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Matthias Brandt im Porträt : Du kannst dich auch selbst einwechseln

Bekannt als Schauspieler, nun auch als Autor: Matthias Brandt Bild: Picture-Alliance

Der Schauspieler Matthias Brandt hat ein Buch über seine Bonner Kindheit geschrieben. Ein Gespräch über Lektüren im Kleiderschrank, Kanzlerväter auf dem Fahrrad und ein Urerlebnis mit Günter Netzer.

          Matthias Brandts Lesebiographie beginnt in einem Kleiderschrank. Es ist ein geräumiger Schrank, mit Lämpchen ausgestattet, was Anfang der siebziger Jahre noch als extravagant gilt. Dort, unter den Kostümen der Mutter, vergräbt sich das Kind in seine Bücher, vor allem skandinavische Literatur, von Selma Lagerlöf und Astrid Lindgren. Das liegt nahe, denn die Mutter ist Norwegerin. Auch das Haus mit dem Kleiderschrank ist kein gewöhnliches. Es ist die Residenz des Kanzlers auf dem Bonner Venusberg, in der Willy Brandt, der erste sozialdemokratische Bundeskanzler der Nachkriegszeit, von 1969 bis 1974 mit seiner Frau Rut und dem jüngsten Sohn lebt.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Kleiderschrankszene, an die sich Matthias Brandt während eines Gesprächs in Berlin plötzlich erinnert, findet sich nicht in seinem Buch „Raumpatrouille“, das dieser Tage erscheint. Aber sie würde hineinpassen, denn Räume, innere wie äußere, die abgegangen, erweitert oder gefürchtet werden, in denen sich Begrenzungen auftun, Schlupflöcher und tote Winkel, spielen eine zentrale Rolle in diesen Prosaminiaturen.

          Aus den Augen eines Kindes

          Dass die Räume groß, ja übermächtig erscheinen, in denen sich ein Achtjähriger verlieren kann wie Danny auf seinem Dreirad in Stephen Kings „Shining“, hat nicht nur mit der Einsamkeit eines Jungen zu tun, der als Kanzlersohn in exotischer Umgebung aufwächst. Es liegt vor allem an der Kinderperspektive, aus der Brandt heraus sein literarisches Debüt entwickelt. „Keiner da“, lautet der erste, leitmotivische Satz. Vieles in dieser Welt, von der hier erzählt wird, bleibt für das Kind unerreichbar, manches unverständlich, so dass sich auch beim Lesen bisweilen das Gefühl einschleicht, selbst gerade eben so über die Tischkante zu blicken. Ein Sofa kann in diesem Interieur zum übermächtigen Möbel werden.

          Mit „Raumpatrouille“, benannt nach der deutschen Science-Fiction-Serie aus den sechziger Jahren, geht Matthias Brandt ein Wagnis ein, weil Szenen und Momente dieser Kindheit untrennbar verbunden sind mit bundesrepublikanischer Zeitgeschichte. Besucht der kindliche Erzähler da einen alten Mann im Nachbarhaus auf eine heiße Schokolade, der, versunken im Sessel, sich kaum noch artikulieren kann, dann ist es der vorzeitig aus dem Amt geschiedene Bundespräsident Heinrich Lübke. Und bei dem Herrn, der an anderer Stelle zu Besuch kommt, um mit dem Vater einen Fahrradausflug zu unternehmen, handelt es sich um Herbert Wehner. Für das Kind ist der große Widersacher innerhalb der SPD aber bloß der „schiefgesichtige“ Kollege aus der „Firma“ des Vaters, mit dem der sich nicht versteht. Die Fahrradtour der beiden Herren, eingefädelt von Spindoktoren und begleitet von mehreren Personenschützern sowie Brandts Sohn, geht schief, wie nur etwas schiefgehen kann: Der Kanzler fällt vom Rad.

