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Neuer Aufsatz von Botho Strauß : Polemik oder Hilferuf?

  • -Aktualisiert am

Zwanzig Jahre nach dem Essay „Anschwellender Bocksgesang“ veröffentlicht er den „Plurimi-Faktor“: Botho Strauß Bild: Ruth Walz

Botho Strauß wagt sich mit dem Manifest „Der Plurimi-Faktor“ ins Freie. Sein Thema ist der Außenseiter, doch im Kern des Textes ist nur Platz für ihn selbst. So kann seine Polemik auch als Hilferuf gelesen werden.

          Wer Botho Strauß ist, lässt sich nicht so leicht sagen. Beginnen wir also damit, wer Botho Strauß einmal war, nämlich ein gefeierter Dramatiker und Schriftsteller, ein brillanter Phänomenologe seiner Umwelt, des gezupften und gelifteten Mittelstands; einer, der mit Stücken und Kurzprosa gesellschaftliche Zusammenhänge ins Blitzlicht der Selbsterkenntnis rückte. Wenngleich sich die Leser schon immer am Umständlichen und Kapriziösen seiner Formulierungen schieden, ist zumal der Band „Paare, Passanten“ eine literarische Ikone, ein Buch, das in jedem bildungsbürgerlichen Regal seinen Platz hat, seit gut dreißig Jahren.

          Zum Verständnis des Phänomens Botho Strauß muss auch sein Essay „Anschwellender Bocksgesang“ erwähnt werden. 1993 hatte er unter dieser Überschrift höchst umstrittene und insofern durchaus produktive kulturpolitische Thesen und Thesensplitter veröffentlicht. Jetzt, zwanzig Jahre später, legt er die Reprise seiner damaligen Bilanz vor: „Der Plurimi-Faktor“. Damals wie heute gewährt ein Vorabdruck im „Spiegel“ erste Einblicke in seine Überlegungen; Ende August folgt das Buch „Lichter des Toren“ im Diederichs Verlag, wo man dem Autor, der eigentlich bei Hanser beheimatet ist, den Ausflug offenbar schmackhaft machen konnte.

          Mit dem Mittel der Exklusion

          „Anmerkungen zum Außenseiter“ ist der Aufsatz untertitelt, der mit gesellschaftlichem Geltungsanspruch doch nur die eigene Position seismographisch umkreist. Zwar geißelt Strauß, wenig überraschend, den „Götzendienst vor dem Populären“ und den liebedienerischen Pakt der Kunst „mit Quoten und breitem Publikum“, der eine „stete Anpassung nach unten“ verlange. Vage träumt er von einer untergründig verbundenen Elite als Schutzraum, einem „geistigen Myzel“, das auf der „substantiellen Trennung der vielen oder Ausgeschlossenen von den wenigen oder Einbeschlossenen“ beruht. (Sprachlich arbeitet Strauß schon länger mit der Exklusion.) „Wir anderen“ - selbst der Außenseiter sieht sich also nicht ganz isoliert - „müssen neue, unzugängliche Gärten bauen!“ Gegenfrage: Wozu den Kunstbegriff auf „Brennpunktgröße“ verengen, wenn es ohnehin kaum noch Menschen gibt, die zu seinem Verständnis berufen sind?

          Zwar fehlen dem „Plurimi-Faktor“ die Verve und der Stachel des „Bocksgesangs“. Dennoch gibt es nur wenige Schriftsteller, deren Blick solche geistigen Erträge verspricht. Denn Strauß, der seit langem zurückgezogen in der Uckermark lebt, ist einer der letzten Solitäre. Sein Außenseitertum mag ein mitunter erlittener Zustand sein - Pose ist es nicht. Am Ende hat sich Strauß zum „großen schweren Ja“ nie durchringen können. Das bewies zuletzt im Frühjahr der Band „Fabeln von der Begegnung“, in dem der Grundton misanthropischer Bitternis die Zartheit der Beobachtungen mitunter erstickte.

          Überhöhung als Prinzip

          In seinem aktuellen Aufsatz scheint aus dem einstigen „Gegenwartsnarr“ ein weinender Clown geworden. Denn für Strauß ist in den vergangenen zwanzig Jahren nichts besser geworden. Das gilt, uneingestanden, auch für die eigene Position. Der Dichter der Stunde von 1993 ist heute ein praktisch nicht mehr aufgeführter Dramatiker, auch als Prosaist erlebt er seit Jahren das Nachlassen von Auflagen und Ruhm. Botho Strauß ist nicht mehr nur Beobachter der Angst davor, dass alles verschwindet, er ist Betroffener. In diesem Kontext liest sich „Der Plurimi-Faktor“ nicht als Polemik, sondern als Hilferuf.

          Der Versuch, die eigene Not zur Tugend zu erklären, wäre effektvoll statt nur anrührend, wenn Strauß mit offenen Karten spielte. Stattdessen pflegt er einen überkommenen Gestus der Überhöhung, der die eigene, ausgesprochen reaktionäre Position zu der eines „Geschichtsmythologen“ verklärt, der wenigstens noch reagiere, wo „andere stumm und willfährig bleiben“. Ähnliche Widersprüche bietet der Text zuhauf. Einerseits wendet sich Strauß gegen das Internet, das „nichts und niemanden ausschließt“, dann hofft er auf eine „Resakralisierung“ des Buchs in Zeiten, „da auf fünf Autoren ein Leser“ kommt und Läden wie Saturn und Apple zu den „Kult- und Feierstätten“ unserer Gesellschaft geworden sind.

          Die Bewunderung für den „grandiosen und empfindlichen Kosmos des Miteinander“, die Strauß noch vor zwanzig Jahren bekannte, ist der Abscheu gewichen - und einer Ratlosigkeit. Denn selbst die Artikulation eines moralischen Standpunkts kann bestenfalls „eine Alarmanlage für eingeschlafene Füße des Geistes“ sein, wie auch Strauß zugesteht.

          Konsequent wäre es gewesen, solche Gedanken, statt im „Spiegel“ etwa in den „Scheidewegen“, der „Jahresschrift für skeptisches Denken“, zu veröffentlichen und sich damit sichtbar dorthin zu stellen, wo er sich selbst verortet. Doch noch - und das ist womöglich die eigentliche, positive Botschaft dieses ziellos apokalyptischen Essays - hat Botho Strauß die Hoffnung darauf, gehört, vielleicht sogar verstanden zu werden, nicht aufgegeben.

          Quelle: F.A.Z.

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