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Martin Walser zum Neunzigsten : Nehmt und lest!

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Er enttäuscht die Lesererwartung aufs Entzückendste: Martin Walser vor der Wallfahrtskirche Birnau am Bodensee Bild: dpa

Zum ersten Mal gelesen: Martin Walsers Novelle „Ein fliehendes Pferd“ aus dem Jahr 1978 markiert pünktlich zum neunzigsten Geburtstag des Autors den Start der neuen F.A.Z.-Serie.

          Kürzlich fiel mir das Corpus Delicti wieder in die Hand. Es ist ein vergilbter, mit zwei hämischen Ausrufungszeichen versehener Papierschnipsel, ausgerissen aus einer Ausgabe dieser Zeitung. Dem Schnipsel ist nicht zu entnehmen, aus welchem Jahr er stammt. Das Einzige, was man oberhalb des Textes lesen kann, in fünf Zeilen untereinander: „Martin / Die Verteidigung / Roman / ©Suhrkamp Verlag, Frankfurt am / 6“.

          Es muss 1991 gewesen sein, als diese Zeitung Martin Walsers „Die Verteidigung der Kindheit“ als Fortsetzungsroman abdruckte. Die sechste Folge begann mit einem Satz, der mir genügend Grund zu bieten schien, mich mit diesem Autor nicht weiter befassen zu müssen: „Daß Harald Hunger, der mitgekriegt hatte, wie sich Alfred in Leipzig benommen hatte, die Anerkennung als politischer Flüchtling so sicher in Aussicht gestellt hatte, tat ihm gut.“

          Ah ja? Für dieses Kauderwelsch sollte man Proust oder Eckhard Henscheid aus der Hand legen? Für dieses dreifache „hatte“ mit dieser ungeschlachten Syntax, der viel zu weit gedehnten Klammer, den verschwommenen Personalbezügen, dem atemlos nachklappenden „tat ihm gut“? Nein, dieser Autor hatte kein Stilgefühl, das war leider offensichtlich; da las man lieber weiter im Josephsroman oder Robert Gernhardt und Max Goldt.

          Die Jahrzehnte zogen ins Land, in denen mir der Verteidiger der Kindheit als öffentliche Figur immer sympathischer wurde, als Autor mein Gesichtsfeld aber nur streifte. Das dreifache „hatte“ hallte lange nach. Ohne robuste Vorurteile lässt sich ein Lektürepensum nicht limitieren. Bis ich vor kurzem durch eindringliche Empfehlung auf die Novelle hingewiesen wurde, die im Leseleben der Empfehlerin geradezu Epoche gemacht habe. Ich nahm und las, was mittlerweile jeder Gymnasiast kannte, „Ein fliehendes Pferd“.


          Feuilleton-Serie: Das Erste Mal
          Canetti hatte sich den „King Lear“ fürs hohe Alter aufgespart. Thomas Mann musste siebzig werden, bis er Gottfried Kellers „Grünen Heinrich“ entdeckte. Musils „Mann ohne Eigenschaften“ hat fast niemand ordnungsgemäß beendet. Jeder Autor und Kritiker hat ein paar Leichen im Lektürekeller: große Werke der Weltliteratur, deren Inhalt und Bedeutung er grosso modo kennt, die er aber aus irgendwelchen Gründen noch nie gelesen hat.

          Man wird bei literarischen Gesprächen darüber hinwegspielen und Hemmungen haben, es offen einzugestehen. Aber es gibt niemanden, der nicht seine Lücken im Kanon hätte und dem nicht ein, zwei berühmte Klassiker entgangen wären; realistisch gesprochen, wohl eher ein, zwei Dutzend. Mit zunehmendem Alter wachsen die Verpflichtungen, und es schwindet die freie Lesezeit. Aber genau das ist bedauerlich. Denn wäre nicht gerade der frische Blick erfahrener, empfindsamer und gewiefter Leser auf einen vielleicht nur noch als Legende überlebenden Klassiker aufschlussreich? Muss man den Kanon, wenn er nicht Staub ansetzen soll, nicht ab und zu durchlüften?

          Wir haben namhafte Autorinnen und Autoren gebeten, eine Luke in jenen Keller zu öffnen und berühmte Bücher einer späten Erstlektüre zu unterziehen. Was werden wir zu hören bekommen? „Hamlet“ ist doch eigentlich stark überschätzt, „Don Quijote“ so ungenießbar wie Dantes „Paradiso“, „Moby Dick“ langweilig und „Krieg und Frieden“ wirklich nicht schlecht – wird jemand solche Urteile wagen? Wir hoffen, der scharfe neue Blick wird manchen Staub aufwirbeln. Und manche neue Begeisterung entzünden.

          Zwei Ehepaare und etliche Gespenster aus der Vergangenheit. Der Protagonist Helmut Halm und seine Frau Sabine logieren seit elf Jahren in immer derselben Ferienwohnung am Bodensee. Helmut ist ein vor sich hin verwitternder, moroser, selbstironischer Lehrer, der sich für die Ferienlektüre Kierkegaards Tagebücher mitgenommen hat und nichts anderes will als seine Ruhe. Die wird ihm nun empfindlich gestört, als er an der Strandpromenade von seinem Jugendfreund Klaus, den er längst aus den Augen verloren hat, entdeckt und sogleich heftig umworben wird. Klaus, der aussieht, als könnte er Helmuts Schüler sein, ist in Begleitung seiner deutlich jüngeren Frau Helene, genannt Hel, die fast schon erloschene erotische Wallungen in Helmut auslöst. Die beiden Männer sind die Gegenspieler der Novelle, die strikt personal aus der Sicht Helmut Halms erzählt wird. Es ist die Seelenselbsterkundung eines modernen Anton Reiser. Helmut Halm nennt sich einen Separatisten, empfindet sich als schwere, schwitzende Leiche und spricht von seiner blutigen Trägheit. Seine größte Furcht ist es, erkannt und festgelegt zu werden. Sein Herzenswunsch ist, zu verheimlichen. Er liebt das Inkognito. Er möchte die Welt über sich täuschen, am besten wären alle Schlüsse, die man über ihn und seine Ehe zieht, falsch. Am besten wäre es, er bliebe unerkannt. Er ist innerlich beständig auf der Flucht. Und er wünscht sich, jetzt schon vergangen zu sein, mit dem eines Anton Reiser würdigen Argument, man sei ja viel länger tot als lebendig.

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