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Martin Walser : Das Monument

Martin Walser Bild: Mads Nissen/laif

Wer heute Martin Walser liest, hat ihn meist vor Augen. Das versperrt den Blick auf den Text. Aber als ich noch fast nichts von ihm wusste, mit siebzehn, da war er mein Lieblingsschriftsteller.

          Als im Januar der neue Roman von Martin Walser mit dem seltsam verschnörkelten Titel „Statt etwas oder Der letzte Rank“ erschien, ein Titel, den sich wahrscheinlich überhaupt nur Martin Walser leisten kann, weil Walser-Bücher gekauft werden, egal was draufsteht, nannte ein Kritiker diesen Roman „Privat-Literatur“. Martin Walser, schrieb er in der „Süddeutschen Zeitung“, habe irgendwann angefangen, auch dort, wo er von etwas ganz anderem zu sprechen schien, nur noch von sich selbst zu sprechen. Immer mehr seien seine Romane zu einem Selbstgespräch geworden, bei dem die Öffentlichkeit zuhören konnte, wenn sie denn wollte.

          Julia  Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Jetzt hatte Walser eine neue Stufe erreicht. Er befasste sich auch nicht mehr vorgeblich mit den Schicksalen von Dritten. Er sagte in „Statt etwas oder Der letzte Rank“ einfach nur noch „ich“. „Ich bin, also bin ich“, sei das Handlungsziel dieses Entwicklungsromans, und es werde erreicht, sagte Martin Walser mit unerschütterlichem Selbstbewusstsein in einem Interview über sein eigenes Buch.

          Er behauptete auch, dass es keine Autobiographie sei, womit er sicher recht hat. Das Buch liest sich eher wie eine Rückschau mit Sinnstiftung, wie eine „Meditation über ein langes Leben“, wie es auch genannt wurde. Doch ändert das nichts an der Tatsache, dass man die ganze Zeit an Martin Walser denkt, wenn das „Ich“ hier „ich“ sagt. Jedenfalls ich dachte die ganze Zeit an Martin Walser und dachte auch, dass dies das eigentliche Problem mit Martin-Walser-Büchern ist, dass einem immer dieser Walser vor Augen steht, mit Hut oder ohne, mit diesen Augenbrauen, die seine Augen zu verdecken begonnen haben: ein Schriftsteller-Monument, das den Blick auf den Text versperrt.

          Martin Walser 2012 am Ufer des Bodensees
          Martin Walser 2012 am Ufer des Bodensees : Bild: Frank Röth

          Für mich war das nicht immer so. Und jetzt, wo er neunzig Jahre alt wird und schon wieder ein Buch von ihm erscheint, diesmal eine Sammlung zeitgeschichtlicher Texte mit dem monumentalen und zugleich angeberischen Titel „Ewig aktuell – Aus gegebenem Anlass“, denke ich daran, wie Martin Walser für eine Weile mal mein Lieblingsschriftsteller war. Da war ich siebzehn und wusste über ihn nicht mehr, als im Klappentext stand. Ich las „Seelenarbeit“, das mein Deutschlehrer mit uns im Unterricht durchnahm, eine ziemlich eigenwillige und anspruchsvolle Aktion. Denn „Seelenarbeit“ war die Geschichte eines Chauffeurs, Xaver Zürn, der den Fabrikanten Dr. Gleitze durch die Gegend fuhr, seinen Chef. Es war ein 300 Seiten langes Buch, in dem es vor allem um die Gedanken dieses Chauffeurs ging, der während seiner stundenlangen Fahrten so gerne mal ein privates Gespräch mit seinem Chef geführt hätte. Eine „Herr-Knecht-Geschichte“, wie wir lernten, ein Roman über die Frage, wie und ob es möglich sei, die eigene Abhängigkeit zu ertragen.

          Vor allem erinnere ich mich aber an die dauernden Verdauungsprobleme des Chauffeurs. Überhaupt kommt es mir so vor, als sei dies das eigentliche Thema von „Seelenarbeit“ gewesen: die ständigen Bauchschmerzen des Geknechteten hinterm Steuer, der vor einer langen Autofahrt irgendwann ein Abführmittel nahm, das dann aber nicht rechtzeitig wirkte, also erst während der Fahrt, bei der der Chef dann aber keine Toilettenpause einlegte, weil er in seiner übermenschlichen Chefigkeit scheinbar nie aufs Klo musste. Kann sein, dass es auch noch um andere Sachen ging, ich weiß nicht mehr und kann es nicht überprüfen, weil ich „Seelenarbeit“ in meinem Bücherregal nicht mehr finden kann, obwohl ich meine Bücher immer aufbewahrt habe. Ausgerechnet „Seelenarbeit“ ist weg.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Martin Walser wurde nicht wegen der Verdauungsgeschichte mein Lieblingsschriftsteller. Er wurde mein Lieblingsschriftsteller, weil er der Lieblingsschriftsteller meines Deutschlehrers war und ich meinen Deutschlehrer sehr mochte. Wer Martin Walser war, wie er aussah, wo er herkam und was er dachte, war mir deshalb auch völlig egal. Ich wäre niemals auf die Idee gekommen, etwas über den Autor in Erfahrung zu bringen, um nachzuprüfen, ob im Buch etwas autobiographisch sein konnte. Was ich, voller Empathie, nachvollziehen wollte, war allein, wieso ausgerechnet die Walser-Romane meinen Deutschlehrer so umtrieben und wieso er sich, wie ich annahm, darin wiedererkennen wollte.

