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Neues von Thomas Pynchon Auf dem Geisterschiff nach Hollywood

31.07.2009 ·  Nur die Selbstzerstörung bleibt weiter garantiert: Thomas Pynchons neuer, überraschend leichtgängiger Roman „Inherent Vice“ jagt Killer und Detektive atemlos durch die Hippie-Ära.

Von Thomas David
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Psychedelisch, dieser neue Roman von Thomas Pynchon, der kaum drei Jahre nach der Veröffentlichung von „Gegen den Tag“ so unerwartet und schnell über uns kommt wie kein Buch von Pynchon zuvor und mit seinen nicht einmal vierhundert Seiten so viel Spaß macht wie ein fetter Joint. „Inherent Vice“ ist Helter-Skelter; „Inherent Vice“ ist Pynchons „Big Lebowski“, in dem Pynchons Dude, der Hippie Doc Sportello, im Los Angeles der späten sechziger Jahre den chandleresken Helden mimt.

Milchweißer Himmel über L.A., versmoggtes Sonnenlicht, das die ganze Stadt bekifft. Sportello teilt sich das Büro mit einem Arzt, der seinen Kunden halbsynthetisches „Vitamin B 12“ injiziert, die von Sportello betriebene Detektei läuft unter dem Namen LSD: Als Pynchons hartgesottener Detektiv beauftragt wird, bei einem gewissen Glen Charlock Schulden zu kassieren, ahnt der Leser bereits, welcher klassischen Storyline der Roman folgt.

Charlock ist der Bodyguard des Immobilien-Visionärs Mickey Wolfmann, und Namen nimmt man bei Pynchon am besten immer beim Wort: Schon kurz nachdem Sportello in der noch im Bau befindlichen „Geisterstadt“ der Channel View Estates eingetroffen ist, Wolfmanns prestigeträchtigem Spekulationsobjekt an der Santa Monica Bay, und von den aus ihrer neighborhood verdrängten farbigen Bewohnern wie von heimatlosen Zombies umlauert wird, verliert er aus vorerst unerfindlichen Gründen das Bewusstsein.

Der Blick verliert sich im Dunst; Duft von Nebel liegt in der Luft; der angenehme Geruch der Wüste unter dem Straßenpflaster: Pynchon beschreibt die halluzinative Atmosphäre seiner mal in abgetönten Pastellfarben, mal in grellem Neon-Pop gezeichneten Kifferphantasie wirklich sehr schön. Als Sportello Stunden später aus der Ohnmacht erwacht, kreist das Gesicht von Detective Lieutenant Bigfoot Bjornsen „wie ein Unglücksplanet im Tageshoroskop“ über ihm, Glen Charlocks blutüberströmte Leiche sieht aus wie ein roher Truthahn. „Privatdetektive“, so Sportello später zu einem Freund, „sind zum Untergang verdammt, Mann.“ Als Hippie sowieso. „Man konnte das seit Jahren kommen sehen, im Kino, in der Glotze. Einst gab es all diese großen alten PI - Philip Marlowe, Sam Spade, den Detektiv aller Detektive Johnny Staccato, immer schlauer und professioneller als die Bullen, immer mit der Lösung des Verbrechens zur Hand, während die Bullen den falschen Spuren folgen und im Weg herumstehen.“ Aber nichts ist fieser, wie man aus Pynchons 1990 erschienenem Roman „Vineland“ weiß, „als ein alter Hippie, der sauer geworden ist“.

Die Paranoia, seine unverwechselbare Signatur

„Inherent Vice“ macht „Vineland“ den Rang als Pynchons zugänglichstes Buch streitig; Pynchon versucht sich an den Tricks und Spielchen der Pulp Fiction auf ähnlich packende Weise wie Cormac McCarthy in „Kein Land für alte Männer“ oder Denis Johnson in seinem 2008 zuerst im „Playboy“ veröffentlichten Thriller „Nobody Move“. Pynchons siebter Roman ist so amüsant wie die selbstironischen Auftritte des Großen Unbekannten bei den „Simpsons“, vermutlich stülpte sich Pynchon bei der Arbeit die gleiche Papiertüte über den Kopf, mit der er schon in einer Folge der Zeichentrickserie seine Identität verbarg, und benutzte sie am Ende sogar noch für einen großen Knall. Seine unverwechselbare Signatur ist freilich die Paranoia, die er wie einen kostbaren goldenen Faden in das Netz hineinspinnt, das sich um Doc Sportello zusammenzuziehen scheint, als Bigfoot Bjornsen ihn des Mordes an Glen Charlock verdächtigt.

