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Meine Erinnerungen an Gabriel García Márquez : Hundert Jahre Einsamkeit im Nachtclub

  • -Aktualisiert am

Gabriel García Márquez im Jahr 2002 Bild: CAMERA PRESS/Sally Soames

Wie er mich einmal vor Fidel Castro verteidigte. Und wie ich im Nachtclub auf die Fortsetzung von „Hundert Jahre Einsamkeit“ wartete: Erinnerungen an Begegnungen mit Gabriel García Márquez.

          Ich hatte mich wohl falsch plaziert, im großen Saal des Revolutionspalastes, beim Empfang, den Fidel Castro während des Lateinamerikanischen Filmfestivals im Dezember 1994 in Havanna gab. Ich stand zufällig gleich neben der Tür, durch die der „Máximo Líder“, begleitet von Gabriel García Márquez, in den Saal trat. Als Ersten schaute Castro auf mich, der nicht eingeladen war, kam mit großen Schritten auf mich zu und fragte nicht eben freundlich: „Was machst du denn hier?“ Bevor ich dem Staats-, Regierungs- und Parteichef Kubas erklären konnte, dass ich außer meiner journalistischen Arbeit als Regisseur und Schauspieler auch Filme gemacht hatte, also genau zu diesem Empfang für Filmschaffende passte, griff der Literaturnobelpreisträger García Márquez in das Gespräch ein. „Comandante“, sagte er, „du weißt doch, dieser Mann hat viel für unsere lateinamerikanische Literatur getan. Wenn einer es verdient hat, hier zu sein, dann ist er es.“ Wie fast immer schien Castro seinem Freund García Márquez recht zu geben, beugte sich aus der Höhe zu dem kleingewachsenen Schriftsteller herab, nahm ihn am Arm und zog ihn wie einst Don Quijote den Sancho Pansa durch die Ebene der Mancha von mir weg durch den großen Saal dahin.

          Von Castro sagte man in Kuba, er habe das Gedächtnis eines Elefanten, und natürlich wusste er genau, wen er zu dem Empfang eingeladen hatte: Ich war nicht dabei gewesen. Doch kubanische Freunde, die Organisatoren des Festivals, hatten mir eine Einladung besorgt, die nur einen Schönheitsfehler hatte. Sie lautete auf den Namen Bernardo Bertolucci. Allerdings war der berühmte italienische Regisseur am Tag des Empfangs noch nicht in Havanna eingetroffen.

          So entging er dem Cervantes-Preis

          Gabo, wie García Márquez sich von seinen Freunden nennen ließ, war nie ein unterwürfiger Intellektueller am Hofe des Diktators Fidel Castro gewesen. Er machte aus seiner grundsätzlichen Zustimmung zur kubanischen Revolution keinen Hehl; damit war es ihm möglich, von Castro die Freilassung zahlreicher kubanischer und ausländischer Dissidenten zu erreichen. Einen beachtlichen Teil des Geldes vom Nobelpreis spendete García Márquez der von ihm gegründeten Filmhochschule in Havanna. Fidel Castro wiederum benutzte den Schriftsteller zur Rechtfertigung seines Verbleibens an der Macht. Als ihn 1991 beim Besuch des spanischen Politikers Fraga Iribarne eine spanische Journalistin fragte: „Da Sie sich immer als Angehörigen einer Zivilisation bezeichnet haben, in der die Menschen mit 65 Jahren ihren Arbeitsplatz verlassen, wäre es nicht gut, sich jetzt, da Sie gerade 65 geworden sind, von ihrem dreifachen Arbeitsplatz als Partei-, Regierungs- und Staatschef zurückzuziehen?“, antwortete Castro mit der Gegenfrage, ob sie auch García Márquez empfehlen würde, mit 65 Jahren den Griffel hinzulegen. Der habe nämlich sein Werk auch noch nicht abgeschlossen.

          Der amerikanische Präsident Clinton lud García Márquez zusammen mit dem mexikanischen Schriftsteller Carlos Fuentes im August 1994 zu einem Abendessen ein, um sich dabei vorwiegend über Kuba und Castro zu unterhalten. Kurz danach, als Fuentes im nordspanischen Oviedo den Prinz-von-Asturien-Preis erhielt, kam García Márquez zur Preisverleihung in die Hauptstadt Asturiens. Bei einem gemeinsamen Abendessen zeigten sich beide Schriftsteller beeindruckt von der Belesenheit Clintons. Der habe nicht nur ständig Faulkner zitiert, sondern auch den ganzen „Don Quijote“ gelesen. García Márquez hatte übrigens darum gebeten, ihm nach dem Nobelpreis keinen weiteren Literaturpreis mehr zu verleihen. Das mit den Preisen verbundene Geld komme besser jüngeren Schriftstellern zugute. So konnte der spanische Staat García Márquez nicht mehr den Cervantes-Preis verleihen, den außer ihm fast alle bedeutenden Autoren spanischer Sprache erhalten haben.

          Spanien ist doch unser Mutterland!

          Als Felipe González im Oktober 1982 die spanische Regierung übernahm, kam sein Freund García Márquez ihn häufig besuchen, so auch nach der Nobelpreis-Verleihung im Dezember 1982 bei der Rückreise aus Schweden. Wer das Glück hatte, zum Abendessen in den Moncloa-Palast eingeladen zu werden, konnte sich an den Diskussionen zwischen García Márquez und González über Literatur und Politik erfreuen. Wenn García Márquez einen neuen Roman beendet hatte, brachte er zunächst eine Kopie des Manuskripts nach Madrid zu González, der es dann schnell lesen musste, um beim nächsten Abendessen mit Freunden und spanischen Schriftstellern in Anwesenheit von García Márquez seine Meinung darzulegen, etwa 1985 über „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“.

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