebend gern den Prediger, Goethe inszenierte sich lieber als Götterliebling, wie er es im „Knabenmärchen“ im zweiten Buch von „Dichtung und Wahrheit“ beschreibt. Für Goethes Vermögen, all seine Lebensphasen miteinander in Einklang zu bringen, findet Sibylle Lewitscharoff ein äußerst vielschichtiges Bild: Das Goethekind steht vor dem Denkmal des alten Dichterfürsten, und auf dem Drahtseil, das sich vom Knabenhändchen zur Titanenpranke spannt, schwebt ein Nymphlein empor, ein erotischer Kindheitstraum, den noch der greise Dichter des „Faust“ nicht ausgeträumt hat.
Der Beziehungsreichtum der Objekte ist groß, und viele Details sind ohne genaueste Textkenntnis nicht zu entschlüsseln. Anderes ist so filigran gearbeitet, dass der Betrachter eine Lupe brauchte. Sie sei „überäugig“, sagt Sibylle Lewitscharoff und meint damit wohl den gnadenlosen Blick der Genauigkeitsfanatikerin, die der Präzision der Vorlagen, Papierreproduktionen von Stahlstichen des neunzehnten Jahrhunderts, in der Exaktheit ihrer Schnitte und Klebearbeiten nicht nachstehen will. Ein Fall von kompensatorischer Perfektion und ausgleichender Genauigkeit? Zu Papier und Schere greife ja ohnehin nur, wem das Zeichentalent versagt geblieben sei. Und als Zeichner, gesteht sie freimütig, sei sie ein „Verreckerle“. So drastisch-liebevoll muss sich bezeichnen lassen, wer schwäbischem Anspruch nicht genügt.
Sibylle Lewitscharoffs Papiertheaterobjekte, die noch bis zum 24. Januar im Literaturmuseum der Moderne in Marbach ausgestellt werden, sind Hybridwesen: geboren aus genauester Lektüre, penibelster Machart und freiestem Spieltrieb. Zu den literarischen Tiefenbohrungen, die die Schriftstellerin an den Texten ihrer Kollegen vorgenommen hat, gesellt sich die Lust an der Variation der Kunst der Collage. Und so wandert das Gespräch vom amerikanischen Objektkünstler Joseph Cornell, der Stummfilmmaterial von Méliès mit Scherenschnitten von Hans Christian Andersen kombiniert hat, und der Silhouettenpuppenspielerin Lotte Reiniger zu dem Schriftstellerkollegen Ror Wolf, der für seine Collagen ebenfalls alte Stahlstichreproduktionen verwendet. Mit guten Gründen: „In dieser Präzision der Darstellung kriegt das heute doch kein Mensch mehr hin. Mit dem Aufkommen der Fotografie sind solche Fähigkeiten zuerst erlahmt und dann verschwunden.“
Eifer, Fleiß und kindliche Leichtigkeit
Dem alten Material, den Porträts, Veduten, Modezeichnungen und Landschaftsbildern, bescheinigt sie eine Präzison, die nicht pedantisch wirkt, sondern ein „auratisches Vermögen“ besitze: „Das Zauberwort dabei heißt Geduld. Ein Mensch, der so etwas hervorgebracht hat, verfügte über jahre- oder jahrzehntelange Erfahrung. Und erst diese Dauer führte zur Intensität.“ Wie bei den Arbeiten Ror Wolfs müsse zur Präzision des Materials unbedingt die Sorgfalt der Ausführung hinzukommen: „Bei solchen Collagen ist die Perfektion wichtig. Denn nur die bringt die Illusion hervor.“
Bei ihrer literarischen Arbeit steht dieser Anspruch der Lust am Spielerischen mitunter im Wege. Deshalb schreibt Sibylle Lewitscharoff ihre Texte zunächst in kleine Notizbücher, in denen sie die Vorarbeiten zu ihren Romanen festhält, zusammen mit Zeichnungen, eingeklebten Zeitungsausschnitten und Collagen. „Ich neige dazu, alles, was mich umtreibt, erst einmal im kleinen Gehäus haben zu wollen. Der Pedant will alles beherrschbar klein. Das ist seine Natur.“ Über den schmalen Graben, der das Akribische und Perfekte vom Pedantischen trennt, hüpft Sibylle Lewitscharoff mit Eifer, Fleiß und kindlicher Leichtigkeit. Einmal hin, einmal her, rundherum, es ist nicht schwer.