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Otto Ludwig Ein großer Erzähler, der zu Unrecht vergessen ist

Otto Ludwig wurde vor zweihundert Jahren geboren. Aber gefeiert wird das nicht. Dabei ist er der Urvater des psychologischen Romans und Deutschlands erster moderner Prosaautor. Man sollte ihn lesen.

In den Zeitungen gibt es so gut wie nichts über ihn. Zu seinem hundertsten Todestag vor bald fünfzig Jahren fand sich in diesem Feuilleton eine herablassende Notiz, welche die einstige Befassung mit ihm als Irrtum abtat und ihm eine „alchimistische Zwangsneurose“ bescheinigte - keine unzutreffende Diagnose. Otto Ludwig ist der wohl krasseste Fall von Verkennung eigenen Talents, wobei er durchaus nicht glaubte, dass er gar keines besitze, er fühlte sich nur zu Falschem berufen.

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Denn er war zwar (auch) Dramatiker, aber kein bedeutender. Selbst mit seinem wichtigsten Stück, dem unwahrscheinlichen, reißerisch-kolportagehaften „Erbförster“, mit dem er 1850 in Dresden kurz Furore machte, kam er aus dem Stand des „deutschen Möchtegern-Shakespeare“ (Gerhard Stadelmaier) nicht heraus. Dass man ihn mitnennen muss, wenn vom Dramatikerjahr die Rede ist, liegt ganz einfach daran, dass er, wie Wagner, Verdi, Büchner und Hebbel, 1813 geboren wurde, am 12. Februar, also heute vor zweihundert Jahren. Gedichte hat er auch geschrieben, aber die waren schon den zeitgenössischen Lesern zu langweilig.

Ständig verlief er sich

Trotzdem ist es nicht in Ordnung, dass die Gedenktagsmaschine, die sonst schon bei halbrunden Jubiläen hochtourig rattert, bei ihm aussetzt. Denn Otto Ludwig war das wahrscheinlich bedauerlichste Paradoxon, das die deutschsprachige Literatur kennt: eine Mensch gewordene Zwangsneurose gewissermaßen, aber auch ein trotz seines provinziellen Habitus aufgeschlossener, für damalige Verhältnisse geradezu gesamteuropäisch gesinnter Theoretiker, von dem man viel über Literatur lernen kann, der jedoch - und hier beginnt der fast tragische Aspekt seines Lebens - mit seinen eigenen Sachen nicht zu Rande kam, obwohl er, wie sein Meisterwerk „Zwischen Himmel und Erde“ bewies, ein außergewöhnlicher Erzähler war.

Ständig irgendwelche Pläne und Projekte im Kopf - allein vom Agnes-Bernauer-Stoff hinterließ er achtzig verschiedene Manuskripte -, manövrierte er sich mit seinen Dramen- und Romanstudien in eine Situation hinein, in der seine Produktivität vollends erlahmte, während das Zeitalter des poetischen Realismus, eine Wortprägung, die von Schelling stammte, die er erst hoffähig gemacht hat, in voller Blüte stand. Otto Ludwig aber wurde, anders als die Kellers und Storms, Stifters und Fontanes, bald vergessen, um es dann nicht mehr erleben zu müssen, wie er von einer NS-nahen Literaturwissenschaft, die ihm in unguter Zeit, zwischen 1938 und 1942, sogar ein eigenes Jahrbuch widmete, völkisch vereinnahmt und später von einer sozialkritisch eingestellten Zunft als provinziell und spießbürgerlich abgeurteilt wurde.

Letzteres war er in gewisser Weise tatsächlich. Weiter als bis Dresden hat er sich von seiner thüringisch-fränkischen Scholle, auf der seine Prosa, die unverdrossen das Loblied auf Handwerkertum und bürgerliche Ehrbarkeit anstimmte, gedieh, nie entfernt. Als er in Leipzig vorübergehend bei Mendelssohn Musik studierte, war er nicht in der Lage, eine Leihbibliothek aufzusuchen, weil er sich ständig verlief. „Heimat! Was liegt in diesen zwei kleinen Silben! - Im Gedanken an Heimat umarmen sich all unsre guten Engel!“ Selbst wenn man bei diesem Stoßseufzer aus „Zwischen Himmel und Erde“ eine leise Ironie unterstellt, würde man als an moderner Literatur interessierter Leser sofort misstrauisch. Und doch kann man sagen, dass mit Otto Ludwig die moderne Prosa beginnt. Solche Seelenkunde hatte bis dahin niemand getrieben wie er in „Zwischen Himmel und Erde“, und es ist ein bezeichnender Zufall, dass die Erzählung in Freuds Geburtsjahr 1856 erschien, wie auch Flauberts „Madame Bovary“. Mit ihr wurde Otto Ludwig zum Begründer zumindest des deutschsprachigen psychologischen beziehungsweise schon psychoanalytischen Romans.

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