Herr Suter, wissen Sie eigentlich, wie viele Exemplare Ihrer Bücher mittlerweile verkauft wurden?
Nein, die Gesamtzahl weiß ich nicht (er wendet sich an Ruth Geiger, die Pressechefin des Diogenes Verlags), weißt du sie?
Geiger: Ja, aber wir verraten sie nicht.
Für Ihren Debütroman „Small World“ von 1997 kursieren Angaben von rund 800.000. Mit den vielen anderen Büchern, die Sie seither veröffentlicht haben, darf man wohl von mehreren Millionen verkauften Büchern ausgehen. Sind Sie davon selbst beeindruckt?
Natürlich. Gerade bei „Small World“ hatten wir nur auf einen Achtungserfolg gehofft, so auf 10.000 verkaufte Exemplare. Aber das ist nicht nur weit übertroffen worden, „Small World“ läuft immer noch.
Erwarten Sie von Ihren Büchern jetzt, dass sie Bestseller werden?
Nein, ich finde, ich gehe mit jedem Buch ein Wagnis ein. Ich überlege mir nicht, warum sich das letzte so gut verkauft hat, und versuche dann, das wieder herzustellen. Ich sag mir immer: Ich darf mir jetzt auch mal einen Flop leisten. Und so schreibe ich.
Was heißt das?
Ich versuche jedes Mal ein Buch zu schreiben, das mir gut gefällt. Damit bin ich immer gut gefahren, weil ich offenbar selbst einen populären Geschmack habe.
Welche Bücher mögen Sie denn?
Mir gefallen Geschichten, ein Buch muss eine Geschichte erzählen. Mir gefällt nicht, wenn der Autor versucht, durch seine Sprachkünste zu beeindrucken. Was mir aber gefällt, das ist, wenn ein Buch eine Struktur hat, wenn ich spüre, das ist komponiert. Und ganz wichtig ist außerdem, dass eine Geschichte ein Geheimnis hat.
Würden Sie Ihre Bücher in diesem Sinn als Krimis bezeichnen?
Nein. Ich habe schon zweimal Krimipreise bekommen, dabei habe ich meiner Meinung nach nur einen geschrieben, nämlich „Ein perfekter Freund“. Für den ich wiederum keinen Krimipreis bekommen habe.
In Ihrem neuen Buch geht es um einen achtzig Jahre alten Mann, Albert Knupp, der glaubt, dass es die Zeit nicht gibt. Er ist der Überzeugung, dass man nur die Veränderungen rückgängig machen muss, um die Zeit zu überlisten und einen bestimmten Moment in der Vergangenheit wiederherzustellen. Bei ihm geht es dabei um einen bestimmten Tag vor zwanzig Jahren, den er noch einmal erleben möchte. Da lebte seine Frau noch, sie will er zurück. Das ist eigentlich ein schöner Gedanke. Woher stammt er?
Es gibt die Theorie, dass die Zeit nicht existiert, vielleicht stimmt sie sogar. Aber die Technik, wie man an einen bestimmten Punkt in der Vergangenheit zurückkehren kann, habe ich mir selbst überlegt. Meine Figur glaubt eben, dass man nicht die Veränderungen im ganzen Universum rückgängig machen muss, um die Zeit zu überwinden, sondern dass es reicht, wenn man nur ein bisschen über seinen Gartenzaun hinausgeht. Das ist das Skurrile an dem Ganzen.
Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?
So wie ich meistens auf Ideen komme. Bei mir ist es so, dass ich mich hinsetzen muss und eine Idee haben will. Die Ideen kommen mir beim systematischen Denken, ich sitze nicht unter einem Feigenbaum und warte, bis mir eine Idee zufliegt. Es ist Arbeit.
Wenn man weiß, dass vor drei Jahren Ihr kleiner Sohn gestorben ist, bekommt diese Thematik, der Wunsch nach einer Rückgängigmachung der Geschehnisse, natürlich eine andere, viel persönlichere Konnotation. Sie haben öfters gesprochen über den Tod Ihres Sohnes . . .
Ich wurde öfters dazu befragt.
Wir müssen nicht darüber sprechen.
