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Marcel Reich-Ranicki über John Updike Selbstporträt in Fragmenten

29.01.2009 ·  Von autobiographischen Schriften wollte John Updike nichts wissen, doch seine wichtigeren Arbeiten sind auf direkte und gleichwohl diskrete, auch gelegentlich trotzige Weise eben autobiographisch. Marcel Reich-Ranicki zum Tod des Schriftstellers.

Von Marcel Reich-Ranicki
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Auf die Frage, wen er im „Don Quijote“ porträtieren wollte, soll der sterbende Cervantes geantwortet haben: „Mich.“ Flaubert verblüffte die Welt mit dem Bekenntnis: „Emma Bovary - das bin ich.“ Literatur, die etwas taugt, erweist sich immer als Selbstdarstellung, aber Literatur, die bloß Selbstdarstellung ist, taugt nicht viel.

Keiner wusste das besser als John Updike. Von autobiographischen Schriften wollte er nichts wissen, doch seine wichtigeren Arbeiten sind auf direkte und gleichwohl diskrete, auch gelegentlich trotzige Weise eben autobiographisch. Keine seiner Personen darf man mit dem Autor verwechseln. Aber sie alle sind Projektionen und Möglichkeiten desselben Ichs.

Das Erlebnis des Lebens

So alltäglich die von ihm skizzierte Situationen und so geringfügig die meisten Vorfälle, so ernst nimmt sie Updike. Er erzählt sie um ihrer selbst willen. Nur dass sie eben doch, ob er es will oder nicht, zugleich auch Symptome sind. Denn was er erzählt, weist über sich selbst hinaus. Es signalisiert unentwegt etwas sehr Allgemeines, das unfassbar und berauschend ist. Darf man sagen: das Erlebnis des Lebens? Weil er im Beiläufigen stets Manifestationen des Daseins erkennt, bildet den Kern seiner Geschichten das Motiv der Vergänglichkeit. Am meisten beglücken ihn kleine Kinder, am meisten beunruhigen ihn alte Menschen. Und weil ihn das Leben fasziniert, ist in seinen Geschichten der Tod stets gegenwärtig. Zweierlei kann Updikes Held nicht verstehen: dass er wird sterben müssen und dass es unzählige Menschen gibt, die leben können, ohne an den Tod zu denken.

Wie alle guten Romanciers und alle guten Erzähler kurzer Geschichten geht Updike aufs Ganze. Aber er spricht nie mit beschwörender Stimme, meist entscheidet er sich für einen gedämpften oder plaudernden Tonfall. Nur dass sich Zurückhaltung und Deutlichkeit bei ihm nie ausschließen. Er liebt die kammermusikalische Epik. Er protestiert, aber er attackiert nicht. Vom Geschlecht der Provokateure ist er, nicht von dem der Rebellen. Wie der Tod ist auch die Liebe sein großes Thema. Sie sei - lässt er eine Frau sagen - „eines der wenigen Dinge, die noch immer des Nachdenkens wert sind“, sie ist das Thema, in das alle anderen münden können. „Nach einer Frau sich zu sehnen, das bedeutet, sich danach zu sehnen, sie zu erretten.“ Solchen Sätzen mag man entnehmen, wie Updike die Liebe versteht.

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Jahrgang 1920, ehemaliger Leiter des Literaturteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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