18.11.2009 · Margaret Atwoods Romane zeichnen sich aus durch grimmigem Witz, Pessimismus und Anteilnahme. Sie vermag es, Aufregendes komplett unaufgeregt zu schildern. Zum siebzigsten Geburtstag der Schriftstellerin.
Von Tilman SpreckelsenAls Margaret Atwood vor einiger Zeit gefragt wurde, wie sie zu den Details ihrer Weltentwürfe käme, zu den postapokalyptischen Szenarien voller Mutanten und den ins Ungeheuere verfremdeten oder kümmerlichen Relikten unserer Zivilisation, antwortete die Autorin: „Ich nehme einen Pfad, auf dem wir uns in der Gegenwart befinden, und zeige, wie er sich in Zukunft weiterentwickeln könnte.“
Nun wird so oder so ähnlich jeder argumentieren, der Science-Fiction schreibt, im Gegensatz zum Utopisten, dem es eher um den Gegenentwurf zum Bestehenden geht als um dessen Weiterentwicklung. Frau Atwood aber ist, um damit anzufangen, schon durch ihren familiären Hintergrund sowie durch ihren eigenen Werdegang berufener als die meisten anderen, diesen Anspruch zu erheben: Die Tochter eines Biologen und einer Ernährungsberaterin, geboren in Ottawa, hat in ihrer Kindheit immer wieder viele Monate in den kanadischen Wäldern zugebracht, wo ihr Vater Insekten nachspürte und ihre Mutter für eine Art Schulunterricht sorgte. Und dass noch Jahrzehnte später das Beobachten von Vögeln zu ihren Leidenschaften zählt, betont die Autorin gern.
Eine Welt, die ins Elend treibt
Wenn Margaret Atwood in den Romanen „Oryx und Crake“ oder „Das Jahr der Flut“ aus unterschiedlichen Perspektiven berichtet, wie durch Manipulationen am Genom verschiedener Spezies neue geschaffen werden und sich diese in einer fast menschenleeren Welt einrichten, dann ist das zu einem sehr viel geringeren Teil Spekulation, als man sich dies wünschen würde. Dies gilt nicht nur für den gesamten Bereich der angewandten Genetik, sondern auch für soziale Befunde wie die räumliche Spaltung einer Gesellschaft, parallel zur sozialen, also die Begründung eingezäunter, sauberer und luxuriös ausgestatteter Bezirke in einer Welt, die ins Elend treibt.
Beruhigend ist das nicht einmal für diejenigen, die sich hinter diese Mauern zurückgezogen haben, das lehrt die Historie so gut wie das Werk dieser Autorin. Denn angefangen mit „Der Report der Magd“ von 1986 bis hin zum jüngsten Roman „Das Jahr der Flut“, der in diesem Herbst auf Deutsch erschienen ist, zeigt Atwood mit stupender Konsequenz, wie sich diese Ordnung nicht aufrechterhalten lässt: entweder weil sich die Ausgesperrten gegen jede Chance zusammenschließen und die Welt der Reichen unterwandern oder weil sich die durch Genmanipulation erzeugten Wesen vom Ersatzorganspender zum rabiaten Riesenkeiler wandeln und so durch ihre schiere Existenz ihren Schöpfern einen Strich durch die Rechnung machen.
Große Fragen
Recherchiert und extrapoliert ist all dies ohne Zweifel äußerst solide und mit großem biologischen Sachverstand. Zwei Dinge aber kommen hinzu, damit aus dieser Disposition heraus ein Werk entsteht, das seiner Urheberin höchste Achtung und immer wieder angesehene Auszeichnungen wie etwa den Booker-Preis einträgt: zum einen die spezifische Mischung aus grimmigem Witz, Pessimismus und Anteilnahme, die sich als Grundhaltung in jedem ihrer Romane findet, und zum anderen die beharrliche Neigung, Aufregendes komplett unaufgeregt zu schildern.
Vor diesem Hintergrund verhandelt sie große Fragen umso effektiver, etwa die nach den Möglichkeiten des Einzelnen in einer allseits determinierten Welt, nach Schutz und Recht für diejenigen, die sich beides physisch nicht verschaffen können, nach den Folgen von Ausbeutung und des allzu gut gemeinten Eingriffs in die Beschaffenheit der Natur. Dass es ihr um etwas geht, teilt sich in jedem von Margaret Atwoods Büchern mit, und ebenso, dass sie einer Botschaft nie ihr literarisches Gewissen opfern würde. An diesem Mittwoch feiert sie ihren siebzigsten Geburtstag.
Tilman Spreckelsen Jahrgang 1967, Redakteur im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Jüngste Beiträge