Aber es ist ja auch ein dummer Zufall, dass Bigfoot Hippies nicht ausstehen kann und dass ausgerechnet Sportellos Exfreundin Shasta die neue Geliebte von Mickey Wolfmann ist und Sportello auf den ersten Seiten des von Pynchon ohne expositionellen Firlefanz eröffneten Romans von einer Verschwörung gegen den Immobilien-Tycoon erzählt hatte. Wolfmann ist „Westside Hochdeutsch-Mafia, der Größte unter den Großen“, so Sportellos Tante Reet, die neben dem an einem irrwitzigen Computernetzwerk strickenden Internet-Pioneer Fritz Drybeam, dem Daniel Düsentrieb des Romans, zu den verlässlichsten Informanten von Pynchons langhaarigem Bogey-Man zählt: „Bauwesen, Spargelder und Kredite“, so Tante Reet über Wolfmann, dessen Witterung der Karrierist Bigfoot Bjornsen, der die Ermordung von Sharon Tate und all die Manson-Hippies bereitwillig geringeren Detektiven überlässt, längst aufgenommen hat, „unversteuerte Milliarden gebunkert irgendwo unter den Alpen, eigentlich Jude, will aber Nazi sein, oft bis zur Gewalt hingerissen von denen, die vergessen, seinen Namen mit zwei ,n' zu schreiben.“

Ein Bigfoot, so warnte Pynchon schon früher, ist „höhere Gewalt“

Als Wolfmann und Shasta verschwinden (bereits auf Seite dreißig des furcht- und atemlos über die Klippen von Sinn und Verstand dahinjagenden Romans), verliert Bigfoot Bjornsen vorübergehend das Interesse an Sportello oder lässt ihn doch immerhin von der Leine, um die Aufmerksamkeit von Wolfmanns mutmaßlichen Entführern auf sich zu ziehen, die ja möglicherweise auch mit der Ermordung von Glen Charlock zu tun haben. Könnten. Bigfoot sammelt in seiner Freizeit Stacheldraht, Bigfoot ist irgendwie pervers: Ein Bigfoot, so warnte Pynchon bereits in „Vineland“, ist „höhere Gewalt“.

„Inherent Vice“ ist also der Roman, den niemand dem Autor von „Die Enden der Parabel“ zugetraut hätte, obwohl selbstverständlich auch Pynchons frühere Romane nicht nur aufgrund ihrer monumentalen intellektuellen Schwergewichtigkeit faszinieren, sondern zugleich dank der freilich gar nicht so leichtsinnigen Affäre, den der mittlerweile zweiundsiebzigjährige postmoderne Pyrotechniker mit dem Underground der amerikanischen Konsum- und Unterhaltungsindustrie unterhält. „Inherent Vice“ ist Pynchons Antwort auf die Kritiker, die seinen enzyklopädischen Romanen „Mason & Dixon“ oder „Gegen den Tag“ eine ermüdende Langatmigkeit vorwarfen, ein Geschenk an alle, die eigentlich immer schon mal was von Pynchon lesen wollten, bisher aber nie die Kurve gekriegt haben. „Inherent Vice“ dürfte wohl schließlich Pynchons Ticket nach Hollywood sein; Raymond Chandlers „Der große Schlaf“ steht dabei Pate.

Es erscheint ohne Ankündigung im Dunkel der Nacht

Pynchon erzählt von irren Surfern, die weit vor der kalifornischen Küste unbeobachtet Minuten lang durch Wellentunnel aus „solarem Blaugrün“ jetten, „der wahren und unerträglichen Farbe des Tageslichts“. Er erzählt von Sportellos Anwalt Sauncho, mit dem man vor allem in kritischen Situationen nur über Donald Duck reden kann, von Wolfmanns Gattin, die sich im Licht ihres Wohnzimmers wie eine Stummfilmdiva inszeniert und Tage nach dem mysteriösen Verschwinden ihres Mannes bereits die Rolle ihres Lebens einstudiert, die ihr das Witwentum zu versprechen scheint. Er erzählt von Shastas Freundin Hope, die nach dem vermeintlichen Tod ihres Mannes plötzlich eine unüberschaubare Menge Geld auf dem Konto hat, von Tod und Wiederauferstehung, von unstillbaren Leidenschaften und immer wieder von sich selbst, von Entropie im heißen „Summer of '69“: ebenjenem in der deutschen Übersetzung des jazzigen amerikanischen Romantitels freilich sehr viel weniger klangvollen „Selbstzerstörenden Defekt“, der nach Pynchons paranoidem Weltverständnis jedem System innewohnt und schließlich auch diesmal Sinn und Ordnung und alle Gewissheiten der Figuren torpediert.

Ein Schiff liegt draußen vor der Küste, man nennt es „Golden Fang“. Es erscheint ohne Ankündigung im Dunkel der Nacht; es ist der Fliegende Holländer, den Pynchon nach und nach zu einem rätselhaften Fixpunkt seines Romans werden lässt. Der Name des Schoners lautet in Wahrheit ganz anders, doch kurz vor seinem Verschwinden hat man beobachtet, wie Mickey Wolfmann an Bord des Schiffes ging, das schon auf Spionagemission gegen Fidel Castro gefahren sein soll und für die CIA Heroin aus dem Goldenen Dreieck schmuggelte. Die „Golden Fang“ ist Pynchons Geisterschiff auf dem großen Spiegel des Pazifiks, „von dem einige sagen“, wie es in einer der frühen Erzählungen des Schriftstellers heißt, „dass er der Graben sei, den der Mond auf der Erde zurückließ, als er sich von ihr losriss“. Eine Kifferphantasie? „Inherent Vice“ ist eines von Thomas Pynchons unwiderstehlichsten Büchern, hoffentlich lässt die deutsche Übersetzung nicht lange auf sich warten.

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