Nein, nein, wir können schon darüber reden. Ich denke jeden Tag hundert Mal daran, ich kann auch darüber sprechen.
Wenn Sie in der Vergangenheit vom Tod Ihres Sohnes gesprochen haben, sagten Sie meistens dazu, dass Sie Literatur nicht mögen, die dazu dient, Probleme des Autors zu bewältigen. Warum eigentlich nicht? Liegen der Literatur nicht häufig Probleme oder Befindlichkeiten des Autors zugrunde, und muss das zwangsläufig schlecht sein?
Ich will über diese Literatur gar nicht urteilen. Aber wenn ich mich dabei ertappe, dass ich als Leser mit dem Notizblock am Ende des Sofas sitze, auf dem der Autor liegt, dann finde ich das unfair und fühle mich missbraucht. Und das will ich meinen Lesern nicht zumuten. Dieses Thema mit der Zeit ist eines, das ich schon lange auf meiner To-do-Liste habe. Dass es jetzt ganz oben auf der Liste stand, kann schon damit zu tun haben, dass ich mich seit dem Tod meines Sohnes noch mehr mit diesen Zeit-Fragen beschäftige als früher. Aber es hilft mir kein bisschen, und ich habe auch nie gedacht, dass es mir helfen würde. Insofern hat das überhaupt nichts miteinander zu tun.
Wenn man Ihr neues Buch liest, hat man den Eindruck, dass es so etwas gibt wie ein Muster, einen Suterschen Bauplan, dem Ihre Bücher folgen: Ihre Figuren sind oft ganz normale Menschen, deren Leben meist durch eine unwahrscheinliche Begebenheit aus den Fugen gerät. Das war bei Urs Blank in „Die dunkle Seite des Mondes“ so, auch bei Fabio Rossi in „Ein perfekter Freund“, und jetzt ist es wieder so. Das Leben des Protagonisten Peter Taler aus „Die Zeit, die Zeit“ gerät auf eine völlig andere Bahn, als seine Frau ermordet wird.
Ja, das ist mir sehr bewusst. Es ist ein dramaturgisches Prinzip, es gibt gar nicht viele andere: Entweder verändert sich der Protagonist, und die Welt bleibt, wie sie ist. Oder die Welt verändert sich, und der Protagonist bleibt, wie er ist. Das sind die beiden Grundprinzipien, und weil mich der Prozess der Veränderung weniger interessiert als die Reaktion des Protagonisten auf die Veränderung, habe ich sie manchmal mit Hauruckmethoden herbeigeführt, zum Beispiel mit dem Einnehmen von Drogen wie im Fall von Urs Blank. Es geht immer um Identität. Alle meine Figuren stellen sich die Frage: Wer bin ich? Und wer könnte ich auch noch sein? Diese Änderung der Identität hat oft mit dem Kopf zu tun. Wir bestehen ja aus Erinnerungen, mit anderen Erinnerungen hätte ich eine andere Identität. Ich kann das nicht beweisen, aber es scheint doch zu stimmen. Insofern geht es auch in diesem Buch wieder um Erinnerungen und Identität.
Der Held Ihres neuen Buches hat sich diese Veränderung nicht ausgesucht - wie viele andere Ihrer Helden auch nicht. Was glauben Sie, was die Leser an Ihren Büchern so mögen?
Das ist etwas, worüber ich mir keine Gedanken machen will. Wenn ich mir ganz genau überlegte, warum die Leute meine Bücher lesen, dann verkrampfte ich mich. Ich versuche aber in meinen Büchern, eine Art Dialog zwischen Autor und Leser herzustellen. Ich versuche herauszufinden, was das Minimum an Zauberwörtern ist, das es braucht, um in den Köpfen der Leser das Bild abzurufen, das ich beim Schreiben im Kopf habe. Deswegen spielen alle meine Geschichten in der Schweiz, denn die kenne ich am besten, da weiß ich, was ich erwähnen muss und was ich weglassen darf. So ist es bei den Figuren auch. Sobald mir eine Figur als Leser bekannt vorkommt, ist es keine literarische Figur mehr. Sobald man sagen kann: „Den kenne ich auch“, ist man versucht zu sagen, die Figur entspreche einem Klischee.
