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Oskar Pastior und die Securitate Schluchten des Argwohns

 ·  Die Wogen schlugen hoch, als herauskam, dass Oskar Pastior einst Zuträger der Securitate war. Ein Forschungsvorhaben soll nun aufklären, was der verstorbene Büchner-Preisträger getan hat - und was nicht.

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© dpa Oskar Pastior

Wer war Oskar Pastior? Ein großer Dichter? Ein schwacher Mensch, der denunzierte und darüber schwieg bis in den Tod? Sechs Berichte des Informanten „Stein Otto“ sind nun gefunden worden in den hinterlassenen Aktenbergen des rumänischen Geheimdienstes Securitate. Nicht gerade viel für die hohe Erregung, die im Spätsommer 2010 die Nachricht auslöste, der 2006 verstorbene Dichter Oskar Pastior sei unter diesem Decknamen ein Securitate-Zuträger gewesen. Er soll, schlussfolgerten einige allzu rasch, enge Freunde und Kollegen verraten und in ernste Gefahr gebracht haben, was sich jedoch, nachdem Tausende Aktenseiten gesichtet und überprüft worden sind, nicht bestätigt hat. Trotzdem schlugen damals die Wogen hoch, es taten sich, wie Pastior im Gedicht “Die Karte“ notiert hatte, „Schluchten des Argwohns“ auf.

Denn der Dichter war Büchner-Preisträger und hoch verehrt, zudem ein enger Freund von Herta Müller, an deren Roman „Atemschaukel“, für den sie den Nobelpreis erhielt, er bekanntlich mitgearbeitet hat. Auch wenn Pastiors Gedichtbände nie auf Bestsellerlisten gerieten, blieb sein Erfolg nicht unbeneidet; und so schienen plötzlich viele Rechnungen offen, begann das in den Labors des Lügenimperiums Securitate entwickelte Gift des Misstrauens und der Verunsicherung zuverlässig wieder zu wirken. Das ging sehr weit, sogar seine Dichtung wollten einige grundsätzlich in Frage stellen.

„Versuchte Rekonstruktionen“

Die Oskar-Pastior-Stiftung gab schließlich ein Forschungsprojekt in Auftrag, um tatsächliche Verstrickung von bloßem Verdacht zu scheiden und Klarheit darüber zu gewinnen, was damals, in den sechziger Jahren des poststalinistischen Rumänien, wirklich geschah. Erste Ergebnisse wurden jetzt im Berliner Literaturhaus vorgestellt; im November wird außerdem ein ausführlicher Sonderband der Literaturzeitschrift „Text + Kritik“ dazu erscheinen. „Versuchte Rekonstruktion“, der Titel auch des Symposions, bezieht sich auf eine handschriftliche Notiz aus Pastiors Nachlass, die seit 2007 immer mal wieder auch öffentlich erwähnt wurde.

1992, die Akten waren noch nicht zugänglich, notierte Oskar Pastior genau, wonach eines Tages in seinen Securitate-Akten, „diesem ekelkomplex“, zu suchen sei: etwa das erste Securitate-Verhör, zu dem man ihn unter dem Vorwand, eine Künstler-Agentur wolle ihm etwas vorschlagen, regelrecht verschleppte - was der Aktenbericht seines Führungsoffiziers inzwischen bestätigt; ob er eine Verpflichtungserklärung unterschrieben habe, wie oft und unter welchen Umständen er danach „geholt“ wurde und „wer oder was dabei zur Sprache kam“.

Wertloser Bericht

Das alles liegt nun vor und kann bald vollständig nachgelesen werden. Unter den von der Securitate als wertlos eingestuften Berichten findet sich nach Einschätzung der beiden Germanisten Ernest Wichner und Stefan Sienerth, die Pastiors Securitate-Akten und die anderer rumäniendeutscher Intellektueller sichteten, einer mit denunziatorischem Inhalt. Darin berichtet „Stein Otto“ über die Germanistin Ruth Kisch, sie habe sich geweigert, zwischen sowjetischen und amerikanischen Atomversuchen zu unterscheiden.

