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Nobelpreisträgerin Herta Müller Die Liebe ist mir in den Kopf gewachsen

12.12.2009 ·  Ihre Bücher hätten ja wohl den Preis bekommen, hat sie gesagt, aber zur Übergabe musste sie selbst erscheinen: Souverän zieht sich Herta Müller in Stockholm aus der Staatsaffäre.

Von Felicitas von Lovenberg, Stockholm
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Herta Müller setzt das Protokoll außer Kraft. Diese Wirkung ihrer Persönlichkeit ließ sich in den vergangenen Tagen in Stockholm immer wieder erleben. Wo sie auftauchte, waren die Menschen gebannt von der Intensität dieser Autorin und ihrer Literatur. Da bildete auch das schwedische Königshaus keine Ausnahme. Die Audienz Guido Westerwelles, der auf seinem Weg nach Helsinki einen noblen Zwischenaufenthalt in Stockholm eingelegt hatte, bei Carl XVI. Gustaf und seiner Familie war recht bald vorüber; nach kurzer Zeit tauchte der deutsche Außenminister wieder aus der Loge der Majestäten auf.

Ganz anders Herta Müller. Obwohl die einzelnen Nobelpreisträger nach dem Essen laut Protokoll höchstens eine private Viertelstunde mit der Königsfamilie verbringen dürfen, bleiben sie und ihr Mann Harry Merkle gut eine Stunde hinter dem Blättervorhang und dem Spalier schwedischer Studenten, das diese Zusammenkünfte abschirmt. Als die Schriftstellerin endlich auftaucht und von ihren wartenden Freunden erstmals seit der Preisverleihung gut sechs Stunden zuvor beglückwünscht und umarmt werden kann, ist sie so aufgekratzt, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes getan, als sich mit Staatsoberhäuptern und Monarchen darüber auszutauschen, wie widerlich Ceausescu war, der nicht nur jahrzehntelang in Rumänien, sondern offenbar einmal auch bei einem Staatsbesuch in Schweden einen unsäglichen Eindruck hinterlassen haben muss.

Der Beifall wollte nicht enden

Bereits bei der Nobelvorlesung am Montagabend waren sich viele Zuhörer einig, kaum je einer so berührenden, vielschichtigen und zugleich das Wesen der eigenen Poetik unmittelbar erfassenden Ansprache eines Preisträgers beigewohnt zu haben (siehe Literaturnobelpreis: Das Taschentuch der Herta Müller). Zur Preisverleihung im Stockholmer Konzerthaus, wo Herta Müller am Donnerstag als zwölfte Autorin der Literaturgeschichte den Nobelpreis erhielt, hob der Laudator Anders Olsson jene Sprachenergie hervor, die jeden Leser ihrer Werke von der ersten Zeile an zum Verbündeten mache. Man spüre, hier gehe es um Leben und Tod.

Als Herta Müller die rote Lederschatulle mit der Medaille und die Urkunde aus der Hand des schwedischen Königs entgegengenommen hatte und sich entsprechend dem Zeremoniell durch angedeutete Verbeugungen zu den Mitgliedern des Könighauses, der Schwedischen Akademien und zum Publikum bedankte, wollte der Beifall nicht enden.

Seine besondere, in Stockholm stets gegenwärtige Aura verdankt der Literaturnobelpreis der Stellung der Schwedischen Akademie, die seit hundertacht Jahren den Preisträger bestimmt und für ihre ästhetische Unbeirrbarkeit respektiert und gefürchtet ist. Als einzige der verschiedenen mit den Nobelpreisen befassten Wissenschaftsinstitutionen ist sie finanziell wie politisch vollkommen unabhängig und bestimmt ihre achtzehn auf Lebenszeit ernannten Mitglieder allein. Die Wahl des Nobelpreisträgers sei nur eine ihrer Aufgaben, erklärt beim Festbankett Horace Engdahl, der als Ständiger Sekretär in den vergangenen zehn Jahren Aushängeschild und Feindbild zugleich abgeben musste. Das ehrenvolle, aber auch anstrengende Amt ist jetzt auf Peter Englund übergegangen.

Bitte nicht in Nähe des Königs!

Seit langem gilt der 10. Dezember als eine Art zweiter schwedischer Nationalfeiertag. Gut zwei Millionen Menschen verfolgen die Preisverleihung und das anschließende Festbankett im Fernsehen; viele machen sich dazu sogar ähnlich fein wie die Gäste und kochen ein besonderes Menü. Das goldumrandete Porzellan, von dem die gut fünfzehnhundert Gäste in der Blauen Halle des dem venezianischen Dogenpalast nachempfundenen Stockholmer Stadthauses tafeln, wird jedes Jahr anschließend verkauft, ebenso wie das goldene Besteck; die Möglichkeit, mittels eines Stücks Nobelpreistradition alle Bürger an diesem einzigartigen Ereignis teilhaben zu lassen, ist ein Bestandteil der schwedischen Kultur.

