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Veröffentlicht: 19.01.2016, 08:21 Uhr

Michel Tournier ist tot Merci la vie

Michel Tournier ist gestorben: François Mitterrand hatte den französischen Schriftsteller, der Deutschland liebte, für den Nobelpreis vorgeschlagen – er hätte ihn verdient gehabt.

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© AFP Michel Tournier, hier auf einer Aufnahme aus dem Jahr 2005

In einem Schriftsteller-Lexikon, für das die Autoren ihre Einträge selber verfassen mussten, datierte er seinen Tod auf das Jahr 2000. Doch das Alter, in dem sein Vater, sein Großvater und weitere männliche Vorfahren  verstarben, erreichte er bei bester Gesundheit. Er holte uns jeweils mit seinem Golf an der RER-Endstation im Chevreuse-Tal bei Paris ab, vierzig Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Michel Tournier bewohnte das ehemalige Pfarrhaus von Choisel. Er hatte es mit dem Geld, das er verdiente, als er 1967 für den „Erlkönig“ den Goncourt-Literaturpreis bekam, kaufen können. Das Taxi, das uns letzte Mal hinbrachte, hatte große Mühe, es zu finden. Tournier ging am Stock. Er hatte einen Oberschenkelbruch erlitten, und der Chirurg hatte bei der Operation gepfuscht: “Ich schaffe es gerade noch bis zur Mauer, die meinen Garten begrenzt

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Nach dem Goncourt für den „Erlkönig“ wurde er selber Mitglied der Goncourt-Jury und sorgte dafür, dass nach ihm auch Patrick Modiano den wichtigsten Pariser Literaturpreis bekam. Modiano und Tournier sind die beiden französischen Schriftsteller, die sich auf sehr unterschiedliche Weise, aber fast schon als Obsession mit der Vergangenheit Frankreichs und dem Faschismus beschäftigt. Nach dem Nobelpreis für Modiano schwärmte Tournier von dessen Literatur und freute sich über die Auszeichnung, für die er selber lange als Favorit galt und die er noch mehr verdient hätte. Mitterrand, der sich für seine regelmäßigen Besuche in Choisel im Hubschrauber hinfliegen ließ, hatte ihn der Jury nachhaltig empfohlen. Nachdem er an Claude Simon ging, wurde Tournier vergessen: „Es ist nicht so wichtig, ihn zu haben. Wichtiger ist, dass die Leute glauben, man habe ihn bekommen.“

Tournier, der Spätzünder

Michel Tournier war ein Spätzünder, der mit seinen frühen Büchern auch gleich seine Meisterwerke vorlegte. Sein Erstling, der moderne Robinson-Roman „Freitag oder im Schloss das Pazifik“, ist zum weltweiten Klassiker geworden – nicht nur der Jugendlichen, die Tournier stets als das anspruchsvollste Publikum bezeichnet hat, „Nils Holgersson“ ist sein Lieblingsbuch. Im „Erlkönig“ entfaltet er seine etwas seltsame Liebe zu Deutschland, vor allem zu Preußen. Er verknüpft darin die ästhetische Faszination des Faschismus mit der heimlichen Lust an der verbotenen Homoerotik. Der Roman war einer der Auslöser von Frankreichs Vergangenheitsbewältigung. Auch in der Autobiographie „Der Wind Paraklet“, die er in jungen Jahren schrieb, sind Vichy ein paar Anekdoten gewidmet, die erste Korrekturen am Résistance-Mythos vornahmen.  

Zum anderen Deutschland unterhielt er ebenfalls eine intensive Beziehung. Er wurde in der DDR eifrig verlegt. Nicht erscheinen durfte allerdings sein großer Roman „Zwillingssterne“ über den Bau der Berliner Mauer, der Tournier eine akribische Beschreibung widmet. Sie wurde, so die Pointe des Romans, nur errichtet, um seine Zwillinge endgültig zu trennen – nachdem sie sich auf einer Reise durch die halbe Welt gesucht hatten. Nach der Wende wollte er dem „ideologischen Staat“ und seinen Schwimmerinnen einen großen Roman nachschicken. Auch das Projekt über die Pariser Métro kam nicht über ausgedehnte Recherchen hinaus.  

Immer wieder der Blick nach Deutschland

Ziemlich dreist hatte sich Tournier schon in seinen ersten Romanen der ganz großen Stoffe angenommen: Es geht um Deutschland, in „Freitag“ um den „guten Wilden“, in „Der Goldtropfen“ um die Magie der Bilder. Auch einen Roman über das Christentum – über die Heiligen Drei Könige – hat er geschrieben. Michel Tournier erneuert die Mythen und schafft neue: Sie sind bekanntlich die Themen, die in er Weltliteratur überleben.

Gallimard will dieses Werk zu Lebzeiten in der Dünndruckbibliothek Pléïade herausbringen. Dafür ist ist es nun zu spät – aber natürlich wird die Klassikerweihe kommen. Tournier freute sich über die Ehre, die einem Nobelpreis entspricht. Dass er wegen seiner Gehbehinderung mehr bei den Goncourts dabei sein konnte, bedrückte ihn wenig: „Die Völlerei war grauenhaft“, schimpfte er am Telefon. „Geistig geht es ganz gut, aber physisch ist das Altern ein Schiffbruch. Ich schlafe im oberen Stockwerk und sehe den Moment kommen, an dem ich einen Treppenlift einbauen muss.“

Herrliche Beobachtungen aus dem Alltag

In den vergangenen drei Monaten konnte er sein Haus überhaupt nicht mehr verlassen. Sein großartiger Briefwechsel mit seinem deutschen Übersetzer Helmut Waller, dem er auf Kassetten mündlich aus seinem Leben berichtete, ist kürzlich in Frankreich verlegt worden. Ansonsten erschöpfte sich Michel Tourniers Kreativität seit langem in kleineren Schriften. Es sind herrliche Beobachtungen, Aufzeichnungen, Berichte aus dem Alltag. Keine Tagebücher, Tournier spricht von einem „journal extime“, jegliche Innerlichkeit sei ihm fremd. Schon der Verlust der Freiheiten, die ihm das Auto erschloss, hatte ihn getroffen: „Es ist nicht schön, hier lebendig begraben zu sein. Ich fuhr durch ganz Deutschland, nach Italien, in die Bretagne, ich liebte es, bei Flut im Meer zu baden und bei Ebbe lange Spaziergänge am Strand zu machen.“

Hinter seinem Garten liegt gleich der Friedhof des Dorfes. „Mein Grab ist bereit“, sagte er uns. Die letzten Telefongespräche betrafen seine Brief an Helmut Walle. Und fügte bei: „Die die in Marmor gemeißelte Inschrift steht fest: ‚Ich hab‘ dich geliebt. Du hast es mir hundertfach zurückgegeben. Merci la vie‘.“ Gestern Abend um neunzehn Uhr ist Michel Tournier im Alter von 91 Jahren gestorben.

Quelle: F.A.Z.

 

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