Frau Müller, wann und wie haben Sie erfahren, dass Oskar Pastior von 1961 bis 1968 für den rumänischen Geheimdienst gearbeitet hat?
Nach Oskar Pastiors Tod fanden sich beim Aufräumen der Wohnung zwischen unzähligen Papieren einige Notizzettel: Er habe sich 1968 bei der Einreise den deutschen Behörden restlos anvertraut. „Reinen Tisch machen“ schreibt er. Da dachte ich mir schon, es muss ja was zum Anvertrauen gegeben haben. Der Inhalt war enigmatisch. Vor einigen Wochen erfuhr ich dann von Stefan Sienerth, einem Historiker aus München, der auch aus Siebenbürgen kommt, von dem IM Oskar Pastior. Er hatte die Akte gefunden. Daraufhin beschloss die Oskar Pastior Stiftung, die Dinge zu klären. Ernest Wichner fuhr zur Bukarester Behörde, um die Akte einzusehen.
Was war Ihre erste Reaktion auf den Inhalt?
Meine erste Reaktion war Erschrecken, auch Wut. Es war eine Ohrfeige. Je genauer mir Stefan Sienerth und jetzt Ernest Wichner die Einzelheiten schilderten, umso mehr überkam mich das Gruseln. Die Akte zeigt wie ein finsteres Gemälde das Rumänien der fünfziger und sechziger Jahre. Die Gefängnisse waren voll. Der aus dem Lager heimgekehrte Pastior, Kistennagler und Bauarbeiter, konnte endlich in Bukarest studieren. Er wollte wieder in die Normalität, mit einem müden, sturen Eigensinn sein Leben selbst in die Hand nehmen. Aber es wurde ihm wieder konfisziert. Die Akte zeigt ihn von allen Seiten umzingelt. Auch mehrere Hochschullehrer bespitzeln ihn. Der Hauptspitzel steigert sich in die Denunziation hinein. Seine Berichte sind so gemein, dass es einen schaudert. Er war homosexuell, wie Pastior. Man fragt sich, ob er Rache nimmt aus persönlichen Gründen. Nach dem Überleben des Arbeitslagers wurde Pastior zum Staatsfeind, weil er für fünf Jahre Qual an die sieben Gedichte darüber schrieb, Gedichte, die er innerlich so nötig hatte. Aus diesen Lager-Gedichten hat man ihm den Strick gedreht: „antisowjetisch“, das reichte. Um sich vor der Verhaftung zu schützen, hat Pastior eine IM-Erklärung unterzeichnet. Aus dem Lager heimgekehrt wurde er statt frei vogelfrei. Meine zweite Reaktion auf den IM Pastior war Anteilnahme. Und je länger ich die Details hin und her drehe, umso mehr wird es Trauer.
Oskar Pastior selbst hat Ihnen davon also nie erzählt? Auch nicht in den Gesprächen zu „Atemschaukel“?
Dass er nach der Heimkehr aus dem Lager und alle Jahre danach täglich gehetzt lebte, aus Angst, wegen Homosexualität verhaftet zu werden, hat er erzählt. Es wurden immer wieder Homosexuelle, die er kannte, geschnappt. Das hat er mir oft gesagt. Aber nie, dass er wegen Gedichten übers Lager ins Visier geraten war. Wir haben nur über Tausende Einzelheiten des Lageralltags gesprochen. Und das hat wahrlich gereicht. Es hat ihm so viel abverlangt, dass ich oft besorgt war, er könne die Genauigkeit, zu der er sich zwingt, nicht verkraften. Aber sein Erinnern war ein Bedürfnis, die fast monströse Genauigkeit der Lagerbilder hauste seit sechzig Jahren in seinem Kopf. Er durfte endlich zugeben, dass das Lager immer noch in seinem Kopf zappelte. Er wollte so sehr, dass dieses Elend mal beschrieben wird.
Sie waren sehr eng befreundet. Nehmen Sie ihm sein Schweigen übel?
Ja, sicher. Er hätte es sagen sollen. Es fehlte nicht die Gelegenheit zu reden, die wäre immer dagewesen, jedes Mal. Sein Schweigen muss eine klare Entscheidung gewesen sein. Ich glaube, diese Entscheidung war generell und viel älter als unsere Freundschaft. Und die Dinge hatten mit mir und meiner Zeit in Rumänien nichts zu tun, ich war ein siebenjähriges Kind, als Pastior IM wurde. Er wollte zu der einen Bodenlosigkeit des Lagers nicht auch noch die andere dazutun, vielleicht.
Oskar Pastior hat sich im Mai 1968 bei den deutschen Behörden gemeldet und ihnen seine IM-Tätigkeit bei der Securitate explizit gebeichtet. Hat er Ihres Wissens nach später überhaupt mit irgendjemandem darüber gesprochen, etwa mit seinem Bruder?
