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Monika Maron ist siebzig : Im Land der zwei Brüder

Gern auch mit Hund unterwegs: Monika Maron am „Bitterfelder Meer”, dem Großen Goitsche See Bild: Andreas Pein

Ihre Romane haben repräsentative Qualität: Sie vermessen die jüngere deutsche Geschichte in den Geschichten weiblicher Hauptfiguren. Als engagierte Autorin verteidigt sie das Recht auf Individualität. Heute feiert Monika Maron siebzigsten Geburtstag.

          Mit einer einzigen, zudem geringen Abweichung hat die am 3. Juni 1941 im Osten Berlins geborene Erzählerin Monika Maron ihre bisher sechs Romane von 1981 an in Fünfjahresschritten publiziert. Sie heißen, der Reihe nach, „Flugasche“, „Die Überläuferin“, „Stille Zeile sechs“, „Animal triste“, „Endmoränen“ und „Ach Glück“.

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          Die geringe Abweichung ist einem gewichtigen familiengeschichtlichen Exkurs geschuldet, der 1999, drei Jahre nach „Animal triste“ und drei Jahre vor den „Endmoränen“, zum Band „Pawels Briefe“ führte - einer dokumentarischen, zugleich autobiographischen Recherche über den Großvater Pawel Iglarz, einen polnischen Juden, der 1907 als junger Mann nach Berlin kam und dessen Spur sich im August 1942 entweder im Getto Belchatow oder im KZ Kulmhof verliert.

          Aber es ist nicht nur die zeitliche Folge, die dem genuin literarischen Werk der Monika Maron eine innere Ordnung, mehr noch: eine stupende Symmetrie verleiht. Die ersten drei Romane spielen in und handeln von der DDR, Ausgangsort der drei jüngeren ist das wiedervereinte Berlin. Überdies gibt es von „Flugasche“ bis zu „Animal triste“ einen steten Wechsel von Außen- und Innenperspektive, was, im Geist der deutschen Romantik, eine signifikante Entgegensetzung von Tag- und Nachtbüchern zur Folge hat.

          „Animal triste” heißt der große Liebesroman von Monika Maron. Man sollte ihn unbedingt lesen.
          „Animal triste” heißt der große Liebesroman von Monika Maron. Man sollte ihn unbedingt lesen. : Bild: dapd

          Nachruf auf die untergehende DDR

          Ganz zur Gesellschaft hin gewandt ist „Flugasche“, der erste kritische Umweltroman der DDR, der, wie alles von Monika Maron bis 1989, nur im Westen erscheinen konnte. „Die Überläuferin“ spielt fast ausschließlich in Inneren einer Ost-Berliner Wohnung, Rosalind Polkowski, die Hauptfigur, hat sich arbeitsverweigernd ihrer Umwelt entzogen und füllt ihre nächtlichen Albträume mit surrealen Szenen und schwarzer Phantasie. „Stille Zeile sechs“ nimmt die öffentliche Biographie des kommunistischen Funktionärs Beerenbaum unter die Lupe und gerät zum Nachruf auf die gerade untergehende DDR.

          „Animal triste“ macht aufs Neue die Wohnungstüren zu und feiert das Ausschließliche einer unbedingten Liebe in der Trauer um deren Ende. Synthesen aus Tag- und Nachtbüchern sind schließlich die jüngsten Romane. Im Mittelpunkt von „Endmoränen“ und „Ach Glück“ steht jeweils die Mittfünfzigerin Johanna, die ein Landhaus an der polnischen Grenze besitzt, mit einer gelassenen, bisweilen an Fontane erinnernden Unruhe über das Altern nachsinnt, aber noch zu existentiellen Auf- und Ausbrüchen bereit ist. Am Ende von „Ach Glück“ landete Johanna 2007 in Mexiko, um sich auf die Spur der vor wenigen Tagen gestorbenen Künstlerin Leonora Carrington zu machen, die eine von Johannas Freundinnen für „die Verkörperung eines gelungenen Lebens“ hält.

          Das bisherige Romanwerk der Monika Maron hat, soweit die Literatur in unserer Zeit dazu überhaupt noch befähigt ist, repräsentative Qualität. Es vermisst die jüngere deutsche Geschichte in den Geschichten weiblicher Hauptfiguren. Es findet wechselnde Töne und Erzähltableaus, um in immer neuen Anläufen auf einem zentralen Postulat zu beharren - auf dem höchst Individuellen eines je einzelnen Lebens, das sich deshalb stets aufs Neue gegen die Gesellschaft, gegen die politischen und sozialen Herausforderungen verteidigen muss.

          Eine glaubensferne Liberalität

          Dass diese Selbstverteidigung alles andere als einen Rückzug in Innerlichkeiten bedeutet, hat die politische Essayistin Monika Maron über die Jahrzehnte hinweg unter Beweis gestellt. Zunehmend unfreiwillig und widerständig, hatte sie als Jugendliche und junge Frau zur Nomenklatura der DDR gehört - ihr Stiefvater Karl Maron war von 1955 an acht Jahre lang Innenminister in Ost-Berlin, ihre Mutter Hella blieb auch nach der Wende eine zumindest zunächst noch überzeugte Kommunistin. Deutschland als Land der „Zwei Brüder“ - so der Titel ihrer Essaysammlung aus dem vergangenen Jahr - war und ist auch deshalb ihr natürliches Thema.

          Sie hat sich dieses Themas in unmissverständlicher Diktion angenommen, zudem mit einem nimmermüden Engagement gegen das Infragestellen der Wiedervereinigung. „Bitterfelder Bogen“, die große Reportage von 2009, schlug journalistisch den Bogen zurück zu ihrem ersten Roman. Hatte sie dort von den Verheerungen sozialistischer Industrialisierung erzählt, so konnte sie nun in lakonischer Prägnanz vom Aufbau eines Solarparks und dem Entstehen Tausender Arbeitsplätze berichten.

          In der aktuellen Integrationsdebatte findet man sie an der Seite von Necla Kelek, eine nachvollziehbare Konsequenz aus ihrer säkularen, deshalb religionsskeptischen und bewusst glaubensfernen Liberalität. Heute, am Freitag, feiert Monika Maron ihren siebzigsten Geburtstag.

          Quelle: F.A.Z.

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