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Neues über García Márquez : Das Wunderbare ist rehabilitiert

Wandmalerei in Aracataca, Kolumbien Bild: AP

Der Brite Gerald Martin hat eine große Biographie über Gabriel García Márquez geschrieben. Sie beschreibt den Aufstieg des Kolumbianers vom bettelarmen Studenten zum Popstar, der so sicher auf seinem Thron sitzt wie Mickymaus.

          Am 9. April 1948 gegen 13 Uhr verlässt Jorge Eliécer Gaitán, der charismatischste politische Führer, den Kolumbien im zwanzigsten Jahrhundert hervorgebracht hat, seine Anwaltskanzlei in Bogotá, um mit Kollegen aus der Liberalen Partei zu Mittag zu essen. Da tritt auf der Straße ein Mann auf ihn zu und feuert aus nächster Nähe mehrere Schüsse ab. Gaitán stirbt kurz darauf. Was folgt, ist völliges Chaos, das als „Bogotazo“ in die Geschichte einging. Bei den Ausschreitungen und Plünderungen durch Gaitáns Anhänger, die hinter dem Mord die Konservativen vermuten, verlieren zahlreiche Menschen ihr Leben.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Nicht weit entfernt hat ein junger Journalist namens Gabriel García Márquez in seiner billigen Pension gerade zu Mittag gegessen. Und nur ein paar hundert Meter weiter macht sich ein einundzwanzigjähriger kubanischer Studentenführer zu einer Verabredung bereit. Der blutjunge Fidel Castro muss Gaitán bei einem Treffen zwei Tage zuvor sehr beeindruckt haben, denn für den Tag, an dem er ermordet wurde, hatte der Führer der Liberalen ihm für 14 Uhr einen weiteren Termin gewährt.

          Der erste „globale Roman“

          Solche symbolisch aufgeladenen Koinzidenzen prägen das Leben von Gabriel García Márquez von Anfang an. Hier findet alles zusammen, der wache Sinn des jungen Autors, der Tumult, die Aura der Macht und der Fluch politischer Gewalt, der die Geschichte Lateinamerikas in so fürchterlicher Weise bestimmt. Viele Jahre später wird der „Bogotazo“ märchenhafte Dimensionen annehmen. Seine Pension sei damals abgebrannt, behauptet der Nobelpreisträger, und alle seine Storys seien verloren gewesen. Die Wahrheit ist wohl, dass García Márquez und seine Freunde zu Ende aßen und sich danach an den Plünderungen beteiligten. Allenfalls der Verlust seiner Schreibmaschine dürfte authentisch sein, weil auch das Pfandleihhaus ausgeraubt worden war; dafür hielt sich der einundzwanzigjährige Nachwuchsautor mit einer erbeuteten Aktentasche aus Kalbsleder schadlos.

          Im Jahr 2002 mit Fidel Castro

          „Gabriel García Márquez: A Life“, erschienen beim Londoner Bloomsbury Verlag, ist die umfangreichste und bestdokumentierte Biographie, die dem Kolumbianer jemals gewidmet wurde. Dass sie von Gerald Martin stammt, einem Experten für lateinamerikanische Literatur, hat nicht nur den Vorteil britischer Nüchternheit, sondern holt den schreibenden Weltstar auf den Boden der soziokulturellen Tatsachen zurück. Das macht ihn aber nicht kleiner, im Gegenteil. Martin argumentiert völlig überzeugend, dass García Márquez die alles beherrschende Figur nach dem Verschwinden der großen Modernisten ist. Drohte sich die literarische Debatte der Nachkriegszeit zwischen Engagement und Elfenbeinturm zu verzetteln, rissen die Bücher des magischen Realismus entschlossen die Fenster auf und zeigten den etwas ausgemergelten Schriftstellern Europas und Nordamerikas, dass man beides haben konnte. „Hundert Jahre Einsamkeit“, der Roman, mit dem sich García Márquez 1967 in die Weltliteratur schrieb, verzückte die Universitätsphilologen ebenso wie das Massenpublikum. Epochengeschichtlich steht dieser erste „globale Roman“, wie Martin ihn nennt, noch in Verbindung mit der Höhenkamm-Literatur der Moderne, kündigt aber schon spätere Bestseller-Phänomene wie Umberto Eco und Patrick Süskind an.

          Seit drei Jahrzehnten allein auf dem Thron

          Es geht also nicht um die ansonsten übliche Frage, ob einem die Werke dieses Autors gefallen, sondern um die schlichte Erkenntnis, dass die Geschichte des literarischen Geschmacks der letzten Jahrzehnte ohne García Márquez nicht geschrieben werden könnte. Dieser Autor hat die Phantastik und das Wunderbare rehabilitiert. Millionen Leser beziehen ihre einzige Ahnung vom lateinamerikanischen Kontinent aus seinen Schilderungen. Viele seiner Buchtitel sind zu geflügelten Worten geworden. Ob er seine karibische Männerfreundschaft zu Fidel Castro pflegt oder die Lewinsky-Affäre mit einem frivolen Essay (Titel: „Warum mein Freund Bill lügen musste“) begleitet, nichts kann ihm politisch etwas anhaben, weil er kein „Intellektueller“ ist, sondern ein Massenphänomen, das seinerseits Politik betreibt. Vor und hinter den Kulissen.

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