          Deshalb las ich weiter. Erst „Ein fliehendes Pferd“, dann „Brandung“. Und da in beiden Büchern der Antiheld ein Englisch- und Deutschlehrer war, nämlich Helmut Halm, waren sie für meine groß angelegte Projektion der perfekte Stoff. Denn um eine Projektion handelte es sich. Tatsächlich wusste ich kaum etwas über meinen Deutschlehrer. Dass er politisch links war, glaubte ich zu wissen. Ich kannte ihn aber nicht privat und war auch nicht verliebt in ihn. Ich fand ihn einfach toll, vielleicht, weil er Literatur unterrichtete und die Art und Weise, wie er mit uns über Bücher sprach, uns alle Freiheiten ließ und er uns nicht durch irgendwelche Interpretationen einengte.

          Die Anstreichungen aus der Schule

          Ich las Walsers „Fliehendes Pferd“wie ein Orakel. Ich besitze das Buch noch, mit den Anstreichungen aus der Schule. Neben dem gefetteten Satz: „Sobald jemand freundlich ist zu mir, spüre ich, dass ich nicht mehr so freundlich sein kann, wie ich einmal war“, steht mit Bleistift in meiner Handschrift: „HELMUT!“ Genauso wie neben den Sätzen: „Ich will mich nicht aussprechen. Mein Herzenswunsch ist zu verheimlichen“. Das ganze „Fliehende Pferd“-Buch ist mit „Helmut“-Markierungen versehen, während ich in „Brandung“ alles angestrichen habe, was mit Alter und Tod und Ich-Spaltung zusammenhängt, was mit meinem Deutschlehrer dann eher nicht mehr so viel zu tun haben konnte.

          Während ich „Brandung“ las, das beweisen die Anstreichungen jetzt noch, muss mein Deutschlehrer-Empathie-Projekt allmählich aufgehört haben. Die Geschichte von Helmut Halm, der das Angebot eines Freundes annimmt und Gastdozent in Kalifornien wird, mit seiner Frau und Tochter in die Vereinigten Staaten reist und sich in eine zweiundzwanzigjährige Studentin aus seinem Konversationskurs verknallt, war für mich offenbar kein Anlass, mich mit der Studentin zu identifizieren (vielleicht auch deshalb, weil die Studentin sich im Gegensatz zu mir für Halm natürlich gar nicht interessierte). „Brandung“ gefiel mir, weil es von jemandem handelte, der alles aufs Spiel setzte und zugleich wusste, dass er sich damit ins Unrecht setzte. Das beschäftigte mich. Und solange der Roman mich beschäftigte, war Martin Walser mein Lieblingsschriftsteller.

          Nach dem Abitur studierte ich in Freiburg, und weil ich aus einer Kleinstadt kam, in der Schriftsteller nicht auftraten, jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern, während meiner Schulzeit bei einer Lesung gewesen zu sein, ging ich in Freiburg zum ersten Mal zu einer Schriftstellerlesung. Und zwar von Martin Walser. Sie fand, jedenfalls bilde ich mir das ein, im Rathaus statt, würde ja passen. Es kamen sehr viele Menschen. Ich war allein da, suchte mir einen Platz. Martin Walser kam, begann zu lesen, wahrscheinlich aus „Die Verteidigung der Kindheit“, und ich war schockiert. Ich war auf diesen Schriftsteller, über den ich mir wenig Gedanken gemacht hatte, nicht vorbereitet. Denn er sprach Dialekt und las sein Buch auch im Dialekt vor. Ich kam aus Norddeutschland, Martin Walser, das war plötzlich mehr als eine Notiz im Klappentext, vom Bodensee. Und wie er sein Buch las, klang es auch wie vom Bodensee, und ich, die ich einen ganz anderen Walser im Kopf hatte, nämlich meinen eigenen, musste sofort gehen, raus aus dem Rathaus oder wo immer das in Freiburg gewesen ist.

          Ich ging auf Distanz. Im Moment, in dem ich Martin Walser zum ersten Mal sah, begann ich, mich von ihm zu entfernen. Für das Monument Walser, den staatstragenden Gestus bin ich, auch später, deshalb nie anfällig gewesen. Ich fand die Paulskirchen-Rede unmöglich und las lieber Camus und Simone de Beauvoir. Vor einem Jahr habe ich ein Gespräch mit ihm geführt. Meine Distanz, dachte ich, wäre eine gute Voraussetzung. Ich verabredete mich mit ihm in einem Gasthaus in München. Er war sehr freundlich, und ich erzählte ihm von meinem Deutschlehrer und dass er als Autor von „Ein fliehendes Pferd“ und „Brandung“ eine Weile lang mein Lieblingsschriftsteller gewesen sei. Er fand, ich hätte einen sehr guten Deutschlehrer gehabt. Ich musste lachen. Aber er hatte ja recht. Ich mag „Brandung“ noch immer.

          Quelle: F.A.S.

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