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Observiert: Gabriel García Márquez Die Spione, die aus der Hitze kamen

Jetzt freigegebene Akten schaffen Gewissheit: Fast zwei Jahrzehnte lang wurde Gabriel García Márquez vom mexikanischen Geheimdienst bespitzelt. Der Verdacht? Revolutionäre Umtriebe. Besondere Nervosität lösten die engen Beziehungen des Schriftstellers zu François Mitterrand aus.

© AP Vergrößern Gefürchtet als stiller Strippenzieher: Gabriel García Márquez

Dass Gabriel García Márquez in verschiedenen Ländern Gegenstand geheimdienstlicher Beobachtung war, stellt keine besondere Überraschung dar. Nicht nur nach, auch schon vor der Zuerkennung des Literaturnobelpreises 1982 war der Kolumbianer der meistgelesene Schriftsteller Lateinamerikas, und es herrschte, abgesehen von seiner lebenslangen Freundschaft zu Fidel Castro, über seine Sympathie zu linken Regierungen und Befreiungsbewegungen seines Kontinents kein Zweifel. Doch jetzt haben wir erstmals jene Klarheit, die nur die Akten zu geben vermögen. Nach Recherchen der mexikanischen Zeitung „El Universal“ wurde García Márquez zwischen 1967 bis 1985 vom heute nicht mehr existierenden mexikanischen Geheimdienst DFS (Dirección Federal de Seguridad) überwacht.

Die Bespitzelung reichte nicht so weit, dass aus dem engsten Freundeskreis des Autors von „Hundert Jahre Einsamkeit“ Informanten angeworben worden wären, was bei der auf Loyalität eingeschworenen Umgebung des Schriftstellers wohl auch ein hoffnungsloses Unterfangen gewesen wäre. Doch das ist das einzig Freundliche, was sich über die Überwachungsprotokolle sagen lässt. Mexiko war in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren ein autoritärer Staat mit festinstallierter Einparteienherrschaft. Die Beobachtung von Intellektuellen gehörte zur üblichen Praxis, um subversive Tendenzen früh zu erkennen. Im Fall García Márquez, der seit langem ein Haus im Süden von Mexiko-Stadt besaß und zahlreiche Kontakte hatte, lief das auf detaillierte Aufzeichnungen seiner Aktivitäten, Fotografieren seiner Besucher und das Anzapfen der Telefonleitung hinaus.

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Staatsbesuch in Mexiko

Der erste geheimdienstliche Bericht, so „El Universal“, betrifft „Gabos“ Teilnahme am Zweiten Lateinamerikanischen Schriftstellerkongress, der im November 1967 in drei mexikanischen Städten stattfand. Der zweite Bericht behandelt einen offenen Brief von Schriftstellern und Künstlern, die sich mit den politischen Gefangenen nach der gewaltsamen Niederschlagung der Studentenunruhen in Mexiko-Stadt im Oktober 1968 solidarisch erklärten. Der letzte vorliegende Eintrag schließlich berichtet von der Ausreise des Nobelpreisträgers nach Kuba im August 1985. Eventuelle spätere Dokumente der Nachfolgeorganisation Cisen, die Mexikos Präsident Vicente Fox mit dem Anspruch auf mehr Transparenz und Bürgernähe 1986 in Leben rief, sind noch nicht freigegeben.

„Ich war fest davon überzeugt, dass diese Dokumente in Mexiko existierten“, sagt der britische Literaturwissenschaftler Gerald Martin, der eine große García-Márquez-Biographie vorgelegt hat (siehe Neues von García Márquez: Das Wunderbare ist rehabilitiert). „Auch in den Staatsarchiven Kolumbiens und der Vereinigten Staaten müsste es Information geben. Ich hoffe, sie prüfen und gegebenenfalls in eine Neuauflage meines Buch aufnehmen zu können.“

Besondere Nervosität lösten beim mexikanischen Geheimdienst die engen Beziehungen des Schriftstellers zu François Mitterrand aus. Sofort nach dessen Wahl zum französischen Staatspräsidenten im Jahr 1981 betätigte sich García Márquez intensiv als Vermittler zwischen Mitterrand und den Führungsfiguren der lateinamerikanischen Linken. Die Berichte lassen ahnen, dass die mexikanische Regierung irritiert darüber war, wie schnell Mitterrand auf einen Staatsbesuch in Mexiko drängte. Sein Ziel war offensichtlich nicht nur, sich mit der Regierungsspitze zu unterhalten, sondern die persönliche Begegnung mit García Márquez.

Ein inoffizielles Konsulat

Eine der Schlüsselfiguren in den Geheimdienstprotokollen ist der französische Philosoph Régis Debray, ein alter Freund „Gabos“. Debray, der schon Che Guevara in Bolivien nachgespürt, Salvador Allende und Pablo Neruda kennengelernt und einiges zur lateinamerikanischen Literatur publiziert hatte, war zu Mitterrands Berater in internationalen Beziehungen zur Dritten Welt aufgestiegen. In jener Zeit verwandelte sich García Márquez' mexikanisches Haus in ein inoffizielles Konsulat. Zwischen dem Schriftsteller und Debray wurde eifrig diskutiert, welche Intellektuellen bei einem Treffen mit Mitterrand im Oktober 1981 dabei sein sollten. Es ging um nichts Geringeres als einen neuen Sozialismus für den südamerikanischen Kontinent. Entsprechend ausführlich registrierte der Geheimdienst das Kommen und Gehen, zeichnete Telefonate auf und fotografierte die Autokennzeichen der Besucher.

Interessant an den Protokollen ist die Akzentuierung. García Márquez ist nicht gefährlich als Protestfigur oder linker Agitator gegen das kapitalistische Establishment, sondern als stiller Vermittler und einflussreicher Strippenzieher, der Regierungen rechts liegenlässt, ein Künstler, der zum Prominenten wird und dadurch überraschenden Zugang zu den Fluren der Macht gewinnt. In dieser Beziehung hat der Biograph Gerald Martin zu Recht auf die überragende autobiographische Bedeutung des Romans „Der Herbst des Patriarchen“ hingewiesen. Denn das Buch handelt nicht nur von einem Diktator, der ewig leben will, sondern auch von einem Schreiber, den das Phänomen der politischen Macht beherrscht wie eine Droge.

Statt also den Spielregeln für „engagierte“ Schriftsteller zu folgen und sich nur mit Politikern zu verbünden, um bestimmte Ziele zu erreichen, hat García Márquez im Lauf der Jahre eine neue Bühne für den Schriftsteller als Weltstar eingezogen. Auf dieses Podium musste er niemanden bitten. Die Mächtigen suchten es selbst, von Fidel Castro über Bill Clinton bis zu Papst Johannes Paul II. Diesen Rollenwechsel hat der stetig berühmter werdende Autor gegen Ende der Siebziger bewusst vollzogen und bis heute nicht umgekehrt. Der mexikanische Geheimdienst darf von sich sagen, er sei dabei gewesen.

Quelle: F.A.Z.

 
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