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Orhan Pamuk zum Sechzigsten : Ein Maler der Wörter

Jeder Satz wie ein Gemälde: Orhan Pamuk 2011 Bild: dpa

Orhan Pamuk wollte nie Mittler zwischen den Kulturen und Religionen sein. Denn gerade dort, wo die Gegensätze einander berühren, fühlt er sich zu Hause: Dem Nobelpreisträger und Museumsgründer zum Sechzigsten.

          Orhan Pamuk ist ohne jeden Zweifel der einzige Schriftsteller in der Geschichte der Literatur, der 4213 künstliche Zigarettenstummel anfertigen ließ, um sie in einem Museum auszustellen, das nach einem Roman benannt ist, den er selbst geschrieben hat. Dieses Projekt ist wahrlich singulär, und nur ein Schriftsteller wie Pamuk konnte darauf verfallen, ein Schriftsteller also, der den Roman für die größte Erfindung der westlichen Welt hält, der seine Kindheit in einer Art Museum verbrachte und der in einer Stadt aufwuchs, in der Melancholie und Kummer über den Verlust vergangener Größe unablässig durch die Straßen wehen.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Haus, in dem er geboren wurde, hat Pamuk als Museum eines Lebensstils im Übergang von der türkisch-osmanischen Kultur zur westlichen Lebensart beschrieben. Der Großvater hatte in der Frühzeit der türkischen Industrialisierung ein Vermögen verdient, dass den Söhnen unaufhörlich durch die Finger rann. So, in ewig-heiterer Untergangsstimmung, erlebte das Kind den allmählichen Zerfall der Großfamilie und beschloss, anders als der Vater kein glückloser Geschäftsmann zu werden, sondern Maler. Stattdessen wurde Pamuk, der Architektur und Journalismus studiert hat, zu einem Schriftsteller, der mit Worten malt: „Das Lesen eines Romans ist eine Visualisierung von Bildern, die ein anderer mit seinen Wörtern ausgelöst hat.“

          Der Prozess der Modernisierung

          Für ihn sei jeder Satz wie ein Gemälde, schrieb Pamuk in seinem im vorigen Jahr erschienenen Buch „Der naive und der sentimentalische Romancier“, das auf die Vorlesungen zurückgeht, die der Nobelpreisträgers des Jahres 2006 an der Harvard University hielt. Zuvor hatte er schon an der New Yorker Columbia gelehrt, als ihm der Aufenthalt im geliebten Istanbul wenig geraten schien. Pamuk war ein Freund Hrant Dinks, und wie der 2007 ermordete Journalist ist er der Ansicht, dass die Türkei sich zu den an den Armeniern verübten Verbrechen bekennen sollte. Immer wieder wurde er von türkischen Nationalisten attackiert, erhielt Morddrohungen und musste sich wegen „Herabsetzung des Türkentums“ nach dem berüchtigten Artikel 301 vor einem Istanbuler Gericht verantworten. Doch selbst zu jener Zeit war der Gedanke an ein dauerhaftes Exil für Pamuk unvorstellbar. Wie eng er tatsächlich mit der Stadt am Bosporus verbunden ist, lässt sein 2006 auf Deutsch erschienenes Buch „Istanbul“ erahnen, in dem er die eigene Familiengeschichte in der großen Geschichte der Metropole aufgehen ließ.

          Pamuk will kein Mittler zwischen den Kulturen und Religionen sein und sucht deshalb auch nicht nach Gemeinsamkeiten zwischen Orient und Okzident. Ihn interessieren vielmehr die Punkte, an denen die Gegensätze einander berühren. Hier lässt er seine Romane ansetzen und entfaltet ein vielschichtiges und anspielungsreiches Geschehen, das immer wieder um den Prozess der Modernisierung kreist: von dem erst im letzten Jahr ins Deutsche übersetzten Debütroman „Cevdet und seine Söhne“ über „Schnee“ aus dem Jahr 2002 bis zu dem 2008 erschienenen „Museum der Unschuld“, mit dem der in annähernd sechzig Sprachen übersetzte Schriftsteller noch einmal ein tiefes Bekenntnis zu seiner Heimatstadt Istanbul abgab.

          Erfindungen des Westens

          Denn nur auf den ersten Blick ist das vor sechs Wochen eröffnete Museum ein rein literarisches Projekt: Der Roman erzählt von einem Mann namens Kemal, der ein Museum baut, um darin den ganzen Krimskrams auszustellen, mit dem seine verstorbene Geliebte jemals in Berührung gekommen war. Nachdem der Roman erschienen ist, wird das darin beschriebene Museum tatsächlich erbaut, und ein Schriftsteller namens Orhan, der sich im Roman Kemals Lebens- und Liebesgeschichte erzählen lässt, um einen Roman darüber zu schreiben, präsentiert nun all jene Dinge, die im Roman erwähnt wurden: von den 4213 Zigaretten, die von der schönen Füsun geraucht wurden, über Salzstreuer aus ihrer Küche bis zu Parfümflakons und dem Kleid, das sie trug, als sie zum ersten Mal am Steuer jenes Autos saß, in dem sie sterben sollte.

          Man kann sich fragen, ob die realen Gegenstände des Museums den Roman beglaubigen sollen oder ob umgekehrt die Fiktionalität der Welt behauptet wird, indem Pamuk Objekte, die es nur in seiner Phantasie gegeben hatte, für das Museum herstellen ließ. In jedem Fall aber hat der Schriftsteller seiner Heimat das erste Museum geschenkt, das Gegenstände der Istanbuler Alltagskultur der siebziger und achtziger Jahre versammelt. Museen, hat Pamuk einmal gesagt, seien Erfindungen des Westens, geboren aus dem Stolz auf die eigene Kultur.

          Quelle: F.A.Z.

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