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Neues zum Fall Strittmatter Die Partisanenkämpfe eines poetischen Menschen

Die Debatte über Erwin Strittmatters Werdegang während der Kriegszeit nimmt einen sonderbaren Verlauf. So sind sich die beiden Hauptkontrahenten im Grunde über die zu verhandelnden Fakten einig. Auf unterschiedlichen Podien schilderten beide jetzt ihre neuesten Erkenntnisse.

© picture-alliance / dpa Vergrößern Seine Feldpostbriefe und weitere Dokumente werfen ein neues Licht auf den Schriftsteller Erwin Strittmatter

Das Erstaunliche an der Debatte über die Kriegszeit des Schriftstellers Erwin Strittmatter liegt darin, dass ihre beiden Kontrahenten, der Literaturwissenschaftler Werner Liersch und der Historiker Bernd-Rainer Barth, sich über die zu verhandelnden Fakten im Wesentlichen einig sind. Zu diesen Fakten gehört, dass Strittmatter im Zweiten Weltkrieg Mitglied eines Bataillons der Ordnungspolizei war, das später in das SS-Polizei-Gebirgsjägerregiment 18 eingegliedert wurde; dass er in der ersten Phase seines Dienstes vermutlich am Partisanenkrieg auf dem Balkan mit allen seinen Greueln und Massakern teilgenommen hat; und dass er in seinem späteren Leben – er starb im Jahr 1994 – kaum etwas über seine Zeit als Ordnungspolizist des „Großdeutschen Reiches“ berichtet hat.

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Stattdessen wurde er zum gefeierten und preisgekrönten Nationaldichter der DDR, zum Sekretär des Schriftstellerverbands und häufigen Gesprächspartner des Ministeriums für Staatssicherheit und zum Verfasser von Bestsellerromanen wie „Ole Bienkopp“ und „Der Laden“.

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Verwirrende Pikanterie

Worüber streiten sich nun Liersch und Barth? Für einen Außenstehenden ist das schwer festzustellen. Liersch, der von Barth bei seiner ersten Archivrecherche in Sachen Strittmatter unterstützt wurde, unterstellte dem Historikerkollegen in einem Brief an den Leiter des Aufbau-Verlags, er verharmlose die DDR und habe Schwierigkeiten, die beiden „belasteten Buchstaben“ SS auszusprechen. Barth wiederum, der nach dem Erscheinen von Lierschs Enthüllungsartikel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (siehe auch Werner Liersch: Erwin Strittmatters unbekannter Krieg) von Strittmatters Witwe Eva mit ergänzenden Recherchen beauftragt wurde, nennt die Darstellungen des Literaturwissenschaftlers historisch unseriös und ungenau, ein Gemisch aus Tatsachen, Andeutungen und „Verdachtsphantasien“.

Zu der verwirrenden Pikanterie des Falls gehört auch, dass Liersch in der DDR durchaus kein Dissident, sondern als Heinrich-Mann-Preisträger und Mitglied des Schriftstellerverbands eine anerkannte Größe war, während der angebliche Verharmloser Barth vor 1989 jahrelang Berufsverbot hatte und zudem Opfer einer „Zersetzungs-Operation“ der Stasi wurde, an der seine Familie zerbrach.

Seitenblick ins Publikum

Inzwischen hat Barth erste Ergebnisse seiner Nachforschungen öffentlich gemacht. Er fand heraus, dass sich Strittmatter vor seiner Einberufung zur Ordnungspolizei freiwillig zur Waffen-SS gemeldet hatte, aber nicht genommen worden war (siehe Die Legende vom Widerstand: Erwin Strittmatters Verwicklung in den Nationalsozialismus). Auch sei er keineswegs von Anfang an Bataillonsschreiber gewesen, wie er später in allen offiziellen Fragebögen behauptete. Bei einem Podiumsgespräch im Berliner Brecht-Haus vergangene Woche sagte Barth, nach seinen Ermittlungen habe sich Strittmatter von August bis Oktober 1941 aktiv an der von Himmler befohlenen „Bandenbekämpfung“ in Slowenien beteiligt. Anschließend sei seine Einheit zur Bewachung eines Gefängnisses in Krakau eingesetzt gewesen, das als Internierungslager für Polen und Juden diente. Nichts von alldem hat Strittmatter in seinen Büchern erwähnt. Er sei „apolitisch“, erklärte er gern, ein „poetischer Mensch“.

Am Mittwochabend nun hatte Werner Liersch Gelegenheit, auf einem Podium im Potsdamer Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte den neuen Stand der Debatte zu kommentieren. Überraschenderweise tat er es nicht. Auch den Namen seines Gegenspielers Barth nahm er nicht in den Mund. Er wolle Strittmatters Werk nicht in Grund und Boden verdammen, sondern sich ihm „in Realität nähern“, sagte Liersch mit Seitenblick ins Publikum, in dem die Strittmatter-Anhänger eine sehr reale Mehrheit hatten.

Eine dunkle Kammer

Entscheidend sei, wie man heute mit der Erinnerung umgehe, und wie der Autor damit umgegangen sei. Als Gegenmodell zu Strittmatters Verdrängungs-Opus nannte er die Erzählungen Franz Fühmanns, der seine Schuld offen zur Sprache gebracht habe. Aber selbst dieser vorsichtige Vergleich war den Zuhörern schon zuviel. Warum er sich zu DDR-Zeiten nicht in Leserbriefen über Strittmatters Bücher beschwert habe, wurde Liersch gefragt. Damals, gab er zu, wusste er von nichts.

Neben Liersch saß eine Literaturredakteurin des „Neuen Deutschland“ auf dem Podium, die vielen im Saal aus dem Herzen sprach. Erwin Strittmatter, sagte sie treuherzig, sei eben ein Dichter gewesen: „Es war nicht seine Art, etwas zu schreiben, wie wir es jetzt von ihm verlangen.“ Zugleich erzählte sie, dass Eva Strittmatter über den Inhalt der Feldpostbriefe ihre Mannes, die sie offenbar erst nach der Veröffentlichung von Lierschs Essay las, bestürzt gewesen sei. Ihr verstorbener Mann sei ihr „erbärmlich“ vorgekommen, habe die Witwe gesagt – „eine dunkle Kammer“ habe sich geöffnet. In den Briefen Strittmatters aus dem Krieg steckt womöglich eine Wahrheit, die seiner noch immer zahlreichen Lesergemeinde die Augen öffnen könnte. Bisher aber weigert sich seine Witwe beharrlich, sie ans Licht zu holen. Sie wird wissen, warum.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 01.03.2009, 10:09 Uhr