Als wesentliche Hürde des abendlichen Nobelparcours hatte die Tischordnung gegolten; stand doch zu befürchten, dass Herta Müller, wenn nicht jemand einschritte, neben dem König zu sitzen käme - und damit das ganze lange Bankett über nicht nur zu Smalltalk, sondern gänzlich zum Schweigen verdammt wäre. Denn Carl Gustaf weigere sich, so hieß es, trotz seiner deutschen Frau beharrlich, Deutsch zu sprechen, und Herta Müller fühlt sich im Englischen nicht wohl. Mancher erinnerte sich noch mit Entsetzen daran, wie etwa die große polnische Dichterin Wislawa Szymborska 1996 vier Stunden stumm neben Seiner Majestät verbringen musste, weil der Regent beharrlich schwieg und seine Mimik obendrein keinen Zweifel an seinem Verdruss über das Placement aufkommen ließ. Eminente Stockholmer Bürger, die schon häufiger beim Nobelpreis dabei waren, notieren wohlweislich bei ihrer Anmeldung in der Rubrik „Plazierungswünsche“ nur: Bitte nicht in Nähe des Königs!

Es fügte sich dann aber, dass Herta Müller bei der „big party“, wie die Verleihung im Stockholmer Volksmund heißt, Johann Deisenhofer, den deutschen Chemienobelpreisträger des Jahres 1988, zu Tisch hatte, mit dem sie sich offenbar blendend verstand, ebenso wie mit Prinzessin Madeleine, mit der man sie wiederholt in lange, angeregte Gespräche vertieft sehen konnte. In ihrem schlichten schwarzen Kleid mit weißem Gürtel und weißem Saum war Herta Müller inmitten der opulenten Ballroben und des allgemeinen Geglitzers mancher echter und vieler falscher Juwelen die eigentliche Hauptperson des Abends. Nicht nur in ihrer Erscheinung steht sie für die Konzentration aufs Wesentliche.

Der Laufzettel: ein Buch

Als sie nach dem Essen, das eine Ballettschar von Kellnern wie eine Choreographie servierte und das immer wieder von aufwendig inszenierten Monteverdi-Einlagen des Romeo-und-Julia-Chors unterbrochen wurde, ihren Vorrednern ans Pult auf der gewaltigen Freitreppe folgte und in einer kurzen Ansprache den Bogen von ihrer Kindheit in ärmlichen ländlichen Verhältnissen über den Zusammenhalt in der „Aktionsgruppe Banat“ bis hin zu ihrem heutigen Leben in Berlin spannte und dabei auch an verstorbene Freunde erinnerte, kämpften viele der Anwesenden mit den Tränen.

Einzelne Akademiemitglieder wie Kristina Lugn, Per Wästberg und Torgny Lindgren machten im persönlichen Gespräch kein Hehl daraus, dass Herta Müller seit Jahren eine absolute Favoritin für den Preis war. Doch ebenso wie Horace Engdahl ist ihnen bewusst, dass die Auszeichnung auf den Träger aufgrund des immer weiter zunehmenden Medieninteresses bisweilen wie eine Zumutung wirkt. Viele erkundigten sich daher besorgt, wie die Autorin den Ansturm der vergangenen Monate und das stramme Programm dieser Woche verkraftet habe. Am Abend der Abende erübrigte sich diese Frage: Nach dem offiziellen Teil überraschte eine putzmuntere Herta Müller alle mit ihrem gelösten und temperamentvollen Auftreten. Solche Augenblicke waren zuvor selten; eine Flucht vor Protokoll und Programm gab es für Herta Müller oft kaum eine Nikotinpause lang.

Autoren mit einer natürlichen Neigung zu Rampenlicht und Aufmerksamkeit mögen eine Woche mit dauernden Empfängen und Essen, Lesungen, Interviews und Signierstunden genießen; Herta Müller gehört nicht dazu. Wer wie sie jahrelang bespitzelt und überwacht wurde, von erklärten Feinden ebenso wie von vermeintlichen Freunden, wird sich wohl niemals sicher oder gar wohl fühlen können im Zentrum einer Aufmerksamkeit, die zwar von positiver Anteilnahme und Mitfreude motiviert sein mag, aber dennoch einen ständigen Einbruch in die Intimsphäre darstellt. Bereits bei Bekanntgabe des Preises hatte sie den gesunden Standpunkt vertreten, es seien ja wohl ihre Bücher, die die Auszeichnung gewonnen hätten, und nicht sie als Person. Der Laufzettel mit Herta Müllers Terminen während der Nobelpreiswoche hatte den Umfang eines kleinen Buches, das knapp dreißig Programmpunkte in acht Tagen vorsah. Hätte jedes ihrer neunzehn bisherigen Werke ihr einen Termin abnehmen können, hätte die Verfasserin Stockholm entspannter erlebt. Sie kam ihren vielen Pflichten mit Disziplin, Gefasstheit und großer Bescheidenheit nach. Man selbst zu sein und natürlich zu bleiben kostet jedoch Kraft. Einen Halt hat Herta Müller seit jeher in der Literatur gefunden; das sei der Grund dafür, weshalb sie schreibe, sagte sie bei ihrer Stockholmer Pressekonferenz. Schreiben sei ihre Möglichkeit, „mit mir selbst fertig zu werden“.

