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Noch’n Gedicht : Wo wäre Günter Grass ohne Griechenland?

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Günter Grass Bild: dpa

Ein paar Schlagwörter zu Griechenland, der Antike und Europa, verschrobene Sätze, unsinnige Genitivkonstruktionen - das Satiremagazin „Titanic“ hätte die Persiflage eines Grass-Gedichts auch nicht besser hinbekommen.

          Dem Satiremagazin „Titanic“ ist es gelungen, ein Gedicht unter dem Namen „Günter Grass“ im Feuilleton der „Süddeutschen Zeitung“ zu platzieren. Als am Freitagnachmittag die Redakteure der Humorzeitschrift die Nachricht erreichte, dass die „SZ“ dieses besonders alberne und unglaubwürdig schlechte Gedicht unter der Überschrift „Europas Schande“ als echtes Grass-Gedicht in ihrer Samstagsausgabe publizieren würde, lagen sich die Kollegen der „Titanic“ lachend in den Armen. So einfach war es ihnen in all den Jahren voller lustiger Aktionen bisher noch nicht gemacht worden.

          Offenbar sind die Münchener Kollegen von dem phantastischen Erfolg, den sie mit der Publikation des letzten antisemitischen Gedichts von Günter Grass erzielt haben, noch so begeistert, dass sie inzwischen alles annehmen, was bei ihnen unter diesem Erfolgsnamen so eingereicht wird, in der Hoffnung, den irren Scoop von damals zu wiederholen.

          Das könnte diesmal schwer werden: Die „Titanic“-Redakteure haben es unterlassen, jenes kaum zu benennende Land, das den Weltfrieden bedroht, in das Gedicht einzubauen. Sie haben sich diesmal für Griechenland entschieden und in aller Eile alles zusammengeschrieben, was Google zu den Suchbegriffen Griechen, Antike und Europa so hergibt, haben dann jeweils die Satzstellung leicht verschoben, die unsinnigsten Genitivkonstruktionen aneinandergereiht und fertig.

          Ein kleines bisschen leiser

          Inhaltlich, dachten sie, nehmen sie irgendwas mit Schulden und dass die Europäische Union die Griechen nicht so bedrängen soll und dass Griechenland das Geld ja auch einfach ein bisschen später bezahlen kann, weil sie in frühester Vergangenheit so viel geleistet hatten, auf geistigem Gebiet, und wo wäre Europa ohne diese Leistungen heute? Wo wäre ein Günter Grass?

          Das alles liest sich, wenn man die wahren Urheber des Textes kennt, wirklich ganz lustig. Nicht ganz so lustig liest sich der Text, der unter dem Kürzel „SZ“ neben dem Gedicht steht. Es geht darin noch einmal um das letzte, echte Grass-Gedicht und seine Kritiker. Darin steht der Satz: „Vor allem sein spätes Geständnis aus dem Jahr 2006, dass er als Jugendlicher Mitglied der Waffen-SS war, machte es in den Augen vieler Kritiker für Grass unmöglich, sich in die Nahostdebatte einzumischen.“

          Dazu noch einmal, liebe „SZ“: Es geht bei der Beurteilung von Werk und Wirkung von Günter Grass seit 2006 doch vor allem darum, ob ein Mann, der einen guten Teil seines Lebens damit verbracht hat, mit unerschütterlicher Selbstgewissheit anderen Menschen moralische Noten zu geben, in der Folge seines Geständnisses, sechzig Jahre lang einen wesentlichen Teil seiner Biographie bewusst verschwiegen zu haben, vielleicht ein kleines bisschen leiser sein sollte. Ein kleines bisschen weniger selbstgewiss.

          Im besten Falle lächerlich

          Dieser Gestus des Moralmeisters ist in der Folge seines langen Schweigens hohl, unglaubwürdig, peinlich und - im besten Falle - lächerlich geworden. Ich glaube, viel mehr wollte die „Titanic“ mit ihrer lustigen Aktion gar nicht zeigen. Und das ist ihr gelungen.

          Einen kleinen Hinweis gibt es aber doch, dass die „Süddeutsche“ den Scherz vielleicht selber ahnte. An einer Stelle ihres Begleittextes heißt es: „Als Mitglied der Gruppe 47 verstand er in den Jahren nach dem Krieg die Literatur noch als ,Schreiben gegen das Vergessen.‘“ Die haben einfach Humor.

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