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Louis Begley in Frankfurt Alles, was die Menschheit braucht, ist Recht

21.06.2009 ·  In der Frankfurter Alten Oper hat der amerikanische Schriftsteller Louis Begley jetzt sein gerade erschienenes, in der F.A.Z. auszugsweise vorabgedrucktes Buch „Der Fall Dreyfus“ vorgestellt. Es war ein lehrreicher Abend über die Macht der Literatur.

Von Edo Reents
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Was können wir aus dem Schicksal des Alfred Dreyfus noch lernen? Eine Menge. Man muss den Fall des 1894 mittels Rechtsbeugung wegen angeblichen Landesverrats degradierten, zu lebenslanger Haft auf der Teufelsinsel vor Französisch-Guayana verurteilten jüdischen Hauptmanns im Dienste der französischen Artillerie nur mit historischer, juristischer und literarischer Tiefenschärfe zu deuten wissen.

Louis Begley, ein an Kafka geschulter Autor, bedient sich für seine lehrreiche Parabel eigener, am eigenen Leibe erlittener Erfahrungen und macht dazu die Einsicht in die mit dem 11. September 2001 wieder in Gang gesetzten Gesetzmäßigkeiten des Paranoiden fruchtbar.

Sein Verfahren: Der Dreisatz

Der amerikanische Schriftsteller hat jetzt sein gerade bei Suhrkamp erschienenes, in dieser Zeitung auszugsweise vorabgedrucktes Buch in der Frankfurter Alten Oper vorgestellt. Man könnte das historisch-literarische Verfahren, dessen Begley sich in „Der Fall Dreyfus: Teufelsinsel, Guantánamo, Alptraum der Geschichte“ bedient, als Dreisatz bezeichnen.

Ein Dreisatz ist kein mathematisch-axiomatischer, von vornherein feststehender Gewissheitssatz, sondern ein Lösungsverfahren für Proportionalaufgaben, das Erschließen einer unbekannten Größe anhand dreier bekannter Größen, die man nur ins richtige Verhältnis zu setzen braucht. Louis Begley tut das: Er kommt über den Fall Dreyfus, den Zweiten Weltkrieg und die Völkerrechtsverstöße der Bush-Regierung zur gesuchten Größe, die man, im Sinne Begleys und Kafkas, Recht und Gesetz nennen kann.

Wie ein elsässischer Hefezopf

Bei ihr landete Begley auch in der Diskussion. Unverblümt, aber taktvoll hatte der Moderator Denis Scheck ihn gefragt, welche Rolle seine eigenen Erlebnisse beim Schreiben des Buches gespielt hätten. Und der Fünfundsiebzigjährige, der seine polnische Kindheit in Todesangst vor den Deutschen verbrachte, nach dem Krieg in die Vereinigten Staaten emigrierte, dort fünfundvierzig Jahre lang als hochangesehener Anwalt arbeitete und Anfang der neunziger Jahre mit dem erschütternden autobiographischen Roman „Lügen in Zeiten des Krieges“ schlagartig weltberühmt wurde – dieser Mann antwortete: „I fear and hate torture.“

Begley berichtete mit einer bei ihm selten zu beobachtenden Offenheit, wie ihn die Schreie der in seinem polnischen Heimatdorf von NKWD-Angehörigen Gefolterten bis heute verfolgten. Er habe auch sonst erlebt und nie vergessen, was bewaffnete und körperlich überlegene Menschen mit anderen Menschen anstellen können; das habe ihm gezeigt, dass der Mensch böse sei, und der einzige Schutz dagegen seien Recht und Gesetz.

Auf der Grundlage dieses bemerkenswert pessimistischen, persönlich beglaubigten Menschenbildes ist das ganze Buch zu lesen, ein essayistisch-literarischer, extrem verdichteter und sich fast jeden Kommentars enthaltender Kurzschluss zwischen der gegenwärtigen Guantánamo-Thematik mit der Dreyfus-Affäre und allen ihren Folgen. Begley schreibt diesem nichtlinearen Verfahren, das Scheck, vertraut mit Begleys frankophilen Neigungen, mit einem elsässischen Hefezopf verglich, das geheime Leitmotiv des Antisemitismus ein: Ja, Alfred Dreyfus wurde der Weitergabe französischer Militärgeheimnisse an die Deutschen verdächtigt und in einem haarsträubenden Verfahren verurteilt, eben weil er Jude war. Unerbittlich, mit bedrückender Intensität listet Begley in seinem Buch die antisemitischen Ausschreitungen in Frankreich während und nach der Dreyfus-Affäre auf und kommt von hier zum amerikanischen Antiislamismus der Bush-Regierung, die sich, sofern sie Menschen widerrechtlich inhaftiert und gefoltert habe, im Grunde nicht anders verhalten habe als die Nationalsozialisten.