Erinnerung an Oskar Pastior

Bei der Pressekonferenz waren auch mehrere rumänische Journalisten zugegen, die die Gelegenheit offenbar nutzen wollten, die Autorin zu Äußerungen zu bewegen, durch die sich ihre beharrliche Kritik an Rumänien relativieren ließe. Da kannten sie die Autorin schlecht. Auf die Frage, ob sie denn nicht auch positive Erinnerungen an ihre Zeit in Rumänien habe, lachte Herta Müller bitter auf. „Wo bleibt das Gute, meinen Sie? Das ist eine sehr patriotische Frage.“ Natürlich habe sie auch gute Erinnerungen, doch beträfen diese das Land und nicht den Staat Rumänien. „Es sind aber nicht meine persönlichen Freundschaften, die die Welt interessieren“, fügte sie energisch hinzu.

Auch einer anderen rumänischen Journalistin, die es mit der hypothetischen und daher müßigen Frage probierte, worüber sie denn schreiben würde, wenn Rumänien keine Diktatur und kein kommunistischer Staat gewesen wäre, erteilte sie eine Abfuhr. Was vom Politischen unangefochten bleibt, ist ihre Liebe zur rumänischen Sprache. „Weil sie mir in den Kopf gewachsen ist“, schreibe sie immer mit. Aber wie alle Liebe sei auch dies eine „persönliche Angelegenheit“, die einer inneren Notwendigkeit folge.

Zuvor hatte sie auf die Frage, welcher ihrer Vorgänger als Literaturnobelpreisträger ihr künstlerisch besonders nahestehe, Samuel Beckett und Nelly Sachs genannt, an erster Stelle aber Imre Kertész, mit dem sie auch eng befreundet ist. In Stockholm begleitete sie indes vor allem die Erinnerung an Oskar Pastior, auf den sie nicht nur in ihrer Nobelvorlesung, sondern auch in privaten Momenten immer wieder zu sprechen kam.

Der emotionale Höhepunkt der Feiern

Neben ihrem Mann Harry Merkle war vor allem ihre schwedische Verlegerin Camilla Nagler von Wahlström & Widstrand an ihrer Seite. Während andere Preisträger die Feierlichkeiten zum Anlass für weitläufige Familientreffen nahmen, blieb die Zahl von Herta Müllers persönlichen Gästen überschaubar. Ernest Wichner, Schriftsteller und Leiter des Berliner Literaturhauses, mit der Schriftstellerin seit Banater Jugendtagen eng befreundet, war mit seiner Frau Nicole Henneberg dabei; der dänische Journalist Niels Barfoed gehörte ebenso zum Freundeskreis wie verschiedene ausländische Verleger Herta Müllers, etwa Jean Mattern von Gallimard und Carlo Feltrinelli aus Mailand. Sowohl für den Hanser-Chef Michael Krüger als auch für Michael Naumann, Mitherausgeber der „Zeit“ und als ehemaliger Rowohlt-Leiter Herta Müllers früherer deutscher Verleger, war es bereits die sechste Nobelpreisverleihung, was das Staunen über die immer wieder märchenhaft anmutenden Festlichkeiten indes nicht minderte.

Das Vermächtnis des Nobelpreises an Herta Müller wird die Ereignisse dieser Stockholmer Woche weit überragen - und zwar nicht allein, weil ihre Bücher jetzt überall gelesen werden. Es ist die Autorin selbst, die ihr Publikum wachrüttelt. Auch wenn sie es nicht darauf anlegt, vermittelt sie mit jedem Wort eine innere Haltung, die vor keinem Protokoll und keiner behaupteten Autorität kapituliert. Das Mitreißende daran: Sie selbst sieht darin nichts weiter als eine Selbstverständlichkeit. Das zeigte vor allem ihre Rede am Abend des Banketts, das so nicht nur zum bloß gesellschaftlichen, sondern auch zum emotionalen Höhepunkt der Feiern wurde. Denn wie drückte es Herta Müller so elementar aus: „Nichts sonst spricht so eindringlich mit uns wie ein Buch.“ Außer, muss man hinzufügen, diese Schriftstellerin.

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Jahrgang 1974, verantwortliche Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben.

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