          Man kann das politisch lesen, wie es das „Zeit“-Magazin getan hat, das der „Welthölzer“ überschriebenen Geschichte für einen Vorabdruck prompt einen zweiten Titel verpasste: „Kanzlersturz“. Matthias Brandt regt das noch immer auf, weil er weiß, wie dünn der Grat ist, auf dem er sich hier bewegt. „Man muss nur ein paar Schrauben drehen, und schon steht die Geschichte anders da.“ Ihm ging es aber nicht darum, „ranzige Schnurren aus Bonner Zeiten“ zu erzählen, sondern zu zeigen, wie empfänglich Kinder für atmosphärische Verstimmungen sind, die kommendes Unheil schon wittern, noch ehe die Erwachsenen es bemerken. Instinktiv spürt das Kind, dass die Mission der Männer unter keinem guten Stern steht; doch aufhalten kann er sie nicht.

          „Den Mann im Fernsehen, haben sich die anderen gemacht“

          Dass Brandts Erzählungen mit Projektionen aufgeladen werden, liegt dabei in der Natur der Sache. Denn auch wenn der Name Willy Brandt im Buch nur einmal erwähnt wird, ist er doch stets präsent, vor allem als Abwesender. Mit der Zuschreibung, die sein Sohn nicht beeinflussen und für die er nichts kann, muss er sich seit jeher auseinandersetzen. Aus dem Schatten eines Vaters zu treten ist zwar alles andere als sein exklusives Problem; nur bei ihm war es eben Willy Brandt, den er loswerden musste. Früh hat er Strategien entwickelt und den Vater als Kind in mindestens zwei Erscheinungsformen wahrgenommen, die nicht unbedingt etwas miteinander zu tun hatten. „Der Mann im Fernsehen war für mich eine Fiktion“, sagt Matthias Brandt, eine künstliche Person gleichen Namens. „Das war der, den sich die anderen gemacht haben.“ Für ihn selbst stand sein Vater ganz woanders.

          Andere stellen sich vor, was ich erlebt habe: Matthias Brandt dieser Tage in Berlin.

          Obwohl der Schauspieler sich öffentlich zurückhält, hat er sich an zentralen Wendepunkten seiner Biographie zur Überraschung vieler ganz bewusst in die familiäre Genealogie eingeschrieben. Nicht nur jetzt, da er sich auf eine neue Spielwiese begibt, die Literatur. Schon mit der Rolle, die den einstigen Bühnenschauspieler 2003 über Nacht berühmt machte, kehrte er in die Bonner Zeit zurück. In Oliver Storz’ Film „Im Schatten der Macht“ spielte er ausgerechnet Günter Guillaume, den Spion im Kanzleramt, der den Vater einst zu Fall brachte. Er hatte sich damals für die Rolle selbst vorgeschlagen. Das entspricht seiner Art von Humor, wie man spätestens im Gespräch feststellt: mit Erwartungen zu spielen und sie dann zu unterlaufen. Das macht ihn aus und prägt sein Schreiben wie seine Art zu spielen. Underacting nennt man das in der Fachsprache, es ist mit Nichtspielen nicht zu verwechseln, weil es im Gegenteil größte Genauigkeit und Souveränität in der Darstellung erfordert. Selbst im Interview spielt Brandt seine Rolle so überzeugend, dass man meint, Gedanken, die er oft schon gewälzt hat, wären ihm gerade erst in den Sinn gekommen.

          An dem Film, so erinnert er sich, habe ihn interessiert, dass er, „getarnt durch seinen Beruf, Leuten dabei zugucken konnte, die sich etwas vorstellten, das ich tatsächlich erlebt hatte“. Die Fiktion ermöglichte es ihm, Orte und Situationen seiner Kindheit noch einmal abzugehen. In den Erzählungen kehrt er aufs Neue dorthin zurück. Nicht um darzulegen, „wie etwas wirklich war“. Das sei ja gerade das Problem der „Bescheidwisser“ im politischen Betrieb. Die lebten „homersimpsonhaft, kombiniert mit einem Selbstbewusstsein von Gangsta-Rappern“: in der Überzeugung zu wissen, wie etwas sei.

          „Die Skrupel waren nicht groß genug, die Klappe zu halten“

          Dem setzt er Zweifel und Nichtwissen entgegen. Nicht nur, weil er das erzählerisch für interessanter hält. Brandt hält das Misslingen für ein wesentliches Element unserer Existenz: „Dass man so wird, wie man wird, hat viel mit Scheitern zu tun, auch mit Kränkungen und den Strategien, die man dagegen entwickelt.“ Er selbst hat über das Scheitern das meiste gelernt, sagt er. Wie ein aufziehbarer Hund sei er immer wieder gegen Wände gerannt, bis er irgendwann die Richtung änderte. Die Erzählung „Sport und Musik“, in der das fußballverrückte Kind als Torwart kläglich versagt, versucht dieses Scheitern aus Hingabe zu erfassen: warum sich da einer durch Ambition zerstört, was zuvor scheinbar traumwandlerisch gelang.