Der Intellektuelle als moralische Instanz

Dieser Vergleich wäre aus dem Munde eines anderen Schriftstellers vermutlich als zu kühn erschienen. Begley zog ihn ganz ruhig und bekannte sich dann zu seiner eigenen Herkunft: Er sei immer Atheist gewesen, aber wann und wo immer sich antisemitischer Geist rege, bekenne er sich zu seinem Judentum, denn als Jude werde man geboren, das könne man sich nicht aussuchen wie eine Meinung. Das rührte, ohne dass es ausdrücklich erwähnt werden musste, an den Kern dessen, was 1986 im Historikerstreit ausgetragen wurde, und jeder im Saal schien dies zu spüren – ein in dieser unrechthaberisch-unverbissenen Form öffentlich vermutlich nur sehr selten zu erlebender Augenblick.

Die inhumanen Ausschreitungen der Dreyfus-Zeit, so Begley, offenbarten ein bis heute wiederkehrendes gleichbleibendes Muster und hätten damals, mit der Parteinahme Émile Zolas für Dreyfus, die Geburt des politisch engagierten Schriftstellers, des Intellektuellen als moralischer Instanz quasi erzwungen. Auf Schecks Frage, ob Schriftsteller diese Position auch heute noch bekleideten, antwortete Begley ohne alle Resignation, Susan Sontag sei wohl die letzte gewesen; diese Rolle werde heute von Richtern, Anwälten und Journalisten ausgefüllt.

Scheck holte gewissermaßen das Beste aus Begley heraus, während der Schauspieler Mario Adorf die deutschen Passagen verlas (vielleicht ein wenig zu launig-robust). Der Dreisatz erbrachte die gleichsam sicherste, jenseits aller Ideologie liegende Gewissheit, dass die Menschheit auf das Recht angewiesen sei.

Am Schluss ein Bekenntnis zur Hoffnung

Suhrkamp-Geschäftsführer Thomas Sparr erinnerte zur Einführung in diesen lehrreichen Abend an das Wort Axel Eggebrechts von 1946: Etwas wie die Dreyfus-Affäre habe Deutschland gefehlt – leider, denn es hätte zur rechtzeitigen Klärung rechtsstaatlicher Positionen beitragen können. Louis Begley, der amerikanische Patriot, der jede Gefahr wittert, hielt sich von nationaler Selbstgerechtigkeit indes fern und dämpfte seinen persönlichen Optimismus, der ihm am 21. Januar, am Tag nach der Amtseinführung Präsident Obamas, beim Vorwort zu seinem Buch noch die Feder geführt hatte, ein wenig. Aber die Zuversicht, dass die unschuldigen Guantánamo-Häftlinge, die außerhalb Amerikas aufzunehmen Begley als wünschenswerten Akt der Freundschaft bezeichnete, eines Tages so rehabilitiert werden wie schließlich Alfred Dreyfus, gibt er nicht auf, auch wenn es noch genug amerikanische Senatoren gibt, die Obama in dieser Hinsicht das Leben schwermachen.

Der Schluss seines Buchs ist ein Bekenntnis zur Hoffnung, Kraft und Wahrheitsliebe der Literatur: „Die großen Dramen und Romane, die uns die Augen öffnen für alles, was die Zeit und das Vergessen gemeinsam bewirken können, müssen noch geschrieben werden.“ Es muss nicht immer the great american novel sein – wir wissen jetzt wieder, was politischer Essayismus bewirken kann.

Historie im Dreisatz:
Louis Begley erklärt in Frankfurt, warum die Prozesse gegen die
Guantánamo-Häftlinge die Dreyfus-Affäre
wiederholen.

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Jahrgang 1965, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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