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Nobelpreisträgerin Herta Müller im Interview : Die Akte zeigt Oskar Pastior umzingelt

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Ja, sicher. Er hätte es sagen sollen. Es fehlte nicht die Gelegenheit zu reden, die wäre immer dagewesen, jedes Mal. Sein Schweigen muss eine klare Entscheidung gewesen sein. Ich glaube, diese Entscheidung war generell und viel älter als unsere Freundschaft. Und die Dinge hatten mit mir und meiner Zeit in Rumänien nichts zu tun, ich war ein siebenjähriges Kind, als Pastior IM wurde. Er wollte zu der einen Bodenlosigkeit des Lagers nicht auch noch die andere dazutun, vielleicht.

Oskar Pastior hat sich im Mai 1968 bei den deutschen Behörden gemeldet und ihnen seine IM-Tätigkeit bei der Securitate explizit gebeichtet. Hat er Ihres Wissens nach später überhaupt mit irgendjemandem darüber gesprochen, etwa mit seinem Bruder?

Dass er sich den Behörden bei der Einwanderung anvertraut hat, ist für die Beurteilung Oskar Pastiors wichtig. Er musste diese zerstörerische Fracht loswerden, um frei zu atmen, um mit sich selbst neu zu beginnen. Ihn zwang der Ekel. Die meisten Spitzel haben das doch bei der Einreise höchstwahrscheinlich nicht getan, manche sogar im Westen weiter „gedient“. Es kann für Pastior eine Amtsbeichte gewesen sein, aber persönlich quälte er sich ganz bestimmt unentwegt. Die Frau, die verhaftet war, zum Schein der Lagergedichte wegen, wie man heute aus der Akte sieht, diese Frau hat Oskar Pastior hier in Deutschland aufgesucht und mit ihr gesprochen. Auch das steht auf einem dieser Zettel. Und wie die Amtsbeichte ist auch das wichtig für die Beurteilung des IM Pastior. Die Perfidie, dass man ihn sein Leben lang in der Meinung gelassen hat, seine Lagergedichte hätten zur Verhaftung der Frau geführt – das ist doch diabolisch. So etwas hat einer wie Pastior doch nie weggesteckt! Ich bin sicher, Pastior hat sein Gepäck ganz allein geschleppt, mit niemandem darüber gesprochen.

Wie erklären Sie sich, dass es in seiner Akte keine Spitzelberichte gibt, was doch sehr ungewöhnlich ist? Ist es möglich, dass er praktisch gar keine geschrieben hat?

Es ist möglich. Vielleicht tauchen irgendwo noch Berichte auf. Aber vielleicht hat er sich ganz passiv verhalten, hoffend, dass sein Führungsoffizier ihn mit der Zeit aus den Augen verliert. Aussteigen konnte er ja nur um den Preis der Verhaftung. Ich kann mir Pastior nicht als emsigen Denunzianten vorstellen, es war pure Qual. Er ist der skrupulöseste Mensch, den ich kenne. Er war zu skrupulös, um zu sagen, seine Schuld sei mäßig, und er hatte wenig Grund zu sagen, sie sei schwer. Das erklärt vielleicht auch sein Schweigen.

Wird das Wissen um seine IM-Tätigkeit den Blick auf sein literarisches Werk verändern?

Er sagte, die Sprache sei ihm im Lager zerbrochen. Na ja, ich weiß heute, Pastior ist die Sprache nicht nur einmal, sondern noch ein zweites Mal zerbrochen. Die Engführung der Existenz spürt man aus den Texten heraus. Im Verkleiden und Nacktmachen der Worte hat er sein Ich zurückgeholt. Die Verletztheit des Pastiorschen Humors, das Amüsement mit dem traurigen Geschmack – jetzt weiß ich, dass daran zwei Gewichte hängen.

Verändert das neue Wissen Ihr Bild des Menschen Oskar Pastior?

Es ergänzt das Bild. Ich beurteile den IM Oskar Pastior mit denselben Kriterien wie andere IM aus meiner Akte. Aber ich komme dabei zu einem anderen Fazit. Wenn Pastior noch leben würde, würde ich jedes Mal, wenn ich zu ihm käme, insistieren, dass er seine Akte lesen und selbst darüber schreiben soll. Aber jedes Mal würde ich ihn dabei in den Arm nehmen.

Die Fragen stellte Felicitas von Lovenberg.

Der Dichter Oskar Pastior

Oskar Pastior wurde 1927 in Hermannstadt im rumänischen Siebenbürgen geboren. Als Angehöriger der deutschen Minderheit wurde er 1945 in ein sowjetisches Arbeitslager deportiert. Seine Erinnerungen an die Lagerzeit bildeten die Grundlage für „Atemschaukel“, den im vergangenen Jahr erschienenen Roman der Nobelpreisträgerin Herta Müller. Von 1960 bis 1968 arbeitete er als Rundfunkredakteur in Bukarest. In dieser Zeit erschienen seine beiden ersten Lyrikbände „Offne Worte“ und „Gedichte“. 1968 nutzte er einen Studienaufenthalt in Wien zur Flucht in die Bundesrepublik, wo er sich in West-Berlin niederließ. „Vom Sichersten ins Tausendste“ wurde hier sein literarisches Debüt, dem mehr als zwanzig Bände mit Laut- und Prosagedichten sowie Übersetzungen folgten. Eine dreibändige Werkausgabe, herausgegeben von Ernest Wichner, ist im Hanser Verlag erschienen. Oskar Pastior starb am 4. Oktober 2006, wenige Wochen vor der Verleihung des Büchner-Preises.

Quelle: F.A.Z.

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