          Ein anderes Ur-Erlebnis des bekennenden Werder-Bremen-Fans, der schon jetzt leidet, weil sein Verein ein paar Stunden später gegen Bayern München antreten wird, hat ebenfalls mit Fußball zu tun. Der Zwölfjährige war im Stadion, als Borussia Mönchengladbach 1973 im Pokalfinale stand. Günter Netzer, Brandts Idol, war vom Trainer nicht aufgestellt worden, weil er als Verräter galt, seit er bei Real Madrid unterschrieben hatte. Als den Borussen die Niederlage droht, beobachtet Brandt von den Rängen, wie Netzer kurzerhand einen Kollegen vom Platz winkt und eigenmächtig aufs Spielfeld rennt. Dann schießt er das entscheidende Tor.

          „Watt is e Dampfmaschin?“ Vater Willy Brandt und Sohn Matthias stellen sich nicht dumm.

          Für Brandt ein „ikonischer Moment“. Er habe ihn gelehrt, dass man nicht immer warten muss, bis man gesehen wird oder etwas erlaubt bekommt. „Du kannst dich auch selbst einwechseln.“ Die Rolle des Guillaume lässt sich ebenso als die Selbsteinwechslung eines Schauspielers lesen, der lange nicht gesehen wurde – wie die Entscheidung, „Raumpatrouille“ zu schreiben. Dass da einer über seine Kindheit schreibt, nicht weil, sondern obwohl er Willy Brandts Sohn ist und obwohl er um die Gefahr der Schlüssellochlektüre weiß. Er will sich das nicht nehmen lassen. „Die Skrupel waren nicht groß genug, die Klappe zu halten“, nur weil es andere Lesarten gebe. Der Schauspieler mit dem legendären Vater will sich schreibend zeigen, ohne zu enthüllen. Er will persönlich werden, aber nicht privat.

          Räume und Gegenbewegungen

          Was sich da zeigt, ist der ureigene Mix eines rheinisch-anarchischen Humors, obwohl er ja eigentlich geborener Berliner ist, gepaart mit einer fast schon pietistischen Strenge und Disziplin, die man sofort der norwegischen Herkunft der Mutter zuschreibt. Auch im Gespräch ist Brandt nachdenklich und konzentriert, nimmt die Spielbälle auf, um im nächsten Moment laut aufzulachen. Wie sein Spiel lebt seine Prosa von der Kunst des Weglassens, von dem, was nicht gesagt wird, aber mitschwingt. Und nicht anders ist es, wenn man ihm gegenüber sitzt. Er weiß um die Wirkung von Projektion, er konnte sie als Kind aus nächster Nähe studieren.

          Wenn an diesem Sonntag ein neuer „Polizeiruf 110“ mit Brandt in der Rolle des Polizisten Hanns von Meuffels läuft, lässt sich dieser Minimalismus aufs Neue beobachten, wenn er da unter der Regie von Christian Petzold sämtliche Konventionen des Genres unterläuft. In „Raumpatrouille“ sind es die Strömungen im Untergrund, die den Sog ausmachen. Wenn der Sohn gemeinsam mit der Mutter ein Schiff nach Norwegen besteigt, das Land der Tanten, Onkel, Cousinen und Cousins, und die Mutter ihn fragt, ob er sich vorstellen könne, dort zu leben, „wir zwei, du und ich“, dann geht es wieder um Räume, die man verlässt, auf die man sich zubewegt. Von dieser Gegenbewegung, dass da eine Frau nach Hause fährt und dabei zu neuer Leichtigkeit findet, während das Kind auf demselben Weg sein Zuhause verlässt, lebt die Erzählung. Es ist eine verzwickte Dynamik, die schwelt. „Aber dass die Dinge des Lebens einfach sind“, hatte Matthias Brand kurz zuvor gesagt, „ist keine Qualität für sich.“

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