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Gespräch mit Martin Walser : „Auf die Suizidalen lasse ich nichts kommen“

Martin Walser am Ufer des Bodensees. Der Schriftsteller hat ein Haus in Nußdorf. Bild: Frank Röth

Martin Walsers neuer Roman, „Ein sterbender Mann“ handelt von Freundschaft und Verrat. Im Interview spricht der Schriftsteller über erste Sätze, vorletzte Dinge und Marcel Reich-Ranicki.

          Er sitzt schon da, im Gasthaus „Iberl’s“ in Solln, am Stadtrand von München. Ein paar Straßenzüge weiter beginnt der Wald. Sein neuer Roman, der am 8. Januar erscheint, spielt in weiten Teilen in dieser Gegend: „Ein sterbender Mann“. Es ist die Geschichte eines Verrats unter Freunden. Und darüber, dass einem das Leben, je näher man dem Tod ist, umso schöner erscheint. Martin Walser, 88 Jahre alt, guckt mit freundlicher Distanz unter seinen wirklich enorm dichten Augenbrauen hervor.

          Julia  Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Sie haben Ihrem neuen Roman einen handschriftlichen Brief beigelegt: „An die, die damit zu tun haben“. Da schreiben Sie, dass einen Roman fertig zu haben so sei, wie hoch oben in den Bergen zu sein.

          Man fühlt sich leichter denn je.

          Das hat mich erstaunt. Ich habe immer gedacht, dass es der heikelste Moment ist, weil das Werk sich von einem ablöst und man tatsächlich plötzlich nicht sicher sein könnte, ob es gut ist oder schlecht.

          Ich weiß nicht, ob man es zeitlich auseinanderhalten kann. Was Sie sagen, stimmt. Nur stellt es sich in mir anders dar. Da ich ja nicht imstande bin, einen Roman souverän zu planen und nach Plan zu schreiben, schon am Anfang wissend, wie es aufhören wird ...

          Das wissen Sie nie?

          Niemals. Nein, dann müsste ich ihn ja auch nicht schreiben. Dann wäre ich ja der Erfüllungsgehilfe eines Plans auf dem Papier. Der Anfang ist das Unbestimmteste überhaupt. Man kennt noch nicht einmal den Namen. Man hat letztlich nur das bestimmte Bedürfnis, einen Roman zu schreiben, weiß aber nichts, und man hat noch keinen Ton. Man probiert. Das geht manchmal sehr schnell, wie bei diesem Roman jetzt. Hier war es auch ganz klar, wie es anfangen soll. Mit einem Brief an einen Schriftsteller, der den Satz „Mehr als schön ist nichts“ geschrieben oder gesagt haben soll. Meine eigene Zeile.

          Mit dem Satz, der in „Ein sterbender Mann“ der erste Satz ist, zitieren Sie sich also selbst?

          Ja. Aber ich habe ihn nur zitiert, um gegen ihn anzutreten.

          Wo haben Sie ihn denn schon mal geschrieben?

          Er ist auf das Unschuldigste entstanden. Ich bin vor zwei Jahren von der Zeitschrift „Cicero“ nach Berlin eingeladen worden, und Frank A. Meyer, der Journalist, der mich da eingeladen hat, hat gesagt, ich dürfe mit Peter Sloterdijk diskutieren, worüber ich wolle. Da habe ich ihm diesen Satz geschrieben: „Mehr als schön ist nichts“. So fängt der Roman an, und für den Autor ist es dann wirklich spannend, wie es weitergeht. Es kann für keinen Leser so spannend sein wie für den Autor. Am meisten ist man auf den Schluss gespannt, der vom Roman provoziert wird. Und wenn man ihn dann hat, ist man erleichtert, dass der Roman überhaupt einen Schluss gefunden hat.

          Martin Walser: „Ein sterbender Mann“
          Martin Walser: „Ein sterbender Mann“ : Bild: Rowohlt

          Im Roman wird die Hauptfigur, Theo Schadt, durch einen Freund verraten, verliert in der Folge dieses Verrats seinen Job in der Finanzwelt und will mit allem Schluss machen. Er meldet sich in einem Suizidforum im Internet an. Haben Sie sich da für die Recherche auch angemeldet?

          Ich habe in den Foren alles Mögliche gelesen, aber angemeldet habe ich mich nicht. Ich imitiere einiges davon, was ich dort gefunden habe.

          Es heißt Suizidforum, Sie schildern es eher wie eine Art Überlebensforum.

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