Den Vorwurf hat Ihnen die Literaturkritik auch häufig gemacht.
Aber die Kritik ist nicht einig. Ich lese oft auch das Gegenteil. Gerade was die Tiefe meiner Figuren angeht, lese ich oft Positives.
Bevor Sie Schriftsteller wurden, waren Sie in der Werbung als Texter beschäftigt. Sie sind den Umgang mit pointierten Sätzen, mit Sentenzen gewohnt. Nutzt Ihnen das beim Schreiben?
Es ist schon etwas völlig anderes. Außerdem war die Reihenfolge in meinem Leben anders. Weil ich sehr früh gelernt habe, auf Pointen zu schreiben, war ich auch als Werbetexter geeignet. Ich habe immer für den Leser Martin Suter geschrieben. Aber nicht, um dem Martin Suter zu helfen oder eines seiner Probleme zu bewältigen, sondern um sein Interesse zu wecken und wachzuhalten.
Um ihn zu unterhalten.
Ja, ja.
Wenn Ihnen die Kritik dann Oberflächlichkeit und Klischeeverarbeitung vorwirft, fühlen Sie sich missverstanden?
Das wäre jetzt eine Aussage: Martin Suter fühlt sich von der Literaturkritik missverstanden!
Gegen Ihr Anliegen, die Leser zu unterhalten, ist grundsätzlich ja nichts einzuwenden.
Ich getraue mich nur nicht, die großen Namen zu nennen, die das auch wollten, sonst heißt es, Martin Suter vergleicht sich mit dem und dem. Auch die großen deutschen Schriftsteller geben sich Mühe, die Leser bei der Stange zu halten. Selbst im deutschsprachigen Raum ist das Auseinanderhalten von E und U in der Literatur nicht mehr so ausschlaggebend, wie das früher war. Und von den Rezensenten, die das noch hochhalten, sind inzwischen auch die meisten pensioniert.
Warum haben Sie so vergleichsweise spät angefangen, Bücher zu schreiben?
Ich habe mit sechzehn Jahren den Entschluss gefasst, Schriftsteller zu werden. Als ich neunzehn Jahre alt war, wollte ich einfach vom Schreiben leben. Dann habe ich Werbung gemacht und Reisereportagen geschrieben. Ich habe alles gemacht, was es auf dem Gebiet gibt. Ich wollte nur immer auch Geld verdienen. Ich wollte nicht wie Kollegen von mir als Schriftsteller von staatlichen Zuschüssen und Kulturstiftungen leben. Ich habe diese Kollegen zwar immer sehr bewundert, aber ich habe immer auch gern gut gelebt.
Sie galten in den siebziger Jahren als Kinderstar in der Schweizer Werbung. Ich kenne nur einen berühmten Slogan von Ihnen: „Lassen Sie Ihr Geld für sich arbeiten. Sie arbeiten schließlich auch für Ihr Geld.“
Ja, da war ich knapp zwanzig.
Für welchen Kunden war das?
Für die Schweizerische Volksbank, die gibt es nicht mehr. Das habe ich toll gefunden damals, es kommt sogar in den Tagebüchern von Max Frisch vor, als Beispiel für einen zynischen Bankfritzen. Frisch hat diese ganze Kampagne damals kritisiert.
Er hatte recht, das ist zynisch.
Ja, natürlich ist es das. Ich habe mich später auch lange dafür geschämt. Ich hatte damals einfach nach guten Formulierungen gesucht, man war jung und spielte mit den Sprachmuskeln. Ich bin auch froh, dass ich nicht meine Manuskripte aus dieser Zeit veröffentlicht habe, da wimmelt es von solchen Sätzen. Das fand ich damals lustig. Aber bei „Small World“ war ich schon so weit, dass ich nicht mehr überlegt habe, was jetzt mein Stil ist oder was ein guter Stil sein könnte. Ich war mir in Bezug auf die Sprache und die Formulierungen sicher genug. Die Sprache hatte ihren Platz gefunden.
Das Gespräch führte Lena Bopp.
warum die Leser Suters Bücher mögen
vera wisseler (paradelova)
- 30.08.2012, 12:11 Uhr