Die in dieser Zeitung von Dieter Schlesak, Schriftsteller und Literaturkritiker, aufgestellte Behauptung, Pastior habe den Selbstmord seines engen Freundes und Dichterkollegen Georg Hoprich mitzuverantworten, weil er ihn verriet - was Schlesak mit Geschichten vom Hörensagen zu beweisen glaubte -, ist durch Securitate-Akten nicht belegt. Ernest Wichner nennt Schlesaks Unterstellung darum eine Denunziation. Das innige Freundschaftsverhältnis Schlesaks zu Pastior wiederum bezweifeln viele - und die Akten bestätigen das - genauso wie die von Schlesak beschworene Gefahr, man habe ihn als Kopf einer Widerstandsgruppe gesehen. In den Akten jedenfalls, so Ernest Wichner, finde sich dafür kein Beleg. Die zwei an sich wertlosen Berichte von „Stein Otto“ über Schlesak der Jahre 1965 und 1966 werden demnächst publiziert.

Der schuldlos schuldige Pastior

Pastiors IM-Akte, die sich im Bukarester „Archiv des Nationalrates zum Studium der Securitate-Akten“ (CNSAS) befindet, sei ungewöhnlich, sagt Wichner. Sie versammele auf 214 Seiten nur Material, das gegen den Dichter und seine Familie hätte verwendet werden können. Pastior sei umstellt gewesen von Informanten, darunter seit 1957 einige seiner Lehrer, und er habe zu Recht befürchten müssen, wieder verhaftet zu werden. Eine genaue Skizze seiner Wohnung befindet sich in der Akte, die Namen all seiner Besucher und Kopien der abgefangenen Briefe.

Bis zu seinem Tod hielt sich Pastior für „schuldlos schuldig“ an vielem, was er nicht aufklären konnte, das aber als Erpressungsmaterial diente. So wähnte er sich mitschuldig an der Tragödie einer Jugendfreundin, die seine antisowjetischen Lager-Gedichte versteckte und 1959 verurteilt wurde. Dass es andere Gründe waren, die zu ihrer Verhaftung führten, wie die Akten jetzt offenbaren, hat er nicht mehr erfahren.

Mitarbeit durch Erpressung

Die mageren Berichtsfunde sind nur einzuordnen, wenn man sich die Situation vergegenwärtigt, in der sich der ehemalige Lagerhäftling Pastior und sein Freundeskreis in den späten fünfziger Jahren befanden. Stefan Sienerth (München), der an einer literaturhistorischen Studie über diesen privaten Zirkel arbeitet, rekonstruiert ihn nicht nur aus den Akten, sondern auch aus den Werken der Freunde, Zeitschriften und Fachliteratur. Die Geheimakten jedoch, so Sienerth, dokumentierten am eindeutigsten diese literarische Periode.

In Berlin skizzierte er auch die Vorgeschichte: die großartigen Lehrer, zumeist jüdische Intellektuelle, die Pastior, Georg Hoprich, Ingmar Brantsch, Dieter Fuhrmann und andere in Bukarest fanden; die Schauprozesse, die nach dem niedergeschlagenen Ungarn-Aufstand 1956 die Bevölkerung einschüchterten - ein Instrument, das man auch bei den Bukarester Studenten und späteren Schriftstellern anwenden wollte. Einige von ihnen hat man mit dieser Drohung zur Mitarbeit erpressen können, auch Oskar Pastior; andere weigerten sich. Aber auch Sienerth betont, dass es der Securitate trotz immensen Aufwandes nicht gelungen sei, die Freunde aufeinander anzusetzen.

