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Neues von Thomas Pynchon Auf dem Geisterschiff nach Hollywood

Nur die Selbstzerstörung bleibt weiter garantiert: Thomas Pynchons neuer, überraschend leichtgängiger Roman „Inherent Vice“ jagt Killer und Detektive atemlos durch die Hippie-Ära.

© Associated Press Vergrößern Eine Kifferphantasie? „Inherent Vice” ist eines von Thomas Pynchons unwiderstehlichsten Büchern

Psychedelisch, dieser neue Roman von Thomas Pynchon, der kaum drei Jahre nach der Veröffentlichung von „Gegen den Tag“ so unerwartet und schnell über uns kommt wie kein Buch von Pynchon zuvor und mit seinen nicht einmal vierhundert Seiten so viel Spaß macht wie ein fetter Joint. „Inherent Vice“ ist Helter-Skelter; „Inherent Vice“ ist Pynchons „Big Lebowski“, in dem Pynchons Dude, der Hippie Doc Sportello, im Los Angeles der späten sechziger Jahre den chandleresken Helden mimt.

Milchweißer Himmel über L.A., versmoggtes Sonnenlicht, das die ganze Stadt bekifft. Sportello teilt sich das Büro mit einem Arzt, der seinen Kunden halbsynthetisches „Vitamin B 12“ injiziert, die von Sportello betriebene Detektei läuft unter dem Namen LSD: Als Pynchons hartgesottener Detektiv beauftragt wird, bei einem gewissen Glen Charlock Schulden zu kassieren, ahnt der Leser bereits, welcher klassischen Storyline der Roman folgt.

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Charlock ist der Bodyguard des Immobilien-Visionärs Mickey Wolfmann, und Namen nimmt man bei Pynchon am besten immer beim Wort: Schon kurz nachdem Sportello in der noch im Bau befindlichen „Geisterstadt“ der Channel View Estates eingetroffen ist, Wolfmanns prestigeträchtigem Spekulationsobjekt an der Santa Monica Bay, und von den aus ihrer neighborhood verdrängten farbigen Bewohnern wie von heimatlosen Zombies umlauert wird, verliert er aus vorerst unerfindlichen Gründen das Bewusstsein.

hippie pynchon quer © Associated Press Vergrößern Eine Kifferphantasie? „Inherent Vice” ist eines von Thomas Pynchons unwiderstehlichsten Büchern

Der Blick verliert sich im Dunst; Duft von Nebel liegt in der Luft; der angenehme Geruch der Wüste unter dem Straßenpflaster: Pynchon beschreibt die halluzinative Atmosphäre seiner mal in abgetönten Pastellfarben, mal in grellem Neon-Pop gezeichneten Kifferphantasie wirklich sehr schön. Als Sportello Stunden später aus der Ohnmacht erwacht, kreist das Gesicht von Detective Lieutenant Bigfoot Bjornsen „wie ein Unglücksplanet im Tageshoroskop“ über ihm, Glen Charlocks blutüberströmte Leiche sieht aus wie ein roher Truthahn. „Privatdetektive“, so Sportello später zu einem Freund, „sind zum Untergang verdammt, Mann.“ Als Hippie sowieso. „Man konnte das seit Jahren kommen sehen, im Kino, in der Glotze. Einst gab es all diese großen alten PI - Philip Marlowe, Sam Spade, den Detektiv aller Detektive Johnny Staccato, immer schlauer und professioneller als die Bullen, immer mit der Lösung des Verbrechens zur Hand, während die Bullen den falschen Spuren folgen und im Weg herumstehen.“ Aber nichts ist fieser, wie man aus Pynchons 1990 erschienenem Roman „Vineland“ weiß, „als ein alter Hippie, der sauer geworden ist“.

Die Paranoia, seine unverwechselbare Signatur

„Inherent Vice“ macht „Vineland“ den Rang als Pynchons zugänglichstes Buch streitig; Pynchon versucht sich an den Tricks und Spielchen der Pulp Fiction auf ähnlich packende Weise wie Cormac McCarthy in „Kein Land für alte Männer“ oder Denis Johnson in seinem 2008 zuerst im „Playboy“ veröffentlichten Thriller „Nobody Move“. Pynchons siebter Roman ist so amüsant wie die selbstironischen Auftritte des Großen Unbekannten bei den „Simpsons“, vermutlich stülpte sich Pynchon bei der Arbeit die gleiche Papiertüte über den Kopf, mit der er schon in einer Folge der Zeichentrickserie seine Identität verbarg, und benutzte sie am Ende sogar noch für einen großen Knall. Seine unverwechselbare Signatur ist freilich die Paranoia, die er wie einen kostbaren goldenen Faden in das Netz hineinspinnt, das sich um Doc Sportello zusammenzuziehen scheint, als Bigfoot Bjornsen ihn des Mordes an Glen Charlock verdächtigt.

Aber es ist ja auch ein dummer Zufall, dass Bigfoot Hippies nicht ausstehen kann und dass ausgerechnet Sportellos Exfreundin Shasta die neue Geliebte von Mickey Wolfmann ist und Sportello auf den ersten Seiten des von Pynchon ohne expositionellen Firlefanz eröffneten Romans von einer Verschwörung gegen den Immobilien-Tycoon erzählt hatte. Wolfmann ist „Westside Hochdeutsch-Mafia, der Größte unter den Großen“, so Sportellos Tante Reet, die neben dem an einem irrwitzigen Computernetzwerk strickenden Internet-Pioneer Fritz Drybeam, dem Daniel Düsentrieb des Romans, zu den verlässlichsten Informanten von Pynchons langhaarigem Bogey-Man zählt: „Bauwesen, Spargelder und Kredite“, so Tante Reet über Wolfmann, dessen Witterung der Karrierist Bigfoot Bjornsen, der die Ermordung von Sharon Tate und all die Manson-Hippies bereitwillig geringeren Detektiven überlässt, längst aufgenommen hat, „unversteuerte Milliarden gebunkert irgendwo unter den Alpen, eigentlich Jude, will aber Nazi sein, oft bis zur Gewalt hingerissen von denen, die vergessen, seinen Namen mit zwei ,n' zu schreiben.“

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Veröffentlicht: 31.07.2009, 09:59 Uhr