Dass er sich den Behörden bei der Einwanderung anvertraut hat, ist für die Beurteilung Oskar Pastiors wichtig. Er musste diese zerstörerische Fracht loswerden, um frei zu atmen, um mit sich selbst neu zu beginnen. Ihn zwang der Ekel. Die meisten Spitzel haben das doch bei der Einreise höchstwahrscheinlich nicht getan, manche sogar im Westen weiter „gedient“. Es kann für Pastior eine Amtsbeichte gewesen sein, aber persönlich quälte er sich ganz bestimmt unentwegt. Die Frau, die verhaftet war, zum Schein der Lagergedichte wegen, wie man heute aus der Akte sieht, diese Frau hat Oskar Pastior hier in Deutschland aufgesucht und mit ihr gesprochen. Auch das steht auf einem dieser Zettel. Und wie die Amtsbeichte ist auch das wichtig für die Beurteilung des IM Pastior. Die Perfidie, dass man ihn sein Leben lang in der Meinung gelassen hat, seine Lagergedichte hätten zur Verhaftung der Frau geführt – das ist doch diabolisch. So etwas hat einer wie Pastior doch nie weggesteckt! Ich bin sicher, Pastior hat sein Gepäck ganz allein geschleppt, mit niemandem darüber gesprochen.
Wie erklären Sie sich, dass es in seiner Akte keine Spitzelberichte gibt, was doch sehr ungewöhnlich ist? Ist es möglich, dass er praktisch gar keine geschrieben hat?
Es ist möglich. Vielleicht tauchen irgendwo noch Berichte auf. Aber vielleicht hat er sich ganz passiv verhalten, hoffend, dass sein Führungsoffizier ihn mit der Zeit aus den Augen verliert. Aussteigen konnte er ja nur um den Preis der Verhaftung. Ich kann mir Pastior nicht als emsigen Denunzianten vorstellen, es war pure Qual. Er ist der skrupulöseste Mensch, den ich kenne. Er war zu skrupulös, um zu sagen, seine Schuld sei mäßig, und er hatte wenig Grund zu sagen, sie sei schwer. Das erklärt vielleicht auch sein Schweigen.
Wird das Wissen um seine IM-Tätigkeit den Blick auf sein literarisches Werk verändern?
Er sagte, die Sprache sei ihm im Lager zerbrochen. Na ja, ich weiß heute, Pastior ist die Sprache nicht nur einmal, sondern noch ein zweites Mal zerbrochen. Die Engführung der Existenz spürt man aus den Texten heraus. Im Verkleiden und Nacktmachen der Worte hat er sein Ich zurückgeholt. Die Verletztheit des Pastiorschen Humors, das Amüsement mit dem traurigen Geschmack – jetzt weiß ich, dass daran zwei Gewichte hängen.
Verändert das neue Wissen Ihr Bild des Menschen Oskar Pastior?
Es ergänzt das Bild. Ich beurteile den IM Oskar Pastior mit denselben Kriterien wie andere IM aus meiner Akte. Aber ich komme dabei zu einem anderen Fazit. Wenn Pastior noch leben würde, würde ich jedes Mal, wenn ich zu ihm käme, insistieren, dass er seine Akte lesen und selbst darüber schreiben soll. Aber jedes Mal würde ich ihn dabei in den Arm nehmen.
Die Fragen stellte Felicitas von Lovenberg.
Der Dichter Oskar Pastior
Oskar Pastior wurde 1927 in Hermannstadt im rumänischen Siebenbürgen geboren. Als Angehöriger der deutschen Minderheit wurde er 1945 in ein sowjetisches Arbeitslager deportiert. Seine Erinnerungen an die Lagerzeit bildeten die Grundlage für „Atemschaukel“, den im vergangenen Jahr erschienenen Roman der Nobelpreisträgerin Herta Müller. Von 1960 bis 1968 arbeitete er als Rundfunkredakteur in Bukarest. In dieser Zeit erschienen seine beiden ersten Lyrikbände „Offne Worte“ und „Gedichte“. 1968 nutzte er einen Studienaufenthalt in Wien zur Flucht in die Bundesrepublik, wo er sich in West-Berlin niederließ. „Vom Sichersten ins Tausendste“ wurde hier sein literarisches Debüt, dem mehr als zwanzig Bände mit Laut- und Prosagedichten sowie Übersetzungen folgten. Eine dreibändige Werkausgabe, herausgegeben von Ernest Wichner, ist im Hanser Verlag erschienen. Oskar Pastior starb am 4. Oktober 2006, wenige Wochen vor der Verleihung des Büchner-Preises.
Verwirrende Beiträge haben den roten Faden überschritten
Preda Mihailescu (preda)
- 20.09.2010, 14:35 Uhr