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Zum Tod von Walter Hinck : Ein Leser, den man nicht enttäuschen wollte

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Dank der Beweglichkeit seines Geistes ein unbestechlicher Kompass für Schriftsteller wie Leser: Walter Hinck. Bild: Jürgen Bauer

Vergangenheitsverklärung war ihm suspekt, wie seine Figuren war er immer offen für einen Neuanfang: Zum Tod des großen Germanisten, Literaturkritikers und Erzählers Walter Hinck.

          Die Nachricht vom Tod Walter Hincks trifft nicht nur jene, die das Glück hatten, diesen stets hellwachen, zugewandten, bescheidenen und liebenswürdigen Herrn persönlich zu kennen, nicht nur die Scharen jener, die als Germanistikstudenten bei ihm begannen und als Literaturliebhaber die Universität Köln verließen, nicht nur die vielen Freunde, darunter zahlreiche Schriftsteller, die den Austausch mit ihm schätzten. Nein, Walter Hincks Tod wird auch jenen nahegehen, die ihn ausschließlich vom Lesen kannten, ob aus seinen zahlreichen Buchveröffentlichungen zum deutschen Drama, zu Goethe, Heinrich Heine und, immer wieder, zu Bertolt Brecht, aus seinen Schriften zur Lyrik, aus seinen einfühlsamen Gedichtinterpretationen für die „Frankfurter Anthologie“ oder aus den fast neunhundert Rezensionen, die er über vier Jahrzehnte hinweg für dieses Feuilleton verfasste – die letzte erst vor wenigen Monaten.

          Wie aus dem ungemein beweglichen Walter Hinck eine ganz und gar nicht starre Institution werden konnte, nämlich ein zuverlässiger, unbestechlicher Kompass für Schriftsteller wie für Leser, lässt sich aus diesen Texten ermessen. In allem, was er schrieb, tritt sein Wesen zum Vorschein, neugierig, unvoreingenommen, um Gerechtigkeit bemüht – und stets voller Erwartungen. Hinck war ein nobler Leser, den man nicht enttäuschen wollte.

          Eine Sympathie für Außenseiter

          Zum eigenen literarischen Veröffentlichen entschloss er sich erst spät. Frisch emeritiert, wandte er sich erstmals der eigenen Biographie als Sujet zu. In „Im Wechsel der Zeiten – Leben und Literatur“ (1998) erzählt er, mit typischer Verknappung, von seiner Zeit in der Hitlerjugend, als Soldat in Frankreich und Russland und von den entsetzlichen Jahren der Kriegsgefangenschaft in Jugoslawien, die er sich mit der selbstmörderisch mutigen Weigerung eingehandelt hatte, Titos Geheimdienst zuzuarbeiten. In „Jahrgang 1922“ zeichnete er dann nicht nur ein Bild der gesamtdeutschen Verhältnisse, in die er als Sohn eines Schneiders in Selsingen bei Bremen hineingeboren wurde, sondern zeigte am eigenen Beispiel die Einflüsse auf, die seine Generation durchs Leben begleiteten. Die oftmals nicht wirklich verarbeitete, sondern lediglich verschüttete Präsenz schmerzlicher früherer Erlebnisse beleuchtete er in seinem Prosadebüt, dem Erzählungsband „Die letzten Tage in Berlin“, das er mit regen neunundachtzig Jahren veröffentlichte. Und auch in den Geschichten von „Wenn aus Liebesversen Elegien werden“, dem erst kürzlich erschienenen Nachfolgeband, stehen Menschen im Mittelpunkt, die sich unvermutet mit der Vergangenheit konfrontiert sehen.

          Die Verortung des Gegenwärtigen in der Geschichte war Hinck ein besonderes Anliegen und damit verbunden auch die aktuelle Lesart historischer Texte. Sein Standort blieb dabei stets das Hier und Jetzt; Vergangenheitsverklärung war ihm suspekt. Seine Blickrichtung ging vom Allgemeinen ins Besondere, vom Exemplarischen zum Individuellen. Ob als Wissenschaftler, Lehrer und Publizist, als Leser oder als Rezensent: Nie bekam man von ihm, diesem immens Belesenen, ein abwinkendes „Kenne ich schon“ zu hören, sondern seine Neugier auf alles Neue war schier unerschöpflich. Dabei galt seine besondere Sympathie Außenseitern und Anfängern, von denen er unzählige vor dem Übersehenwerden bewahrte.

          So klar er gerade auch negative Urteile begründete und formulierte, sucht man Verrisse aus seiner Feder vergeblich. Das hatte nicht nur mit der ihm eigenen Höflichkeit zu tun, sondern vor allem mit seinem Wunsch, der Literatur zu einer möglichst großen Öffentlichkeit zu verhelfen – eines von vielen Anliegen, das ihn mit Marcel Reich-Ranicki, der ihn in den siebziger Jahren zur Zeitung holte, verband.

          Die Schriftstellerin Ulla Hahn, Hinck-Schülerin und -Freundin, schreibt im Nachwort zu seinem letzten Erzählungsband, Hincks Figuren seien „immer offen für einen Neuanfang“, darin liege ihre Fähigkeit zur Versöhnung. Und, so möchte man hinzufügen, ihre einnehmende Lebensnähe. Am Freitag ist Walter Hinck im Alter von 93 Jahren in Landau an der Pfalz gestorben. Er fehlt uns.

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