„Mir ist die Sprache zerbrochen“

Als Pastior 1968 von einer Reise in den Westen nicht mehr nach Rumänien zurückkehrte, ließ ihn die Securitate als Informanten streichen. Er sei als solcher lustlos und unzuverlässig gewesen und „seinen Verpflichtungen nur auf formale Weise nachgekommen“, sollte darum auf die „Arbeitsebene“ überführt werden. Man schickte ihm also verschiedene Spitzel hinterher. Der in Deutschland so intensiv diskutierte Fall Pastior habe in Rumänien kaum jemanden interessiert, sagte die Publizistin Corina Bernic aus Sibiu, die in den Securitate-Archiven forscht. Auch sie bestätigt, dass die Kommentare der Führungsoffiziere zu den Spitzelberichten und die Intensität, mit der sie geliefert wurden, ein Urteil über den Wert eines IM erlauben. „Stein Otto“ habe, anders als Dieter Schlesak behauptete, zu den unbrauchbaren Quellen gehört.

Ob sich in Pastiors Gedichten Spuren dieser verzweifelten Jahre vorder- oder untergründig finden lassen, wird die Literaturwissenschaft noch lange beschäftigen. Herta Müller hat sie, die frühen wie die späten, nie anders gelesen, weil sie wusste, woher ihr Dichterfreund kam. Jeder Künstler verstecke und offenbare sich zugleich in seinem Werk, sagte sie jetzt im Literaturhaus. „Mir ist die Sprache zerbrochen im Lager“, habe Oskar Pastior ihr hundertmal gesagt, eine neue musste er sich also erfinden. Er sei ein „Verurteilter im Freigang“ geblieben, der um sein Leben schrieb. Seine Securitate-Verstrickung jedoch, erinnerte Herta Müller, habe Pastior nach seiner Flucht 1968 nicht ohne Grund einer offiziellen Institution, dem Geheimdienst, anvertraut. Dort sei er den „ekelkomplex“ losgeworden und damit nicht mehr erpressbar gewesen. „Ich aber bin froh, dass er es mir nicht gesagt hat“, erklärte sie den überraschten Zuhörern, „ich hätte ihm doch, nach meinen eigenen Erfahrungen, damals nicht geglaubt!“ Am Ende hätte sie ihm die Freundschaft aufgekündigt, unverzeihlich, nachdem nun die Akten offenliegen.

Oskar Pastiors Gedicht „Die Karte“

So wie Städte, Flüsse, Straßen und Betriebe
müßten auch unsre Gewohnheiten
namentlich eingetragen sein
auf einer komplizierten Karte,
Hier entspringt die schnelle, hier die kleine Geduld.
dies sind die Föhren mit dem Kopf in den Wolken,
dies die Schluchten des Argwohns.
An dieser Stelle wird nach Gewissenhaftigkeit gebohrt
und hier, diese dichtbesäten Flächen bedeuten,
daß man versucht, Dinge gemeinsam zu lösen.
Es gibt noch weiße Stellen.
Auch Überschwemmungsböden,
auch Flugsand.
Der große Viadukt des Vertrauens fehlt natürlich nicht,
auch nicht die kleinen Brückchen, die den
Übergang aus der Region des Gehorsams
in die der fröhlichen Disziplinen erleichtern.
Selbst Fußspuren sind eingetragen und in der Legende benannt:
diese gingen über Menschen,
diese gingen hinter den Menschen,
diese über den Menschen
hinaus.

 

Im Amt für Statistik
sind so viele begabte Graphiker damit beschäftigt,
täglich diese Karte umzuzeichnen.
Dabei wird sie präziser,
aber auch geschlossener,
lesbarer im ganzen,
tiefer im Detail.
Sie ähnelt schon dem Bild,
das ich mir ins Zimmer hängen möchte,
und eben deshalb
wart ich immer wieder
die morgige ab.

 



 

Das Gedicht „Die Karte“ ist zitiert nach dem ersten Band der Oskar-Pastior-Werkausgabe, der 2006 in der Edition Akzente des Münchner Carl Hanser Verlages erschienen ist.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1953, Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

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