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Nobelpreisträger Patrick Modiano : Es gibt die Pflicht zur Erinnerung

Erinnerungskünster: Patrick Modiano lässt die Vergangenheit nicht ruhen. Bild: Röth, Frank

Mit Patrick Modiano gewinnt ein Schriftsteller den Literaturnobelpreis, den die Geister der Vergangenheit nicht ruhen lassen. Seine Erzählkunst ist für französische Verhältnisse eher konventionell, sein flüssiger Schreibstil aber hat Furore gemacht.

          Als heute Mittag um 13 Uhr der Ständige Sekretär der Schwedischen Akademie den französischen Schriftsteller Patrick Modiano als Literaturnobelpreisträger dieses Jahres ausrief, verschwieg er erst einmal, dass Modiano noch gar nichts davon wusste, weil man ihn vorab nicht erreicht hat. Angesichts der Vorgeschichte französischer Literaturnobelpreisträger, die diese Auszeichnung auch schon mal ablehnen (Jean-Paul Sartre im Jahr 1964), hat die Akademie ein gewisses Risiko nicht gescheut, aber bei Modiano ist das nicht zu befürchten.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Er wurde am 30. Juni 1945 geboren, kurz nach Kriegsende, und seine Mutter gehörte zu jenen Belgiern, die sich nach der Besetzung ihres Landes durch die Wehrmacht nach Paris abgesetzt hatten, dass zwar auch deutsch besetzt war, aber durch die Größe der Stadt bessere Lebensbedingungen verhieß. Diese Familiengeschichte begründete Modianos Interesse für die Besatzungszeit, die zum wichtigsten Thema seines Werks werden sollte und nun auch ausdrücklich als zentraler Grund für die Verleihung des Nobelpreises genannt wurde: Modiano habe mit seiner „Erinnerungskunst“ jene Jahre entlarvt.

          Er steht in Frankreich für jenen Teil der Intellektuellen, die mit ihren Büchern unermüdlich gegen die Verharmlosung des Vichy-Regimes protestiert haben. Es ist, wie er selbst einmal gesagt hat, die „Pflicht zur Erinnerung“, die ihn antreibt. Sein Romandebüt, „La Place de l‘Étoile“, widmete sich dem Leben Raphael Schlemilowitschs, eines unmittelbar nach dem Krieg geborenen Juden, der über sein Leben halluziniert und dabei auch die Jahre zuvor auf phantastische Weise mit dem eigenen Schicksal vermischt.

          Unkonventionell konventionell

          Erschienen 1968, traf das Buch genau den Nerv dieser politisch bewegten Zeit und wurde mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet. Auf deutsch erschien es erst 2010 nach einer vom Autor revidierten Fassung aus dem Jahr 2004. Niemand hatte bei Erscheinen bemerkt, dass dieser Roman denselben Titel trug wie ein Buch von Robert Desnos, einem im Krieg nach Buchenwald deportierten französischen jüdischen Dichter, der noch nach der Befreiung im Konzentrationslager Theresienstadt an Typhius starb, nur wenige Tage vor Modianos Geburt.

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          Solche untergründigen Details sind typisch für Modianos Erzählen. Wie auch einen innere Verschränkung seiner Romanstoffe. So enthüllte er das Geheimnis der Titelanregung zu „La Place de l’Étoile“ 1997 in einem anderen Roman, „Dora Bruder“, der als Äquivalent zu dem Debüt die Geschichte einer jungen jüdischen Frau während der Besatzungszeit in Frankreich erzählte.

          Dagegen ist der Stil des bei seinem Debüt erst Zweiundzwanzigjährigen eher konventionell, wenn man französische Maßstäbe anlegt. Natürlich ist Modiano als Jugendlicher dem Einfluss des Nouveau Roman nicht entgangen, aber zugleich hat er sich nicht in die ästhetischen Bande dieser damals dominanten Literatur schlagen lassen. Modiano liest sich flüssig, und auch deshalb machte er Furore. Den Gipfel in Frankreich erreichte er schon 1978, als er für „Rue de boutiques obscures“ (auf deutsch „Die Gasse der dunklen Läden“) den Prix Goncourt gewann. Es sollte sechsunddreißig Jahre dauern, bis dieser Triumph nun übertroffen wurde.

          Von der Autobiografie zum Krimi

          Erst  vor einer Woche hat Modiano seinen neuen Roman in Frankreich publiziert: „Pour que tu ne  te perdes pas dans le quartier“ (Damit du dich nicht im Viertel verläufst). Auch dieses Buch ist wieder zu guten Teilen autobiographisch grundiert. Doch der Schriftsteller wechselt gern die Formen: „L’Herbe des nuits“ von 2012 zum Beispiel erzählt eine Krimihandlung, die das Paris der sechziger Jahre heraufbeschwört, jener Zeit, als  Modiano an der Sorbonne studierte.

          Modianos Bücher sind hierzulande zuletzt alle bei Hanser erschienen, zuvor wurde er unter anderen von Ullstein und Suhrkamp verlegt; für letzteres Haus hat Peter Handke das Buch „Une Jeunesse Gallimard“ von 1981 übersetzt („Eine Jugend“). Zuletzt kam 2013 „Der Horizont“ heraus, drei Jahre nach dem französischen Original. Für den neuen Roman wird der Verlag sich weniger Zeit lassen. „Gräser der Nacht“, in Frankreich 2012 erschienen, wird vom Hanser Verlag schon auf diesen Herbst vorgezogen, obwohl es ursprünglich erst im Frühjahr veröffentlicht werden sollte.

          Quelle: FAZ.NET

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