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Marlene Streeruwitz zum Sechzigsten : Wenn die Welt über die Frauen kommt

  • -Aktualisiert am

Ernste Miene zum bösen Spiel: Marlene Streeruwitz Bild: Peter Rigaud

Fulminant begann ihrer Karriere auf dem Theater. Ihre brachial-schrillen Dramen voller Gewalt, Sex und Routine brachten ihr den Ruf einer Feministin ein. Seit einigen Jahren schreibt sie vor allem Prosa. Und wird in ihren aufregenden Texten der Verstümmelung immer radikaler.

          Lachen sieht man sie so gut wie nie auf Fotos. Die Strenge ist Programm: Zum Humor hat Marlene Streeruwitz ein gespaltenes Verhältnis, nicht nur als Opfer der Satire, zu dem sie 2006 wurde, als Nicolas Stemann sie in seiner Hamburger Inszenierung von Elfriede Jelineks „Ulrike Maria Stuart“ als sprechende Vagina auftreten ließ - ein böses Spiel, zu dem sie keine gute Miene beisteuern wollte: „Deutschsprachiger Humor war immer ein Mittel der Verächtlichmachung.“ Ein Verdikt, das somit auch über Karl Kraus und Kurt Tucholsky verhängt ist.

          Dabei verdankt die in Baden bei Wien geborene Tochter eines Gymnasialprofessors den fulminanten Beginn ihrer Karriere dem Theater. In den neunziger Jahren gehörte sie mit ihren brachial-schrillen Dramen wie „Waikiki Beach“, „Sloane Square“ oder „New York. New York“ zu den meistgespielten Autorinnen im deutschen Sprachraum. Gnadenlos ließ Marlene Streeruwitz die Wogen von Gewalt, Sex und Routine, von Unterhaltungsindustrie, Hochkultur und k.u.k. Nostalgie über ihren (weiblichen) Figuren zusammenschlagen. Wenngleich sich das Publikum damals dem Angriff diverser Körpersäfte im Dienste spätmoderner Aufklärung willig aussetzte - die Machtverhältnisse ließen sich so erwartungsgemäß nicht wegspülen. Die Punze der Feministin war ihr damit ein für alle Mal aufgedrückt, sie nahm's unverdrossen als Ehrentitel.

          Ihr Sprechen: ein Vor-den-Kopf-Stoßen

          Vom Theater, das sie einerseits als zunehmend ungenierten Amüsierbetrieb, andererseits aber auch als ein Produktionssystem der Ausbeutung betrachtet, hat Marlene Streeruwitz sich inzwischen zurückgezogen. Als ebenso scharfsichtige wie -sinnige Essayistin und Kritikerin des real existierenden Kapitalismus versieht sie weiterhin intellektuellen Bereitschaftsdienst, während so mancher Mitstreiter von einst sich längst ermattet zurücklehnt. Dabei scheut sie gewagte Schlüsse und Vergleiche (etwa der Selektion der TV-Reality-Show mit jener im KZ) aus Prinzip nicht. Österreich als Insel der Unseligen, als Hort einer fossilen Vormoderne, von den Segnungen der Aufklärung nie wirklich erreicht, hält sie für dem deutschen Einfühlungsvermögen schlicht nicht zugänglich. Und fordert andererseits gegen die kulturelle Kolonisierung durch den großen Nachbarn eine offizielle Festschreibung des „Österreichischen“ als Landessprache.

          Das öffentliche Sprechen von Marlene Streeruwitz ist immer ein Vorstoß, manchmal ein Vor-den-Kopf-Stoßen: Den Kulturpreis ihrer Heimatstadt Baden nahm sie, die den Namen eines christlich-sozialen Kurzzeitbundeskanzlers von 1929 trägt, aus der Hand der ÖVP-Außenministerin des Kabinetts Schüssel nicht an; den hochdotierten Peter-Rosegger-Preis des Landes Steiermark akzeptierte sie 2009, freilich nicht ohne in einem Interview gegen den konservativen Kulturkritiker Rosegger zu polemisieren und der Politik eine Umbenennung des Preises zu empfehlen.

          In ihrer Literatur ist Marlene Streeruwitz nicht apodiktisch, radikal ist sie allemal - ja sie wird, scheint es, immer radikaler. In ihrer Prosa gelingt es der mit allen Wassern des Poststrukturalismus gewaschenen Slawistin auf erstaunliche Weise, das demontierte Subjekt an seinem Nicht-Ort aufzusuchen und in paradoxer Widerlegung - nicht gegen die Theorie, aber doch ihr zum Trotz - als leidendes und Mitleid verdienendes Wesen dingfest zu machen. Diese Frauen mit ihren Menstruationsbeschwerden und ihren impertinenten Liebhabern, ihren Parkplatznöten und Verstopfungen, ihren Gewichtsproblemen und ihrem Heißhunger auf Sachertorte mögen uns zuweilen auf die Nerven gehen, kalt lassen sie uns nicht.

          Spröde Schönheit der Verstümmelung

          Durch ihre trügerische Nähe zu ihren Heldinnen, aber auch durch Rhythmus und Klang erzeugen die Erzähltexte eine berückende sinnliche Realität. Ihr Markenzeichen, der abgehackte Satz, lässt sich als Instrument der Genauigkeit verstehen. In der kunstvoll ramponierten Syntax spiegeln sich die Blessuren der Gesellschaft, der punktierte Text offenbart die Beschädigung. So wird aus der Not der Verstümmelung eine Tugend, entsteht aus Gestammel eine spröde Schönheit. Und zwar keineswegs, wie manche meinen, in immer derselben Manier, vielmehr einem jeden Thema passgenau angemessen.

          Von ihrem Romandebüt „Verführungen“ (1996) an, in dem sie die selbsterlebte Daseinsangst der frisch geschiedenen Alleinerzieherin virtuos in ein gehetztes Stakkato übersetzt, bis zu ihrem jüngsten Buch „Kreuzungen“ (2008), in dem erstmals ein Mann, ein bedenkenloser Siegertyp, die Perspektive definiert, dreht Marlene Streeruwitz von Mal zu Mal an der Schraube ihrer eigensinnigen Ästhetik. Im schweratmenden inneren Monolog der anpassungswilligen Joggerin mit akademischem Background („Jessica, 30“), in der kühn gegen Edgar Allan Poe erzählten Geschwister-Lovestory („Partygirl“) oder in der von einem Spaziergang am Neusiedler See rhythmisch getragenen Novelle um eine lebensmüde ältere Frau („Morire in levitate“) profilierte Marlene Streeruwitz, die heute sechzig Jahre alt wird, sich als eine der wesentlichen und aufregendsten literarischen Stimmen deutscher Sprache.

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