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Nobelpreisträger Imre Kertész : Die Ungarn werden mich nie verstehen

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Hier gibt es so etwas wie Frieden: Magda und Imre Kertész in ihrem Wohnzimmer in Berlin-Charlottenburg Bild: Julia Baier

Die Rechtsextremen sind eine Katastrophe für Ungarn, aber sie werden wieder verschwinden. Literaturnobelpreisträger Imre Kertész erklärt, warum er als jüdischer Schriftsteller lieber in Berlin als in seiner Heimatstadt Budapest lebt.

          Das Ehepaar Kertész wohnt in einer hellen Dachgeschosswohnung in Berlin-Charlottenburg. Es ist ein schwüler Tag, die Jalousien sind halb heruntergelassen, trotzdem steht die Hitze im Wohnzimmer, in dem Imre Kertész in einem Sessel mit hochgeklapptem Fußteil Platz genommen hat. Halb liegend ist für ihn die bequemste Position. Er hat Parkinson und auch irgendetwas mit den Füßen, er scherzt darüber, man möge ihn Dr. Parkinson nennen, und schüttelt demonstrativ alle Gliedmaßen. Abgesehen davon geht es ihm sehr gut.

          Was nicht zuletzt an seiner Frau Magda liegen dürfte, die bezaubernd für ihn sorgt. Zur Feier des Nachmittages kredenzt sie Champagner mit Rhabarbersaft, eine köstlich erfrischende Mischung, von der ihr Mann allerdings nur nippt. Er habe Champagner nicht so gerne, erklärt seine Frau. Zur Sicherheit hat sie ihm trotzdem ein großes Glas eingeschenkt.

          Nachdem ich meine erste Frage gestellt habe - was Imre Kertész zum ungarischen Wahlergebnis sagt, die rechtsextreme Jobbik-Partei ist mit fast 17 Prozent der Stimmen seit April drittstärkste politische Kraft im Land -, unterbricht seine Frau besorgt. Ob er wirklich über ungarische Politik sprechen wolle, fragt sie ihn. Beim letzten Mal, als er das einer deutschen Zeitung gegenüber getan hat - anlässlich seines 80. Geburtstags -, hatte das in Ungarn äußerst negative Schlagzeilen zur Folge. Sie wolle einfach nicht, dass ihm etwas zustoße, wenn sie das nächste Mal in Ungarn seien, sagt sie. Ihr Mann beschwichtigt sie: „Ich habe siebzig Jahre in Budapest gelebt, und nicht ein Mal haben sie mich dort aufgehängt.“ Er sagt es, wie so vieles, verschmitzt.

          Als Holocaust-Überlebender im Bundestag: Imre Kertész neben dem ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler (links)

          Im November sagten Sie über Ihre Heimat: „Rechtsextreme und Antisemiten haben das Sagen. Die alten Laster der Ungarn, ihre Verlogenheit und ihr Hang zum Verdrängen, gedeihen wie eh und je.“ Das sorgte für Entrüstung. Die größte rechte Tageszeitung des Landes titelte daraufhin: „Der Jude übt Kritik an Ungarn.“

          Das ungarisch-jüdische Zusammenleben nach dem Krieg ist schwierig. Es fehlt an Information. Da ist ein Selbsthass im Spiel und mangelnde Kenntnis von Geschichte. In Ungarn wird der Holocaust von vielen als rein deutsche Angelegenheit gesehen. Gerne wird übersehen, dass sich ungarische Nazis, die Pfeilkreuzler, in großer Zahl an den Deportationen Hunderttausender ungarischer Juden in die Konzentrationslager beteiligten, in Budapest Zehntausende Juden erschossen. Was nach dem Krieg passierte, ist ein großes Trauma für Ungarn, für den ganzen Ostblock. Es kam nicht zu einer Versöhnung, denn dazu bedarf es Wissen. Ich habe neulich im Fernsehen die Wahl des neuen deutschen Bundespräsidenten gesehen. Der Erste, der dem Sieger gratuliert hat, war der, der die Wahl verloren hatte. Da war eine ganz feierliche Stimmung. Es lag keine Anklage in der Luft, keine Vorwürfe, es war einfach eine nationale Feierlichkeit, und die sind für Europäer normalerweise sehr schwierig. Dabei habe ich etwas gelernt: Wie man die Geschichte in seine Hand nehmen kann. Wie man eine Niederlage bewältigen kann.

          Das haben Sie bei der deutschen Bundespräsidentenwahl gelernt?

          Ja. Man muss sich seiner Geschichte stellen, das ist der einzige Weg. Auch dafür, dem ewigen Judenhass oder Fremdenhass zu entkommen. Der Holocaust ist ein europäisches Trauma, er gehört für mich zur europäischen Kultur. Dieses Trauma lebt, auch wenn es heute eine Stufe niedriger in der europäischen Auffassung steht, weniger wichtig genommen wird als früher. Es ist traurig, dass die osteuropäische Kultur diese andere Kultur, die ich Kultur des Holocaust nenne, nicht aufnimmt.

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